Jugendhaft: Schwieriger Weg zurück ins Leben

24. Juni 2014, 05:30
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Schwere Körperverletzung und wiederholter Drogenmissbrauch: Philipp M. kam mit 18 Jahren in Jugendhaft. Noch während seiner Haftstrafe hat er mithilfe des Vereins Neustart eine Sozialnetz-Konferenz initiiert - und konnte im Leben Fuß fassen

Wolfsberg/Wien - Wie in vielen Haushalten in Österreich ist der Küchentisch der zentrale Ort der Familie M. Die Mutter hat einen Reindling gebacken und in die Mitte des Tisches gestellt. Es duftet im kleinen Einfamilienhaus im Bezirk Wolfsberg in Kärnten. Der 20-jährige Sohn Philipp* kommt jeden Moment von der Arbeit nach Hause. Er absolviert eine Lehre als Fassbinder, in der Freizeit spielt er Fußball. Auf dem Herd steht auch schon die Suppe bereit, die ihm die Mutter gekocht hat.

Zehn Monate Haft

So idyllisch ist es bei Familie M. nicht immer zugegangen. Philipp hat einen weiten Weg hinter sich. Mit 14 die erste gröbere Rauferei, hat er seine gesamte Jugend im Drogen- und Alkoholrausch verbracht. Schulabbruch, mehrere Vorstrafen und schließlich jene Tat, die ihn ins Gefängnis brachte: Bei einer Schlägerei fügte er einem Burschen eine Augenhöhlenfraktur, einen Wirbelbruch, eine Kieferhöhlenfraktur und einen Nasenbeinbruch zu. Philipp wurde nach mehreren bedingten Strafen zu zehn Monaten unbedingter Haft verurteilt. Er kam in die Justizanstalt Klagenfurt, später wurde er ins Freigängerhaus nach Grafenstein verlegt.

Im vergangenen Jahr war nach Übergriffen auf minderjährige Untersuchungshäftlinge eine Diskussion um die Jugendhaft entbrannt. Die damalige Justizministerin Beatrix Karl (ÖVP) hatte einem 14-Jährigen in einer ersten Reaktion auf eine erlittene Misshandlung ausgerichtet, der Strafvollzug sei "kein Paradies". Später setzte sie eine Arbeitsgruppe ein, die Verbesserungen im Jugendstrafvollzug erarbeiten sollte.

Freundlich, eloquent

Übergriffe hat Philipp nicht erlebt. Er ist seit mehr als einem Jahr "draußen". Heute begrüßt er die Anwesenden mit festem Händedruck. Auch sein Vater und die Bewährungshelferin haben um den Küchentisch Platz genommen. Philipp ist freundlich, eloquent. So wild, wie man ihn sich vorstellen würde, schaut der dunkelhaarige junge Mann in sportlicher Kleidung nicht aus.

Der Vater erzählt aus Philipps Kindheit. Schon immer sei er zum Rädelsführer auserkoren worden: "Im Kindergarten war er der Boss." Philipp sagt: "Ich hab mich immer durchsetzen können. Wenn es darauf angekommen ist, war ich der Stärkere." Das habe sich auch in der Jugend fortgesetzt. In der Region habe er sich einen gewissen Ruf erarbeitet: den eines Raufbolds, der Drogen nimmt. Die Sorgen der Eltern und Geschwister waren ihm egal. Dass es so nicht weitergehen könne, habe er erst bemerkt, als die Haft bevorstand. Philipp realisierte, dass er sein Leben ändern muss.

Jugendhäftlinge als Experten

Doch zunächst ging es in den Häf'n. "Ich hab's mir ärger vorgestellt, die meisten waren jünger und schmächtiger als ich." Philipp hatte plötzlich viel Zeit, um Pläne für die Zukunft zu schmieden. Er stand in Kontakt mit dem Bewährungshilfeverein Neustart, absolvierte ein Antigewalttraining. Schließlich erfuhr er von einem Konzept, das in der Bewährungshilfe neuerdings angewandt wird. Bei der sogenannten Sozialnetz-Konferenz (siehe Wissen unten) werden die sozialen Netze des Klienten aktiviert; mithilfe von Freunden, Verwandten und Bekannten wird ein Plan für die Zeit nach der Haftstrafe erarbeitet.

