Zehn Fragen zum Netflix-Start in Österreich

29. Juni 2014, 09:00
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Wann geht es los, was gibt's zu sehen – und wie viel wird ein Abo kosten? 

Wer von einem "Hype" spricht, übertreibt nicht: Kein anderer Markteintritt sorgt derart für Euphorie wie die Netflix-Ankündigung, noch 2014 in Österreich zu starten. Nicht ganz ohne Grund: Gilt Netflix doch in den USA gemeinsam mit Taxidienst Uber als einer jener "Disruptive Services", die ganze Branchen verändern können. Allerdings gibt es noch einige Fragezeichen, was den Start des Videostreamers in Österreich betrifft. Der WebStandard hat dazu recherchiert.

Was ist Netflix?

Die Basics: Netflix ist ein Videostreaming-Service, der nach dem Abo-Modell funktioniert: Für einen bestimmten Betrag können Nutzer unlimitiert auf Filme und Serien zugreifen und sie über verschiedene Geräte ansehen. Ursprünglich verschickte Netflix mit der Post DVDs, war also eine Fernvideothek. 2007 sattelte man anschließend als eine der ersten Firmen auf Streaming um, in den USA hält man mittlerweile bei rund 33 Millionen Kunden. Netflix kann als App, über diverse TV-Boxen, Tablets, Smartphones oder Videospielekonsolen empfangen werden.

Ist Netflix also eine Art Spotify für Filme und Fernsehserien?

Jein – zwar funktioniert auch Musikstreaming-Service Spotify nach dem Abo-Prinzip und beide Dienste versuchen, individuellen Nutzungsgewohnheiten gerecht zu werden. Allerdings ist die Lizenzierung von Filmen und Serien um einiges komplizierter als die von Songs, etwa weil es in der Musikbranche keinen Zyklus à la Kino – Blu-Ray/DVD – TV gibt. Zusätzlich müssen Musiktitel nicht synchronisiert werden.  Daher ist es einfacher, ganze Kataloge von Musikvertrieben zu erwerben.

Netflix betont selbst, ein "Internet-TV-Kanal“ zu sein und keine Videothek, in der man alle jemals erschienenen Videos sehen kann. Auch ist Netflix kein Pay-TV-Sender, der Filme rasch nach dem Kinostart veröffentlicht. Allerdings soll ein Algorithmus das persönliche Nutzungsverhalten analysieren und dafür sorgen, dass jeder Kunde maßgeschneiderte Filme aus dem eigenen Angebot vorgeschlagen bekommt – sodass er, ähnlich wie beim perfekten TV-Sender, niemals umschalten muss.

Wann ist es so weit?

Offiziell hat Netflix noch keinen Starttermin für Österreich, Deutschland und die Schweiz bekanntgegeben. Gäbe es Wetten, würden allerdings die Monate September und Oktober hoch im Kurs der Buchmacher stehen: Im September 2010 expandierte Netflix erstmals nach Kanada, im September 2011 folgten mehrere süd- und mittelamerikanische Länder wie Brasilien und Mexiko. Im Oktober 2012 wurde das Portfolio um die skandinavischen Staaten erweitert, im September 2013 um die Niederlande.

Ein Muster ist also erkennbar – einziger Ausreißer waren Großbritannien und Irland, hier startete Netflix im Jänner 2012. Allerdings hat Netflix betont, noch 2014 in Österreich verfügbar zu sein. Und das Weihnachtsgeschäft möchte der Videostreamer wohl kaum verpassen.

Wie viel wird Netflix kosten?

Österreichische Nutzer können mit einem Preis von rund 8,99 Euro monatlich rechnen, mit einer Schwankungsbreite von maximal einem Euro. Indizien dafür: In den USA kostet Netflix 7,99 Dollar, in Großbritannien 6,99 Pfund. In Skandinavien ist der Service etwas teurer.

Es gibt mehrere Abo-Varianten: Das Basismodell umfasst in den USA noch nicht HD, außerdem ist Netflix nur auf einem Gerät gleichzeitig abspielbar. Etwas teurere Modelle erlauben dann High Definition und die Nutzung auf zwei (8,99 Dollar) oder vier Geräten (11,99 Dollar) gleichzeitig. Damit wird Netflix wohl etwas günstiger als Konkurrent Sky Snap, der rund 9,90 Euro pro Monate kostet.

