"Die Zukunft ist, ein Auto zu benutzen wie ein Handy"

Interview24. Juni 2014, 05:30
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Wir stecken in einem grünen Strukturwandel, sagen der deutsche Forscher Hannes Rose und der Schweizer Jörg Beckmann. Wie wir uns künftig fortbewegen, erfragte Katharina Mittelstaedt

STANDARD: Die Ukraine-Krise macht die unbehagliche Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen wieder deutlich, an Alternativen im Bereich Mobilität wird seit langem geforscht - warum sind Benzinmotoren noch nicht ausgestorben?

Rose: Anfang des 20. Jahrhunderts gab es noch mehr Elektroautos auf der Straße als Verbrennungsmotoren. Doch schlussendlich waren sie den fossilen Treibstoffen unterlegen. Heute gibt es Elektrofahrzeuge, die mit einer Ladung 350 Kilometer fahren. Das Problem ist weniger die Leistungsstärke als die Denke: Ich muss ein Fahrzeug besitzen und stehe dann vor der Hemmschwelle, dass das Elektroauto teurer ist. Dabei handelt es sich bloß um eine andere Kostenstruktur. Nach etwa sieben bis zehn Jahren haben sich die Ausgaben in bestimmten Fällen bereits heute durch den günstigeren Betrieb amortisiert.

Beckmann: Da gibt es noch enormen Aufklärungsbedarf. Nicht nur die Endnutzer, sondern auch viele Politiker müssen sich endlich von diesem verbrennungsmotorisch determinierten Denken lösen und erkennen, dass wir uns inmitten eines ökologischen Strukturwandels befinden.

STANDARD: Was kann von jedem getan werden?

Beckmann: Das Stichwort ist Subsidiarität. Es gibt hunderte Beispiele, wie einzelne Politiker und Unternehmensführer mit innovativen Entscheidungen etwas verändern können. Man muss dafür nicht die national ausgerufene Mobilitätswende abwarten. Ein Schweizer Großunternehmer hat etwa seiner Geschäftsleitung gesagt, dass sie sich egal welches Fahrzeug als Geschäftswagen zulegen können. Aber für jedes Gramm CO2, das ausgestoßen wird, wird Strafe gezahlt. Ergo: Alle fahren Elektroautos.

Rose: In Norwegen ist inzwischen jedes fünfte neu verkaufte Fahrzeug eines mit Stecker, weil die Politik dort Weichen gestellt hat: Steuererleichterungen, Mautbefreiung, Ladestrukturen. In Oslo dürfen Elektroautos auf der Busspur fahren.

STANDARD: Und diese politischen Anreizsysteme fehlen in Deutschland und Österreich?

Rose: Deutschland hat sich eine Million, Österreich 200.000 Elektroautos bis 2020 zum Ziel gesetzt. Das ist in Anbetracht der bisherigen Entwicklungen unrealistisch.

Beckmann: Aber nicht deshalb, weil es nicht möglich wäre, sondern weil zu wenig dafür getan wird. Die Ziele sind gut, aber man muss eben auch eine entsprechende Strategie liefern.

STANDARD: Vor allem deshalb, weil doch auch Strom nicht per se sauber ist. Würden alle Österreicher auf Elektroautos umsteigen, müssten wir nicht erst recht wieder Atomstrom zukaufen?

Rose: Umweltfreundliche Mobilität hängt ganz klar auch heute noch stark vom Markt ab. In China ist beispielsweise jeder effiziente Diesel umweltfreundlicher als ein Elektrofahrzeug, weil die Energie dort zum Großteil aus Kohlestrom gewonnen wird. Es muss an vielen Stellen gleichzeitig optimiert werden, damit eine Mobilitätswende funktioniert.

Beckmann: In den westeuropäischen Industrienationen habe ich dennoch die Möglichkeit, mein Elektroauto mit rein erneuerbaren Energien zu betreiben, indem ich mir ein Ökostrom-Abo leiste. Für die Schweiz kann ich sagen, dass wir für die Vollelektrifizierung der Personenwagen mit einem Mehrverbrauch an Strom von fünf bis zehn Prozent rechnen müssten.

STANDARD: Was bleibt, ist das Hindernis, dass man mit Elektroautos einfach nicht so mobil ist. Es gibt keine flächendeckende Infrastruktur, will ich nach Tschechien auf Urlaub fahren, geht das wohl auch kaum. Was ist also die Zukunft?

Beckmann: Sie würden bestimmt auch eine Waschmaschine kaufen, obwohl Sie einmal im Jahr einen Teppich zu reinigen haben, der da nicht reinpasst. Mittlerweile kann in Deutschland, Österreich und der Schweiz fast jeder umsteigen. Die normalen Fahrdistanzen liegen im Radius. Wenn ich mich schlaumache, kann ich untertags irgendwo zwischenladen, am Arbeitsplatz oder zur Not beim Nachbarn, der mir ein Kabel über den Balkon runterlässt. Für die extremen Mobilitätsbedürfnisse braucht es nicht das eigene Auto. Es ist gut, ein Schnellladenetz zu haben, aber die Idee ist, dass wir das Fahrzeug zu Hause laden. Wir sind nicht mehr von Tankstellen abhängig.

Rose: Es gibt individuelle Lösungen für jegliche Mobilitätsbedürfnisse. Fährt man einmal im Monat eine weite Strecke, holt man sich vielleicht ein Auto mit Range-Extender oder ein Plug-in-Hybrid, mit dem man regional vollelektrisch unterwegs ist, und für weite Strecken benutzt man den Verbrennungsmotor. Um einmal im Jahr in den Urlaub zu fahren, ist das beste Modell, sich ein Wunschfahrzeug für genau diese Strecke auszuleihen.

Beckmann: Wir müssen uns vom Auto als Universalvehikel verabschieden. Das brauchen wir nicht mehr. Das Ekomobil der Zukunft ist das elektrisch angetriebene und kollektiv genutzte Fahrzeug, das wir benutzen wie ein Handy: Wo man eine Steckdose findet, lädt man neu auf.

STANDARD: Aber ein Auto ist doch viele mehr als nur Mittel zur Mobilität. Es ist ein Statussymbol.

Beckmann: Das Auto ist ein hoch emotionalisierter Alltagsgegenstand. Keine weiße Ware, kein Kühlschrank. Unter Umständen will ich auch ein Auto, das 350 Tage im Jahr in der Garage steht, mit dem ich an den restlichen 15 Tagen über einen Pass fahre und es ansonsten putze. Das ist ein wichtiger Aspekt. Neue Mobilitätskonzepte dürfen nicht nur rational ansetzen, es müssen weiterhin Emotionen verkauft werden. (Katharina Mittelstaedt, DER STANDARD, 24.6.2014)

Jörg Beckmann (48) ist Gründer und Geschäftsführer des Schweizer Vereins Swiss eMobility.

Hannes Rose (30) ist Leiter des Competence-Centers Mobility Innovation Lab des Fraunhofer-Instituts IAO in Stuttgart.

  • Hannes Rose: für flexible Lösungen im Verkehr.
    foto: standortagentur

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  • Fast jeder kann umsteigen, sagt Jörg Beckmann.
    foto: standortagentur

    Fast jeder kann umsteigen, sagt Jörg Beckmann.

  • "Wo man eine Steckdose findet, lädt man neu auf."
    foto: dpa

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