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"Ich würde lieber nicht"

23. Juni 2014, 16:23

Herman Melvilles Figur "Bartleby der Schreiber" als Vorbild der passiven Negativität

In seiner 1853 publizierten Erzählung Bartleby der Schreiber entwirft Herman Melville einen Prototyp der Verweigerung. Bartleby antwortet auf alle ihm zugetragenen Aufgaben mit einem höflichen, aber entschiedenen "Ich würde lieber nicht“. Im Laufe der nur knapp achtzigseitigen Novelle begibt er sich in einen Zustand völligen Nicht(s)tuns und wird zur ebenso stoischen wie passiven Figur eines Außerhalb der gesellschaftlichen Ordnung. Bartleby ist eine Schlüsselfigur der Moderne, deren Rhetorik einer passiven Negativität von grundlegender Bedeutung für das Selbstverständnis unserer auf Arbeit und Fortschritt basierenden Gesellschaft ist.

Die dänische Künstlergruppe Superflex hat für ihre Videoarbeit The Working Life einen Hypnotiseur beauftragt, das Publikum an die Welt der Arbeit heranzuführen. Das, was vollkommen selbstverständlich erscheint – arbeiten mit der Uhr im  Hintergrund – wird zu einer fremdartigen, beinahe traumatisch besetzten Tätigkeit, die zu verstehen erst möglich ist, wenn das Unbewusste aktiviert wird. Ein weiteres zentrales Werk in der Ausstellung ist der Film Ein Mann der schläft von George Perec und Bernard Queysanne. Die Verfilmung der gleichnamigen Erzählung von Perec aus dem Jahr 1972 schildert im Stil der Nouvelle Vague das Leben eines Studenten, der eines Tages beschließt, nicht zur Prüfung zu gehen und auch sonst fortan nichts mehr zu tun. Von einer suggestiven Stimme aus dem Off begleitet, wandert der namenlose Student durch ein leeres Paris auf der Suche nach einer Möglichkeit, sich allen Anforderungen der Gesellschaft zu entziehen. Ein Mann der schläft wurde von Perec als direkte Antwort auf Melvilles Bartleby verfasst und hat von seiner Aktualität nichts verloren.

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    foto: claire fontaine, courtesy die künstlerin und galerie neu, berlin
    Claire Fontaine, Bartleby le scribe brickbat, 2006
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    foto: etienne chambaud, disclaimer, 2007, © etienne chambaud, courtesy der künstler
    Etienne Chambaud, Disclaimer, 2007
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