Hans-Jörg Schlechter vom Verein Neustart erklärt im Gespräch mit dem Standard: "Die Jugendlichen sind die eigentlichen Experten ihrer Probleme. Sie sollen selber entscheiden, welche Schritte eingeleitet werden." Durch das Programm ließe sich auch die Zahl der minderjährigen U-Häftlinge verringern.

Auch Philipp wollte sein Leben wieder selbst in die Hand nehmen und organisierte mit seiner Bewährungshelferin eine solche Konferenz. Nicht nur Untersuchungshäftlinge können das Programm in Anspruch nehmen. Das Treffen fand drei Monate vor Philipps Enthaftung im Elternhaus statt, an jenem Küchentisch, an dem Philipp auch heute geduldig die vielen Fragen beantwortet. Er saß dort damals mit Vater, Mutter, Bruder, Schwester und einem "Kumpel" zusammen.

"Der letzte Push"

Fünf Stunden dauerte die Konferenz, die Teilnehmer erarbeiteten Punkt für Punkt einen Leitfaden für Philipps Zeit nach der Haft. Oberste Priorität hatte das Finden einer Lehrstelle. Auch der Führerschein stand auf der Liste. Der Bruder versprach, bei den Bewerbungsschreiben zu helfen. Der Freund wollte sich im Bekanntenkreis umhören. Die Mutter sagte, sie werde im Internet nach Stellenanzeigen suchen. Fünf Monate und 50 Bewerbungsschreiben später klappte es schließlich. Im Sommer 2013 konnte Philipp mit seiner Lehre als Fassbinder beginnen. Die Sozialnetz-Konferenz ist zum richtigen Zeitpunkt gekommen: "Ich wusste schon, dass ich wieder ein geregeltes Leben haben will. Die Konferenz hat mir aber noch den letzten Push gegeben."

Was von seiner Jugend bleibt? Vorerst die Urinprobe, die er alle zwei Monate abgeben muss, und die monatlichen Schmerzensgeldzahlungen an das Opfer, bei dem er sich entschuldigt hat. Rückfällig wird er nicht werden, sagt Philipp, das könne er zu hundert Prozent ausschließen: "Ich lass mich nicht mehr gehen." (Rosa Winkler-Hermaden, DER STANDARD, 24.6.2014)

* Name von der Redaktion geändert

Wissen: Soziales Netz der Häftlinge aktivieren

Das Konzept der Sozialnetz-Konferenz stammt aus dem angloamerikanischen Raum. Im Mittelpunkt stehen die Betroffenen mit ihrem eigenen sozialen Umfeld, die gemeinsam Lösungen konkreter Probleme erarbeiten sollen. Die Ergebnisse werden verschriftlicht. Wichtiger Bestandteil ist auch die Abhaltung einer Folgekonferenz, bei der überprüft wird, ob die gesteckten Ziele erreicht wurden.

Mit Genehmigung und Finanzmitteln des Justizministeriums erprobt der Verein Neustart die Methode seit 2012 an vier Standorten - Wien, Oberösterreich, Steiermark und Kärnten. Über die weitere Fortsetzung und Finanzierung wird im Sommer verhandelt.

Die Sozialnetz-Konferenz wurde mit der „Sozialmarie 2014“ der Unruhe-Privatstiftung ausgezeichnet. (rwh)

  • Philipp M. hatte in der Jugendhaft viel Zeit nachzudenken. Fünf Monate nach der Haftentlassung fand er eine Lehrstelle.
    foto: ap/winfried rothermel

    Philipp M. hatte in der Jugendhaft viel Zeit nachzudenken. Fünf Monate nach der Haftentlassung fand er eine Lehrstelle.

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