Warum Vollgeld keine Lösung ist

Leserkommentar23. Juni 2014, 16:55
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Die Einführung von Vollgeld löst die zentralen Probleme des Finanz- und Bankensystems nicht

Die Krise der letzten Jahre hat tiefe Wunden hinterlassen. Die Arbeitslosigkeit ist bedrückend hoch, und die Armut ist vor allem in Südeuropa dramatisch gestiegen. Die Verteilung der Einkommen und Vermögen erreicht weltweit wieder Schieflagen, die jahrzehntelang undenkbar waren. Offensichtlich ist unser Wirtschaftssystem immer weniger in der Lage, sein Wohlfahrtsversprechen für eine breite Mehrheit der Bevölkerung einzulösen.

Kein Wunder also, dass immer mehr Menschen über Alternativen nachdenken. Einen logischen Ansatzpunkt für die Reformdebatte bildet das Finanzsystem, das ein zentraler Auslöser der Krise war. Christian Felber hat sich an dieser Stelle kürzlich für die Einführung von Vollgeld eingesetzt. Dieser Vorschlag geht jedoch am Kern der Probleme im Finanzsystem vorbei.

Die Grundprinzipien einer Vollgeldreform sind leicht verständlich. Banken sollen künftig keine Möglichkeit mehr haben, durch die Vergabe von Krediten neues Geld zu schaffen. Alles Geld kommt von der Zentralbank und wird über den Staat in Umlauf gebracht. Konsument_innen und Unternehmen haben die Möglichkeit, ihr Geld auf unverzinste und sichere Konten zu legen.

Zentrale Steuerung

Alternativ leihen sie es den Banken gegen Zinsen, die es dann wieder als Kredite weitergeben. Auf diese Weise soll die Geldmenge von der Zentralbank gesteuert und entsprechend dem gewünschten Wirtschaftswachstum festgelegt werden.

Die Geldmengensteuerung hat ihre Wurzeln in den 1930er-Jahren und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von Ökonomen rund um Milton Friedman weiterentwickelt. In den 1970er- und 80er-Jahren wurde sie von vielen Zentralbanken aufgegriffen und war ein wichtiges Element des aufkommenden Neoliberalismus. Ihr liegt die Annahme zugrunde, dass die Menge des verfügbaren Geldes das Wirtschaftswachstum bestimmt.

In der Realität hat sie allerdings nie funktioniert. In den 1990er-Jahren sind die Zentralbanken daher weltweit dazu übergegangen, anstelle der Geldmenge direkt die Zinsen zu steuern.

Problem der Geldmengensteuerung

Die Probleme einer Geldmengensteuerung würden auch in einem Vollgeldsystem auftreten. Da sich die Banken nicht mehr direkt bei der Zentralbank verschulden, kann diese über den Leitzins keinen unmittelbaren Einfluss auf die Kreditzinsen nehmen. Letztere würden dann ausschließlich von Angebot und Nachfrage nach Geld bestimmt werden. Die dahinterstehenden Spar- und Investitionsentscheidungen von Haushalten und Unternehmen sind jedoch stark vom allgemeinen wirtschaftlichen Umfeld geprägt und ändern sich laufend.

Es ist daher wahrscheinlich, dass die Kreditzinsen in einem Vollgeldsystem stärker schwanken als bisher. Einer der wichtigsten Preise einer Volkswirtschaft wird somit destabilisiert. Versucht die Zentralbank trotzdem den Zinssatz stabil zu halten, so muss sie den Banken kurzfristig Kredite gewähren oder Geld entziehen. Sie gibt damit de facto die Geldmengensteuerung auf.

Die Höhe der Kreditzinsen ist auch in einem Vollgeldsystem so wichtig, dass die Zentralbank sie nicht ignorieren kann. Im Gegensatz zu heute wird sie aber nur indirekt über die Geldmenge beeinflusst. Das System wird damit komplizierter und anfälliger für Schwankungen.

Doch selbst ihr wichtigstes Ziel würde eine Vollgeldreform nicht erreichen: die Beseitigung des prozyklischen Verhaltens des Finanzsektors, wie wir es heute sehen. Im Boom vor der Krise weiteten die Banken ihre Kreditvergabe zu stark aus und befeuerten damit Spekulationsblasen. Nachdem diese geplatzt waren, schränkte der Finanzsektor die Kreditvergabe zu stark ein und vertieft damit bis heute die Rezession.

Diese Verstärkung von Auf- und Abschwüngen soll mit Vollgeld ein Ende haben. Das ist jedoch nicht zu erwarten: Läuft die Wirtschaft gut und werfen die Investitionen hohe Gewinne ab, dann werden auch in einem Vollgeldsystem immer mehr Anleger ihr Geld gegen Zinsen verleihen, anstatt es sicher zu verwahren.

Der Zinssatz für Kredite wird dadurch gedrückt und der Boom verstärkt. Wenn im entgegengesetzten Fall die Unsicherheit steigt, ziehen die Anleger ihr Geld ab und verschärfen somit die Krise. Da die Zentralbank im Normalfall keine Kredite an Banken vergibt und ihnen kein Geld entziehen kann, hat sie auch keine Möglichkeit gegenzusteuern.

Die Einführung von Vollgeld löst also die zentralen Probleme des Finanz- und Bankensystems nicht und braucht flankierend weitere Maßnahmen, um es zu stabilisieren. Die Umsetzung solcher Maßnahmen allein würde künftige Krisen allerdings wesentlich effektiver verhindern als eine Vollgeldreform.

Was sinnvoll wäre

Sinnvoll wäre beispielsweise, die Geschäfts- und Investmentbanken streng zu trennen und beide auf ihre eigentliche Aufgabe zu reduzieren: Geschäftsbanken verwalten Sparkonten und vergeben Kredite für Realinvestitionen, während die Investmentbanken langfristig gebundenes Kapital in langfristige Investitionen schleusen. Eine solche Trennung würde auch verhindern, dass der Finanzsektor übermäßig aufgebläht ist und somit ganze Volkswirtschaften ins Wanken bringen kann. Sinnvoll wäre auch, große Vermögen effektiv zu besteuern, um so das "Spielkapital“ auf den Finanzmärkten zu reduzieren.

Die positiven Eigenschaften der aktuellen Geldordnung – Flexibilität, dezentrale Kreditvergabe, direkte Zinssteuerung – würden dabei bestehen bleiben. Die Vollgeldreform würde hingegen genau diese Elemente beseitigen. An den wahren Krisenursachen – der prozyklischen Kreditvergabe sowie der Größe und Komplexität des Finanzsektors – geht sie hingegen vorbei. (Leserkommentar, Stefan Ederer, derStandard.at, 23.6.2014)

Stefan Ederer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO).

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