Naturellement schwierig

23. Juni 2014, 17:19
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Thomas Bernhards "Meine Preise" im Pariser Théatre Le Lucernaire

Thomas Bernhard wirkt noch immer, auch in seinem 25. Todesjahr, in vermutlich jeder Sprache. Doch wie inszeniert man Meine Preise, diesen inneren Monolog aus süffisantem Weltekel vor dem offiziellen Preisverleihungsunwesen, unfähigen Kulturministern und ätzenden Kollegen? Nun, vielleicht so wie Le Lucernaire. Als Monolog. Allein auf der kleinen Bühne, die Zuschauer einen Meter entfernt, mit nichts als dem Text. Diese Nichtinszenierung funktioniert, weil diese Suada gegen den Literaturbetrieb, sonor vorgetragen von Laurent Sauvage, sich durch fehlende Effekte von selbst in höchste Sphären der Tragikomik hochschaukelt.

Der Autor des Insöl Verlach bekommt für Frost 1965 den Bremer Literaturpreis. Für das Preisgeld kauft er sich sofort ein Bauernhaus, verrottet zwar, aber mit "excellentes proportions". Vor der Rede leidet er naturgemäß, da ihm im hässlichen Bremen nichts einfällt - außer Assoziationen zu den Bremer Stadtmusikanten. Ein Jahr später, nun selbst in der Jury sitzend, muss er erleben, wie nicht dem von ihm vorgeschlagenen Canetti ("der ist doch auch Jude") der nächste Preis verliehen wird, sondern dem in letzter Minute aus dem Stapel gezauberten Hildesheimer - auch Jude, aber eben ignoranterweise.

Schwierig wird es, als Olivier Martinaud (der auch inszenierte) zur Abwechslung auf die Bühne springt, um über die Verleihung des Österreichischen Staatspreises für Literatur - des "kleinen" versteht sich, den "jedes Arschloch schon bekommen habe" - zu berichten. Hier verschwindet das Bernhardeske plötzlich hinter der Affektiertheit des "Ich-erzähl-euch-jetzt-mal-was-Lustiges". Dabei kann man sich auch ohne übertriebene Gestik gut vorstellen, wie ein wutentbrannter Minister Piffl-Percevic gegen Bernhard die Faust ballte, der doch in seiner (wie er selbst meint) "philosophischen" Rede nur harmlos ein paar Mal das Wort "Staat" in den Mund genommen hatte.

So fragt man sich, ob lesen nicht eigentlich besser ist als zuschauen; und ob man wirklich alles von Bernhard auf die Bühne bringen muss. Für einen kurzweiligen Start in den Abend reicht es jedoch allemal. Und: Die kleine Bühne des Theaters hatte kein Notlicht. Das hätte Bernhard sicher gefallen. (Milosz Matuschek, DER STANDARD, 24.6.2014)

Bis 5. Juli

"Mes Prix Litteraires", Le Lucernaire; 53, Rue Notre Dame de Champs.

www.lucernaire.fr

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