Googles langer Atem zahlt sich aus

24. Juni 2014, 17:29
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Wie sich die Experimentierfreudigkeit des Unternehmens zum Wettbewerbsvorteil entwickelt

Innerhalb der IT-Branche hat sich Google einen gewissen Ruf erarbeitet: Bei kaum einem anderen Unternehmen wird so intensiv - und noch dazu oftmals öffentlich - mit neuen Ideen experimentiert. Die Palette an Betätigungsfeldern der als kleine Suchmaschine gestarteten Firma hat mittlerweile ein beeindruckendes Ausmaß angenommen von selbstfahrenden Autos über die Roboterentwicklung bis zur Forschung an künstlicher Intelligenz reicht die derzeit bekannte  Palette.

Klare Zielsetzung

Was dabei gerne einmal übersehen wird: Google verfolgt selbst mit jenen Projekten, die zunächst begrenzt alltagstauglich sind, meist durchaus konkrete, aber eben langfristige Ziele - oder weiß sie zumindest gut weiterzuverwerten. Ein Umstand, der sich dieser Tage eindrucksvoll zeigt, wenn Google mit dem Launch von Android Wear und den ersten damit ausgestatteten Geräten in den Wearables-Bereich einsteigt. Spielt bei diesem doch die Sprachsteuerung eine wichtige Rolle. Immerhin stoßen bei Geräten dieser Kategorie klassische Eingabeformen, wie sie etwa bei Smartphones genutzt werden, alleine schon aufgrund des Formfaktors an ihre Grenzen.

Vorgeschichte

Dass diese Sprachsteuerung mittlerweile relativ gut funktioniert, ist eben genau jenem langen Atem von Google zu verdanken. Als das Unternehmen im Jahr 2010 erstmals Android per “Voice Actions” steuerbar machte, wurde dies zunächst als nette Spielerei ohne großen Alltagsnutzen abgetan.

Cloud

Doch eine damals von Google getroffene Entscheidung sollte eine wichtige Grundlage für die Zukunft legen: Erstmals wurden die Anfragen nämlich nicht direkt - und rechenintensiv - am Gerät analysiert, sondern als Sample an die Google Cloud geschickt, wo sie dann zentral mit der ganzen Rechenkraft des Unternehmens ausgewertet werden. Mithilfe all dieses riesigen Datenpools wurde dann die Spracherkennung über die Jahre immer weiter verfeinert.

Vor-Vorgeschichte

Dass dies 2010 überhaupt möglich war, geht übrignes auf eine Google-Idee noch früheren Datums zurück: Bereits im Jahr 2007 hatte Google einen kostenlosen, vollständig computerisierten Informationsservice in den USA gestartet - der die ersten Daten zur Verfeinerung der Algorithmen lieferte. Was vor mehr als sieben Jahren noch ein nettes Hobby des Unternehmens zu sein schien, hat also die Grundlage für all die sprachlichen Kommunikationsfähigkeiten aktueller Google-Systeme gelegt.

Alles aus der selben Hand

Natürlich hätte Google auch einfach entsprechende Technologien lizenzieren können - wie es etwa Apple oder Samsung für ihre Sprachassistenten tun. Doch genau hier liegt - neben der verringerten Abhängigkeit von Drittherstellern - ein entscheidender strategischer Vorteil: Im Gegensatz zum Mitbewerb hat Google sämtliche Technologien selbst in der Hand, kann also deren Entwicklung untereinander abstimmen, und vollständig nach den eigenen Bedürfnissen ausrichten.

Ausblick

Und dies ist ein Vorteil, der sich wohl in der Zukunft noch verstärkt rentieren wird. Denn während eine funktionstüchtige Spracherkennung bei Wearables zwar sehr hilfreich aber noch kein "Muss" ist, ist sie eben genau für jene anderen derzeit noch recht fern wirkenden Projekte wie die einleitend bereits erwähnten Roboter oder der immer wieder von Google als Zielvorgabe genannte "Star Trek Computer" unerlässlich. Doch man muss gar nicht so weit in die Zukunft schweifen, wird die Spracherkennung doch beispielsweise schon jetzt für sehr konkrete Alltagsaugaben wie die automatische Erstellung von Untertiteln bei Youtube-Videos verwendet.

Bildlich

Die Sprachsuche ist natürlich bei weitem nicht das einzige Beispiel für diese Herangehensweise des Unternehmens. So war es etwa eine kleine Smartphone-App namens Google Goggles - und die dafür stattfindende Entwicklung im Hintergrund - die einiges dazu beigetragen hat, dass die Google-Algorithmen mittlerweile immer besser konkrete Objekte in Fotos identifizieren können. Und während es nicht unbedingt als essentiell anzusehen ist, dass die eigenen Freunde und Freundinnen in der eigenen Fotosammlung korrekt identifiziert werden, ist eine richtige Erkennung des Umfelds für selbstfahrende Autos essentiell. Aktuell ist es beispielsweise das Project Tango, mit dem Google räumliche Erfassung per 3D-Kamera trainiert - um dann wohl in ein paar Jahren beim Roboterbau davon zu profitieren.

Vorteile und Gefahren

In Summe zeigt sich also, dass eben jene sehr offensive Experimentierfreudigkeit langfristig auch wirtschaftlich durchaus Sinn für das Unternehmen ergibt. Was von vielen AktionärInnen nur angesichts der ungebrochen starken Geschäftszahlen von Google geduldet wurde, erweist sich also als zentrale Stärke. Das Unternehmen baut sich auf diese Weise nach und nach neue Standbeine auf, die die Abhängigkeit vom Werbegeschäft auf Sicht deutlich reduzieren könnten. Bis es soweit ist verbleibt aber auch genau hier das große Risiko: Sollte Googles Kerngeschäft - etwa durch eine Krise des Werbemarkts - ins Strudeln kommen, wird es wieder deutlich schwieriger werden, mit der Börse über langfristige Visionen zu diskutieren. In solchen Situationen zählen dann üblicherweise vor allem zeitnahe Erfolge mehr als das ganz große Zukunftsbild.  (Andreas Proschofsky, derStandard.at, 24.6.2014)

  • Auch Googles Entwicklung eines selbstfahrenden Autos ist aus der langfristigen Denkweise des Unternehmens gespeist. Es profitiert nicht nur davon, sondern könnte auch selbst wiederum die Grundlage für ganz andere, kommende Technologien werden - etwa in der Roboterforschung.
    foto: google

    Auch Googles Entwicklung eines selbstfahrenden Autos ist aus der langfristigen Denkweise des Unternehmens gespeist. Es profitiert nicht nur davon, sondern könnte auch selbst wiederum die Grundlage für ganz andere, kommende Technologien werden - etwa in der Roboterforschung.

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