Spiegelbildliche Zähflüssigkeit bei Belgien vs. Russland

Analyse24. Juni 2014, 14:39
15 Postings

Die Strukturanalyse verleitet zur metaphorischen Verarbeitung der durchgängig glanzlosen 90 Minuten von Rio

Grafik in Vollbildmodus

Die Passwege hüben wie drüben dokumentieren eine geradezu spiegelbildliche Zähflüssigkeit des Spielaufbaus.  Die kollektive Sonntagnachmittagsträgheit war einesteils der hohen Luftfeuchtigkeit geschuldet, hatte jedoch eine mindestens ebenso entscheidende Ursache in den vergleichbar skrupulösen Verkehrskonzepten, welche die beiden Trainer ihren Teams zur bedingungslosen Befolgung auf den Rasen mitgaben und die sich in der Folge über weite Strecken amortisierten.

In gewisser Weise operierten beide Seiten konsequent gegen die eigenen Ressourcen. Das schnelle kollektive Ausschwärmen in die Spitze, das in diesen jungen Teams so vielversprechend angelegt ist, wurde so gründlich unter Verschluss gehalten, als ob es sich um ein geheimes Taktikpatent handelte, das man erst nach der Vorrunde auszupacken gewillt ist.

Dazu könnten die Russen nicht kommen. Schon gegen die Belgier stand so viel auf dem Spiel, dass vom Spiel an sich kaum etwas übrig blieb. Lediglich für kürzere Intervalle konnte das Team die kollektive Lähmung abschütteln und die kompakte belgische Defensive ansatzweise aus der Reserve locken. Da vor allem die Aktivisten des Zentrums (Gluschakow, Faisulin) über weite Strecken durch das intensive Hickhack mit den unmittelbaren Kontrahenten (Fellaini, Witsel, de Bruyne) gebunden waren, verschoben sich die stärksten Offensivimpulse auf die Außenbahnen.  Zwischen Kannunikow und Alderwereild entwickelte sich die intensivste Zweikampfbeziehung in einer auf dieser Ebene ereignisreichen, weil zerfahrenen Begegnung.

Bei den Belgiern wiederum bildete Fellaini den überragenden Knotenpunkt zwischen Defensive und Offensive, die in der ersten Hälfte ihre spärliche Vollendung vor allem in Mertens fand. Der belgische Schwerpunkt in puncto Offensivdynamik wanderte mit zunehmender Spielzeit aber auf den linken Flügel, wo Hazard schließlich im Verbund mit dem sehr auffällig agierenden Origi das Spiel entschied.

(Helmut Neundlinger / Umsetzung für derStandard.at: Florian Gossy und Markus Hametner, 23.6.2014)

DIE ANALYTIKER: FASresearch mit Sitz in Wien und Brüssel war bei den Weltmeisterschaften 2006 und 2010 sowie bei der EM 2008 und 2012 im Einsatz und beobachtet exklusiv für den Standard auch Österreichs Qualifikationsspiele. Team: Ruth Pfosser, Helmut Neundlinger, Wolfgang Streibl, Harald Katzmair, Agnes Chorherr und Andreas Scheicher

Share if you care.