Stimmt es wirklich, dass Netflix in Österreich keine Rechte für "House of Cards" hat?

Ja – Hauptkonkurrent Sky hat sich für den deutschsprachigen Raum die Rechte an allen "House of Cards"-Staffeln gesichert, auch an sämtlichen künftigen Folgen. Die Serie wurde bereits 2008 entwickelt, als von einer Netflix-Expansion noch keine Rede war. Die Produktionsfirma Media Rights Capital bot sie damals den US-Kabelsendern HBO, Showtime und AMC an, doch Netflix machte überraschenderweise mit einem hohen Angebot das Rennen. Das Geld holte man durch internationalen Verkauf wieder herein, mittlerweile dürfte man sich im Netflix-Hauptquartier in Los Gatos, Kalifornien, wohl über die kurzfristige Strategie ärgern.

Welche exklusiven Inhalte gibt es dann auf Netflix zu sehen?

Zwar fehlt mit "House of Cards" das Kronjuwel unter den eigenproduzierten Serien, vor allem für Bürger abseits der USA wird Netflix dennoch einige Sahnehäubchen bieten. Der Content auf Netflix kann dabei wie eine Pyramide gesehen werden: An der Spitze stehen Eigenproduktionen, darauf folgen Sendungen, die im jeweiligen Netflix-Land lizenziert und exklusiv gezeigt werden, auf der untersten und breitesten Ebene finden sich alte Serien und Hollywood-Filme.

In puncto Eigenproduktionen erwartet österreichische Nutzer wohl das hochgepriesene "Orange is the New Black“ sowie „Lilyhammer“, „Hemlock Grove“ und einige neue Produktionen, etwa eine Sci-Fi Serie der Wachowski-Geschwister, die für die "Matrix"-Filmreihe verantwortlich zeichneten.

netflix

Außerdem hat Netflix die globalen Ausstrahlungsrechte für das "Breaking Bad"-Spin-off "Better Call Saul“ oder die Serie "Fargo“ – nur in den USA werden diese im traditionellen Kabelfernsehen gezeigt. Zusätzlich gibt es eigenproduzierte Spielfilme oder Dokus; "The Square" über die Revolution in Ägypten war sogar für einen Oscar nominiert:

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In welchem Zeitraum werden die Serien veröffentlicht? Gibt es Zweikanalton?

Netflix wird versuchen, neue Episoden möglichst schnell nach US-Ausstrahlung bereitzustellen. In den Niederlanden, wo nicht synchronisiert, sondern nur untertitelt wird, zeigt der Videostreaming-Dienst neue US-Folgen beinahe zeitgleich mit den USA. Durch die Synchronisation ins Deutsche könnte das etwas komplizierter werden.

Allerdings würde Netflix wohl viele Zuseher an illegale Download-Seiten verlieren, ließe es sich mehr als zwei Tage Zeit. Ein Zweikanalton scheint fix und ist bei portugiesisch- und französischsprachigen Netflix-Filialen gang und gäbe.

Was wird man auf Netflix niemals zu sehen bekommen?

Sportereignisse, Talentshows und andere "Events“ sind für Netflix tabu. Dadurch, dass Zuseher das Ereignis "live“ verfolgen müssten, widersprechen diese Fernsehshows auch der grundlegenden Philosophie von Netflix, derzufolge Zuseher selbst bestimmen sollen, wann sie was wo sehen. Deswegen hat Konkurrent Sky auch nicht übermäßig Angst vor Netflix, da der Pay-TV-Kanal ja stark auf die Exklusivübertragung von Sportereignissen setzt.

Außerdem bevorzugt Netflix in puncto Fernsehsendungen sogenannte "serialised dramas“, bei denen sich Handlungsstränge über mehrere Episoden ziehen. Im Gegensatz dazu stehen "procedurals“ wie der "Tatort", bei der jede Folge einzeln gesehen werden kann.

Wird Netflix österreichische Inhalte anbieten oder sogar produzieren?

Dass Netflix österreichischen Serien oder Filme in sein Angebot aufnimmt, ist sehr wahrscheinlich. In Holland oder Skandinavien stammen rund 20 Prozent der Inhalte aus dem jeweiligen Land. In Österreich soll Netflix mit dem Videostreamer Flimmit verhandelt haben, der allerdings laut Medienberichten auch von anderen Unternehmen und dem ORF heftig umworben wird.

