Montenegro - Gefährliches Pflaster für Journalisten 

23. Juni 2014, 12:11
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Bomben, Schläge und Drohungen gegen Medienvertreter nehmen zu - Auf Druck der EU eingerichtete Kommission soll Attacken gegen Journalisten aufklären 

Podgorica - Montenegro ist ein gefährliches Pflaster für kritische Journalisten: Prügel, Bombenanschläge und Drohungen sind auf der Tagesordnung in dem kleinen Balkanland, das seit zwei Jahren EU-Beitrittsverhandlungen führt. Die Attacken haben in den vergangenen Jahren sogar zugenommen. Die Täter bleiben meist im Dunkeln. Eine auf Druck der EU eingerichtete Kommission soll nun helfen, die Fälle aufzuklären.

17 Schüsse

Der Chefredakteur der regierungskritischen Tageszeitung "Dan" sitzt in seinem winzigen Mansarden-Büro in der montenegrinischen Hauptstadt Podgorica. Nikola Markovic trägt ein blau-weiß gemustertes T-Shirt und zeigt auf ein Bild das an der gelblichen Wand unter der Dachschräge hängt. Es ist ein schwarz-weiß Foto seines Vorgängers Dusko Jovanovic, der am 27. Mai 2004 mit 17 Schüssen aus einem Maschinengewehr vor dem Redaktionsgebäude niedergeschossen wurde.

Bomben und Prügel

Der Mord ist bis heute nicht aufgeklärt und nur der tragischste einer ganzen Serie von brutalen Übergriffen auf Medienvertreter in Montenegro. Im Februar explodierte wieder ein Auto eines Journalisten der oppositionellen Tageszeitung "Vijesti". Im vergangenen Dezember detonierte vor der Redaktion der Zeitung, an deren Verlag die Styria Media Group beteiligt ist, eine Bombe. Im Jänner wurde eine "Dan"-Reporterin in Niksic krankenhausreif geprügelt.

Unaufgeklärte Fälle

Dieser Fall wurde im Gegensatz zu den meisten anderen aufgeklärt, der Prozess gegen die lokalen kriminellen Schläger läuft bereits. "Das zeigt sehr gut, dass die Regierung Fälle, wo es keinen politischen Hintergrund gibt, sehr schnell aufklären kann, in den anderen Fällen fehlt dagegen jeder politische Wille die Angriffe aufzuklären," sagt Markovic.

Jovanovic habe geheime Akten zu den Schmuggelaktivitäten in den 1990er Jahren veröffentlicht und war deshalb ins Visier der organisierten Kriminalität geraten, meint der Chefredakteur. Höchste Beamte und sogar Premier Milo Djukanovic, der seit über 20 Jahren die Politik Montenegros dominiert, wurden in der Vergangenheit immer wieder mit Korruption und Schmuggelgeschäften in Verbindung gebracht.

Hasskampagnen

Die Organisation Reporter ohne Grenzen reiht Montenegro in ihrer Rangliste der Pressefreiheit auf Platz 114 von 180, was Medienfreiheit angeht, hinter Uganda, Nigeria und Katar. Der Regierung in Podgorica wirft die NGO vor, für Hass- und Verleumdungskampagnen gegen Journalisten verantwortlich zu sein.

Markovic selbst wurde auch schon bedroht: "Nachdem sie mich angerufen haben und gedroht haben meinen Sohn umzubringen, habe ich ihn zwei Monate aus der Schule genommen", erzählt er. Aber er und die Leute in seiner Redaktion hätten keine Angst, "sonst wird man paranoid oder verrückt", sagt er. Es sei auf jeden Fall besser, wenn man bedroht würde, meint Markovic. "Wenn sie anrufen, lassen sie ihren Frust etwas ab, schlimmer ist, wenn sie nicht anrufen."

Schlechtes Kilma für Journalisten

"Es ist ein sehr schlechtes Klima für Journalisten hier, die Regierung schützt die Journalisten nicht", erklärt auch Marina Bauk von der montenegrinischen NGO "Bürgerallianz". Auf Druck der EU ist im Dezember eine Kommission aus Medienvertretern und Vertretern von Polizei und Staatsanwaltschaft zur Aufklärung der Übergriffe eingerichtet worden.

"So weit so gut, aber bisher gibt es keine Ergebnisse", heißt es von Vertretern der EU-Kommission in Podgorica. Die verbreitete Praxis, Journalisten mit Klagen zu überhäufen, hätte zwar abgenommen, dafür hätten schwere Angriffe auf Journalisten in den vergangenen Jahren zugenommen. "Dan"-Chefredakteur Markovic, der zum Präsidenten der Kommission berufen wurde, ist etwas optimistischer. "Es ist bereits ein großer Erfolg, dass wir erreicht haben, dass Tufik Softic endlich Polizeischutz zugestanden wurde", sagt er.

Von maskierten Männern niedergeschlagen

Der regierungskritische Journalist war bereits zweimal Opfer von Angriffen. Im August 2013 explodierte eine Bombe unter seinem Auto, 2007 wurde Softic von maskierten Männern niedergeschlagen. Nun wird er rund um die Uhr bewacht.

Die Arbeit der Kommission ist nicht immer leicht, erzählt Markovic. Manchmal würden sich die Behörden weigern Dokumente herauszugeben, obwohl sie dazu verpflichtet sind. "Dass die EU insistiert hat diese Kommission einzurichten, ist extrem wichtig," erklärt er. Er ist zuversichtlich, dass es in baldiger Zukunft auch Ergebnisse bei der Aufklärung in einigen Fällen geben werde.

Wer hat Duso Jovanovic ermordet?

Bis dahin zählt seine Zeitung weiter die Tage, die seit dem Mordanschlag auf den früheren Chefredakteur vergangenen sind: 3.678 steht in großen roten Zahlen auf der Titelseite von "Dan" neben dem Foto des Ermordeten, das jeden Tag mit der Frage "Wer hat Dusko Jovanovic ermordet?" in einem kleinen Kasten auf der ersten Seite der Zeitung veröffentlicht wird. (APA, Judith Egger, 23.6.2016)

  • Im vergangenen Dezember detonierte vor der Redaktion von "Vijesti" eine Bombe.
    foto: reuters/stevo vasiljevic

    Im vergangenen Dezember detonierte vor der Redaktion von "Vijesti" eine Bombe.

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