Niederlande: Gezieltes Fluten als Hochwasserschutz

24. Juni 2014, 12:32
38 Postings

Vermehrte Hochwasser sind das Resultat des steigenden Meeresspiegels. Statt die Dämme höher zu bauen, gehen die Niederlande den umgekehrten Weg. 

In der Ferne sieht er die Bagger graben. "Ein bisschen seltsam ist es schon", findet Mark Broekmans. Eigentlich stelle es das Weltbild der Niederländer total auf den Kopf: "Bislang haben wir unsere Deiche ja immer erhöht", meint der 38-jährige Bauer. "Niedriger haben wir sie noch nie gemacht!"

Das galt auch für den alten Flussdeich, der ihn und die anderen Bauern im Overdiepsepolder, einem Flussauengebiet rund 50 Kilometer südöstlich von Rotterdam, vor dem Wasser geschützt hatte. Sechs Meter war er bis vor kurzem noch hoch. In den nächsten Monaten soll der Deich dreieinhalb Meter niedriger werden.

Wasser für Hochwasserschutz

Denn der Overdiepsepolder, der vor 40 Jahren mühsam trockengelegt wurde, wurde zum Katastrophenpolder erklärt, das heißt bei drohendem Hochwasser kann er geflutet werden, um überschüssige Wassermassen abzuführen. Auf diese Weise sollen die dichtbesiedelten Gebiete weiter flussabwärts geschützt werden.

"Angst vor nassen Füßen haben wir dennoch nicht!" lacht Mark Broekmans. Seine Familie hat sich samt den 120 Milchkühen rechtzeitig ins Trockene gebracht und ist auf einen "Terp" umgezogen, einen sechs Meter hohen Hügel aus Sand- und Erdlagen. Insgesamt acht wurden gebaut. Wie Minitafelberge erheben sie sich aus dem Oberdiepsepolder.

Kein Schaden mehr für die Bauern

Den Wasserbauexperten zufolge wird das Gebiet alle 25 Jahre einmal unter Wasser stehen. Dann werden die acht Terpen zu kleinen Inseln, die durch Brücken mit dem Festland verbunden sind. "Den Bauern entsteht dadurch zwar Schaden auf ihren Äckern und Feldern, aber der wird vom Staat kompensiert", erklärt Ingwer de Boer, Direktor des nationalen Hochwasserschutzprogramms.

Rund zwei Millionen Menschen weiter flussabwärts seien durch diese Flutung vor dem Hochwasser sicher, so de Boer: "Das gilt auch für die Häuser und Ställe der Bauern, diese brauchen auf den Terpen ebenfalls keine Schäden mehr zu fürchten."

Die Terpen sind eines von 34 Projekten, die im Rahmen dieses speziellen Hochwasserschutzprogrammes für Flüsse realisiert werden. Die nationale Wasserbehörde Rijkswaterstaat arbeitet dazu eng mit betroffenen Provinzen, Städten und Ministerien zusammen.

Mehr Regen durch Klimawandel

Insgesamt 19 Instanzen haben ihre Kräfte gebündelt und ihrerseits ein Heer aus Experten eingeschaltet. Gesamtkosten: 2,3 Milliarden Euro. Dann werden die Flüsse maximal 16.000 statt 15.000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde abführen können. Das ist notwendig, da durch den Klimawandel nicht nur der Meeresspiegel steigt, sondern auch die Niederschläge zunehmen.

Diese überschüssigen Wassermassen müssen schnell abgeführt werden, immerhin liegt fast die Hälfte der Niederlande auf Meeresspiegelniveau oder darunter. Nicht mehr gegen das Wasser kämpfen, sondern mit dem Wasser leben, lautet die neue Devise: "leven met water".

20 Jahre Überzeugungsarbeit

Auslöser für diese neue Gewässerpolitik waren die Beinahekatastrophen von 1993 und 1995 im Dreistromgebiet zwischen Niederrhein, Maas und Waal. 250.000 Menschen mussten sich damals in Sicherheit bringen. Zum Glück hielten die Deiche. Es blieb bei einem heilsamen Schock, der dazu führte, dass die Niederländer ihr Verhältnis zum Wasser neu überdachten.

Dass es fast 20 Jahre lang dauerte, um Maßnahmen zu realisieren, lag an der Überzeugungsarbeit. Denn durch das Zurückversetzen von Deichen verlieren viele Bürger Heim und Hof und müssen umziehen. Auch im Overdiepsepolder wohnten einst 17 Bauern. Nur acht von ihnen konnten auf Terpen umziehen. (Kerstin Schweighöfer aus Rotterdam, DER STANDARD, 24.6.2014)

  • Auf sechs Meter hohen Sand- und Erdlagen sollen die Bauern und ihre Höfe vor  Hochwasser geschützt sein. Der Rest wird etwa alle 25 Jahre unter Wasser stehen.
    foto: aeroview-rotterdam

    Auf sechs Meter hohen Sand- und Erdlagen sollen die Bauern und ihre Höfe vor Hochwasser geschützt sein. Der Rest wird etwa alle 25 Jahre unter Wasser stehen.

Share if you care.