Flammendes Inferno im Urwaldparadies

23. Juni 2014, 09:40
17 Postings

Einmal sind es Ölpalmen, ein anderes Mal Zuckerrohr oder Ackerfrüchte, die Platz brauchen. Eines aber zeigt sich fast immer: Brandrodung in Lateinamerika, die noch immer weitverbreitet ist, nützt vor allem dem Export und Großbauern. Unter gewissen Umständen kann Brandrodung aber auch positiv sein und die Artenvielfalt langfristig erhöhen

 Puebla/Bogotá - Traurig steht Roberto Rivera vor einem halbverkohlten Baumstumpf. Wo vorher tropische Vegetation wucherte, breitet sich nun schwarze Einöde aus. "Den hat mein Großvater gepflanzt", murmelt der kolumbianische Bauer traurig. Kurze Zeit später taucht ein Bagger auf und walzt alles platt, was der Brandrodung widerstanden hat.

Im fruchtbaren Tiefland am Ufer des Rio Magdalena will demnächst ein Agrarkonzern afrikanische Ölpalmen pflanzen. Deren Öl ist für Kosmetik und Nahrungsmittel ebenso gefragt wie für Agrosprit. Das Panorama wiederholt sich von Mexiko bis Feuerland quer durch den Kontinent. Das Feuer ist die einfachste und billigste Methode, um Land so schnell wie möglich urbar zu machen. Alternativen wären entweder teure Maschinen oder Knochenarbeit mit der Machete.

Schon bei den Mayas verbreitet

Schon die europäischen Siedler legten Feuer, als sie im 15. und 16. Jahrhundert die Urwälder und Steppen erschlossen. Archäologische Studien zeigen, dass die Methode auch schon bei den Mayas verbreitet war. Die zurückbleibende Asche bietet einen wertvollen Nährboden für die neuen Pflanzen. Doch die Methode hat auch einen Nachteil: Insekten, Reptilien und Säugetiere fallen den Flammen zum Opfer.

300 Jahre braucht ein Zentimeter Humus im Schnitt, um zu entstehen. Einmal abgebrannt, fehlt dem Urwaldboden die Schutzschicht aus Laub und Wurzeln. Der Regen schwemmt die fruchtbare Humusschicht rasch fort; die Sonne brennt unbarmherzig auf die Erde und laugt sie aus. Der Boden muss gedüngt werden, um weiterhin fruchtbar zu sein. Die Brandrodung wirkt sich außerdem doppelt negativ auf die Klimabilanz aus: CO2 wird freigesetzt, CO2-bindende Vegetation verschwindet. Die Brandrodung hat mit dem Klimawandel einen unheilvollen Alliierten bekommen. Durch ungewöhnliche Dürreperioden wie 2011 am Amazonas vervielfacht sich das Gefahrenpotenzial von Waldbränden - egal ob menschlich verursacht oder natürlich entstanden.

Langfristig wird die Brandrodung also zum Nachteil. Doch weder für die Mayas noch für die Kleinbauern war das ein Problem: Sie betrieben Nomadenlandwirtschaft auf recht kleinen Flächen. Doch das hat sich heute geändert.

Monokulturen satt Urwald

Die Bevölkerungsdichte und der Druck auf Landflächen hat zugenommen, der Großteil der brandgerodeten Flächen wird entweder für Rinderzucht genutzt oder für industrielle Exportmonokulturen wie Soja, Ölpalmen und Zuckerrohr, die viel Pestizide und Düngemittel brauchen. Länder wie Argentinien, Mexiko und Guatemala, die bis zu 80 Prozent ihres ursprünglichen Waldes verloren haben, verbieten das Abfackeln. Geahndet wird es selten.

"Das System der Brandrodung kann, richtig angewendet, sinnvoll sein", sagt Christine Pardoch, Programmdirektorin vom Zentrum für Internationale Forststudien. Sie beruft sich auf eine Langzeitstudie, die das Zentrum zusammen mit Laura Snook von Bioversity International in Südmexiko durchgeführt hat - dort, wo die Mayas schon vor tausend Jahren Brandrodung betrieben haben.

Vielfältigere Biodiversität

1996 schufen die Forscher im Urwald 24 Freiflächen von je einem halben Hektar: Acht wurden von Hand gerodet, das Material ließ man liegen; acht wurden maschinell niedergewalzt, die Bäume stapelte man am Rande auf. Acht wurden mittels Brandrodung gelichtet. Anschließend pflanzten die Forscher Mahagonibäumchen und säten Samen aus. Nach zehn Jahren hatte sich das Edelholz auf der brandgerodeten Fläche am besten entwickelt.

"Dort war die Biodiversität viel größer als auf den anderen Flächen", sagt Snook. Sie führt dies auf die unterschiedlich starke Sonneneinstrahlung zurück. Dass es im Mayagebiet Mexikos und Guatemalas so viele Edelhölzer gibt, steht der Forscherin zufolge in direktem Zusammenhang mit der Brandrodung durch die indigene Urbevölkerung. In Kombination mit einer nachhaltigen Edelholzforstwirtschaft könnte die kontrollierte Brandrodung den Kleinbauern also durchaus Vorteile bringen. (Sandra Weiss, DER STANDARD, 31.5.2014)

  • Und wieder gehen Teile des Urwalds im Amazonas-Gebiet Brasiliens in Flammen auf. Wenn sich der Boden erholt hat, soll Ackerbau betrieben werden.
    foto: reuters/bazo

    Und wieder gehen Teile des Urwalds im Amazonas-Gebiet Brasiliens in Flammen auf. Wenn sich der Boden erholt hat, soll Ackerbau betrieben werden.

  • Länder wie Argentinien, Mexiko und Guatemala, die bis zu 80 Prozent ihres ursprünglichen Waldes verloren haben, verbieten die Brandrodung.
    grafik: der standard

    Länder wie Argentinien, Mexiko und Guatemala, die bis zu 80 Prozent ihres ursprünglichen Waldes verloren haben, verbieten die Brandrodung.

Share if you care.