Versuchte Vergewaltigung in Wien: Schulung von Ärzten entscheidend 

23. Juni 2014, 16:38
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Eine junge Frau soll aus dem Krankenhaus geschickt worden sein - Polizei fahndet nach unbekanntem Täter

Mittlerweile geht es Delaja O. wieder besser, doch leicht fällt es der 23-jährigen Studentin noch immer nicht, über die Nacht zum 23. Mai zu sprechen. Ein Mann war der Wienerin um drei Uhr in der Früh von der Nachtbusstation Enkplatz in Simmering nach Hause gefolgt. Sie fragte den etwa 30-Jährigen, wohin er wolle, er deutete geradeaus, sie bog absichtlich in die nächste Gasse ab. "Dann habe ich aber schon gespürt, wie er mich von hinten würgt, seinen Penis aus der Hose holt", erzählt Delaja rund drei Wochen nach der Tat. Die junge Frau wehrte sich, rief den Namen ihres Freundes, ein Nachbar stürmte aus dem Haus, der Angreifer lief weg.

Die alarmierte Polizei riet der Frau, mit der Rettung in ein Krankenhaus mitzufahren. Dort würde sie etwas zur Beruhigung bekommen und man könnte sie auf DNA-Spuren untersuchen. Delaja O.s Freund riet ihr dazu: "Sie stand unter Schock, ich dachte, dass ihr dort geholfen wird."

Keine Behandlung

Doch eine Behandlung bekam Delaja O. in der Krankenanstalt Rudolfstiftung nicht. So viel steht fest. Wie es dazu kam? – Hierin widersprechen sich die Aussagen von der jungen Frau und ihrem Freund und jene des Krankenanstaltenverbands und des behandelnden Arztes. Laut der jungen Frau wurde sie in die Erstaufnahme des Krankenhauses gebracht, der diensthabende Arzt habe sie in den Behandlungsraum gebeten und nach den Vorfällen der Nacht gefragt.

Die Studentin erzählte von dem Übergriff, der Arzt soll "Ich weiß wirklich nicht, wie ich Ihnen helfen soll" und "Was machen Sie um drei Uhr in der Früh noch auf der Straße?" geantwortet haben. Überhaupt sei der Mediziner teilnahmslos und desinteressiert gewesen. Der Freund sei daraufhin lauter geworden, forderte den Arzt auf, mehr Anteilnahme zu zeigen. Daraufhin habe dieser das Zimmer verlassen, der Pfleger habe sogar mit dem Sicherheitspersonal gedroht. "Wir fühlten uns hinausgeschmissen", erzählt Delaja.

Arzt entschuldigte sich

Erst in der nahegelegenen Polizeiwache habe man sich gut behandelt gefühlt. "Die Polizisten haben quasi den Job des Krankenhauspersonals übernommen", erzählt Delajas Freund: "Sie waren einfühlsam und haben meine Freundin mit dem Streifenwagen zur Beweissicherung gefahren."

Noch Tage nach der Attacke traute sich die junge Frau nicht aus der Wohnung, hatte Angst auf der Straße und begab sich schließlich in Therapie. Als sie von den Vorkommnissen im Krankenhaus erzählte, kontaktierte ihre Therapeutin das Spital – der Arzt wurde ans Telefon geholt und entschuldigte sich schließlich bei der Frau. Doch Delaja O. will es nicht darauf beruhen lassen, ging zur Patientenanwaltschaft und machte ihren Fall zusätzlich publik: "Damit so etwas keiner Frau mehr passieren muss."

Schulungen für Krankenhauspersonal

Johann Baumgartner, Sprecher des Krankenanstaltenverbundes, kennt den Fall aus dem Krankenhausprotokoll und durch Gespräche mit dem diensthabenden Arzt. So sollen Delaja und ihr Freund "verständlicherweise emotional aufgebracht" gewesen sein. Der Arzt habe versucht, die beiden zu beruhigen, wollte ein Gespräch führen. Das wäre ihm schlussendlich nicht gelungen. Das Paar habe von sich aus das Gespräch abgebrochen und das Krankenhaus verlassen. Im Krankenanstaltenverbund sei man sich laut Baumgartner aber der Wichtigkeit des Themas bewusst und würde allein im aktuellen Jahr 45 Schulungen zum Thema "Kommunikation" anbieten.

Auch für Martina K. Sommer, Leiterin des Frauennotrufs der Stadt Wien, sind unter anderem Schulungen  des Krankenhauspersonals ein wichtiges Thema. So halte auch der Frauennotruf selbst Vorträge in den Opferschutzgruppen der Spitäler, um über die rechtlichen Aspekte, die richtige Wortwahl und die Sensibilität, wie man Gewalt an Frauen erkennt, zu informieren. Zu dem Fall von Delaja O. könne Sommer nichts sagen, da sie keinen Einblick habe. Prinzipiell war es aber "ein großer Schock", zumal man die Opferschutzgruppe der Rudolfstiftung als "engagiert" kennen würde.

Krankenhaus als erste Anlaufstelle

Das Krankenhaus sei aber laut Sommer eine gute und richtige erste Anlaufstelle für Gewaltopfer. Dort könnten die Spuren und Verletzungen genau dokumentiert und auch für ein etwaiges Gerichtsverfahren aufbewahrt werden. Außerdem hätten die Opferschutzgruppen der Spitäler wichtige Telefonnummern und Kontaktdaten von weiteren Anlaufstellen wie etwa dem Frauennotruf. Dieser ist 24 Stunden besetzt und fungiert als Hilfe für Betroffene und Krankenhauspersonal. Opfer würden etwa psychologisch betreut und auch zu den Untersuchungen ins Spital begleitet werden.

Eine spezielle Schulung haben auch Beamte der Wiener Polizei, wenn es um Gewalt gegen Frauen geht, sagt Polizeisprecherin Michaela Rossmann. Es würde auch darauf geachtet werden, dass in solchen Fällen eine weibliche Beamtin mit vor Ort ist. Ist das nicht der Fall, kann das Opfer auf eine Befragung durch eine Frau bestehen. Die Polizisten würden den betroffenen Frauen auch raten, ins Krankenhaus zu gehen, um Spuren sicherstellen zu können. "Das hilft aber nur, wenn die Tat innerhalb von drei Tagen bekanntgegeben wird", sagt Rossmann. So lange wären DNA-Spuren verwertbar.

Laut Rossmann behandelt die Polizei jede versuchte Vergewaltigung wie eine vollzogene Vergewaltigung. Im Fall von Delaja O. seien Ermittlungen gegen unbekannt eingeleitet worden, man untersucht Videoaufzeichnungen in der Umgebung des Tatorts und habe auch Material von den Wiener Linien angefordert. (Bianca Blei, derStandard.at, 23.6.2014)

  • Der Angreifer soll Delaja O. von der Nachtbusstation Enkplatz bis nach Hause gefolgt sein.
    foto: standard/newald

    Der Angreifer soll Delaja O. von der Nachtbusstation Enkplatz bis nach Hause gefolgt sein.

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