"Sie können ruhig selbstbewusst auftreten"

23. Juni 2014, 09:25
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Für Soziologin Elisabeth Holuscha sind deutsche Fachhochschulen eine wichtige Säule im Bildungssystem und öffnen auch bildungsfernen Schichten akademische Türen

STANDARD: Für Ihre Promotionsarbeit haben Sie das Modell der deutschen Fachhochschulen untersucht und die Arbeit "Erfolg oder Scheitern?" benannt. Was fanden Sie? Erfolg oder Scheitern?

Holuscha: Die deutschen Fachhochschulen sind ein Erfolgsmodell und seit mehr als 40 Jahren eine wichtige Säule im Bildungssystem. Sie erfüllen eine wichtige Funktion und haben längst ihre Position gefunden. In den vergangenen Jahren sind sie auch zunehmend attraktiv für das Ausland geworden.

STANDARD: Woran merkt man das?

Holuscha: In China zum Beispiel gibt es eine stärkere Nachfrage und großes Interesse. Im chinesischen Bildungssystem hat man sehr auf die Ausbildung von Eliten gesetzt und nun eine Akademikerarbeitslosigkeit von 30 Prozent. Da muss man sich jetzt Gedanken machen. Viele deutsche Fachhochschulen haben eine Kooperation mit China. Auch in den USA steigt das Interesse, man schätzt an deutschen Fachhochschulen den Praxisbezug. Immer mehr Lehrende kommen nach Deutschland, um sich das vor Ort anzusehen.

STANDARD: Gibt es Bereiche, die sich diesbezüglich besonders hervorheben?

Holuscha: Das kann man nicht pauschal sagen, denn die Fachhochschulen geben kein homogenes Bild ab. Manche Einrichtungen, vor allem kleinere, sind stark regional vernetzt, bei den großen gibt es wiederum eine Vielzahl von Angeboten. Auf jeden Fall war der Bologna-Prozess mit dem Umstieg auf Bachelor- und Masterabschlüsse für die Fachhochschulen sehr wichtig. Sie bieten einen gleichwertigen Studienabschluss wie die Universitäten, aber für viele junge Menschen aus bildungsferneren Schichten ist die Hemmung, sich an einer Fachhochschule einzuschreiben, niedriger als an einer Universität.

STANDARD: Würden Sie das als Erfolg bezeichnen?

Holuscha: Auf jeden Fall. In Deutschland gilt das Ziel, so viele Menschen wie möglich - und zwar aus allen unterschiedlichen Bildungsschichten - an Hochschulen zu bringen. Und dort sollen sie natürlich auch ihren Abschluss machen.

STANDARD: Dennoch gelten Fachhochschulen nach wie vor gegenüber Universitäten mancherorts als Hochschulen zweiter Klasse. Warum ist das so?

Holuscha: Das ist, wenn man die Anzahl der Studierenden ansieht, nicht nachvollziehbar. Es studieren mittlerweile knapp 40 Prozent an Fachhochschulen, sie können ruhig selbstbewusst auftreten. Dieses Vorurteil kommt daher, dass die Forschung an vielen Fachhochschulen nicht sehr ausgeprägt ist.

STANDARD: Viele Fachhochschulen möchten jetzt auch das Promotionsrecht. Fänden Sie das sinnvoll?

Holuscha: Man muss bedenken, dass 80 Prozent der Fachhochschulabsolventen im Ingenieurbereich ihren Bachelor oder Master in Kooperation mit Unternehmen machen. Das ist eine Stärke. Wenn man Fachhochschulen das Promotionsrecht gibt, dann verändert das die Bildungslandschaft in Deutschland grundlegend. Geforscht wird ja auch an Max-Planck-, Helmholtz- und Fraunhofer-Instituten. Da muss man sich schon fragen, welcher Institution unter welchen Umständen das Promotionsrecht gegeben werden kann und welches die daraus resultierenden Konsequenzen für das gesamte Bildungssystem sind. (DER STANDARD, 21.6.2014)

ELISABETH HOLUSCHA (39) studierte an der Uni Marburg Literatur, Medienwissenschaften, Philosophie, Soziologie. Für ihre Promotion "Das Prinzip Fachhochschule - Erfolg oder Scheitern?" untersuchte sie das System deutscher Fachhochschulen.

  • "Wenn man Fachhochschulen das Promotionsrecht gibt, dann verändert das die Bildungslandschaft in Deutschland grundlegend", sagt Elisabeth Holuscha.
    foto: academics.de

    "Wenn man Fachhochschulen das Promotionsrecht gibt, dann verändert das die Bildungslandschaft in Deutschland grundlegend", sagt Elisabeth Holuscha.

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