In Sachen Eigenproduktionen sollte man sich zunächst nicht zu viel erwarten; allerdings produzierte Netflix im August 2013 mit "A Toca“ erstmals eine nichtenglischsprachige Sendung mit. Sie erschien auf Portugiesisch bei Netflix Brazil. In Frankreich gibt es heftige Gerüchte über eine Eigenproduktionen, Netflix startet dort zeitgleich mit Österreich. Außerdem könnte es zu Koproduktionen oder Remakes kommen – so plant Netflix in den USA eine englischsprachige Version der dänischen "Borgen“-Serie, die in Seattle spielen soll.

Ist das österreichische Internet gut genug für Netflix?

Das hiesige Netz ist zumindest leistungsstärker als sein US-Pendant. Dort ist Netflix zu Spitzenzeiten für bis zu 34 Prozent der gesamten Datenmenge verantwortlich und soll für Verstopfungen an Datenknoten sorgen.

In Österreich dürfte der Anteil von Netflix am Traffic weitaus geringer sein, zumindest anfangs. Zusätzlich adjustiert der Videostreaming-Dienst die Bildqualität je nach Leistungsstärke, sodass Ruckeln oder gar Ausfälle unmöglich sein sollen. In den USA unterstützt Netflix die Internetprovider auch mit sogenannten "Content Delivery Networks", also Servern, die Netflix-Inhalte direkt zum Nutzer bringen. (fsc, derStandard.at, 29.6.2014)

  • Netflix wird diesen Herbst starten und wohl um die neun Euro kosten.
    foto: ap/sakuma

    Netflix wird diesen Herbst starten und wohl um die neun Euro kosten.

  • Netflix setzt auf eine Mischung aus eigenen Produktionen, exklusiv lizenzierten Inhalten und einer Vielzahl älterer Filme und Serien.
    foto: screenshot/netflix

    Netflix setzt auf eine Mischung aus eigenen Produktionen, exklusiv lizenzierten Inhalten und einer Vielzahl älterer Filme und Serien.

  • Der Internet-TV-Sender stellt jedem Nutzer ein eigenes Programm zusammen.
    foto: screenshot/netflix

    Der Internet-TV-Sender stellt jedem Nutzer ein eigenes Programm zusammen.

  • Kronjuwel "House of Cards" wird bei Konkurrent Sky ausgestrahlt werden ...
    foto: ap/bell

    Kronjuwel "House of Cards" wird bei Konkurrent Sky ausgestrahlt werden ...

  • ... dafür hat Netflix auch in Österreich die Exklusivrechte an der Eigenproduktion "Orange is the New Black", deren Macherin Jenji Kohan einst "Weeds" erfunden hat.
    foto: ap/whilden

    ... dafür hat Netflix auch in Österreich die Exklusivrechte an der Eigenproduktion "Orange is the New Black", deren Macherin Jenji Kohan einst "Weeds" erfunden hat.

  • Auch Dokus wie das preisgekrönte "The Square" über die ägyptische Revolution produziert Netflix selbst.
    foto: ap/square

    Auch Dokus wie das preisgekrönte "The Square" über die ägyptische Revolution produziert Netflix selbst.

  • Der Service startete einst als postalische Videothek, DVDs wurden per Paket versandt
    foto: ap/perlman

    Der Service startete einst als postalische Videothek, DVDs wurden per Paket versandt

  • Reed Hastings setzte später auf Videostreaming, heute ist sein Unternehmen milliardenschwer
    foto: ap/jacobson

    Reed Hastings setzte später auf Videostreaming, heute ist sein Unternehmen milliardenschwer

  • Hauptkonkurrent im deutschsprachigen Raum ist Sky-Snap, das durchaus als sehr ähnlich bezeichnet werden kann
    foto: screenshot

    Hauptkonkurrent im deutschsprachigen Raum ist Sky-Snap, das durchaus als sehr ähnlich bezeichnet werden kann

  • Das Netflix-Hauptquartier in Los Gatos, Kalifornien
    foto: reuters/galbraith

    Das Netflix-Hauptquartier in Los Gatos, Kalifornien

  • Die dänische Serie "Borgen" wird von Netflix in anderen Ländern vertrieben und soll angeblich ein US-Remake erhalten
    foto: apa/epa/orf/kollöffel

    Die dänische Serie "Borgen" wird von Netflix in anderen Ländern vertrieben und soll angeblich ein US-Remake erhalten

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