"Hierarchischer Ansatz ist tief verwurzelt"

Interview23. Juni 2014, 08:46
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Fachhochschulen fordern auch für ihre Institutionen das Promotionsrecht. Der Wissenschaftsrat hat sich in einer Empfehlung dagegen ausgesprochen. Jürgen Mittelstraß, Vorsitzender des Wissenschaftsrats, erklärt die Gründe

STANDARD: Der Wissenschaftsrat hat sich in seiner Empfehlung gegen ein Promotionsrecht für Fachhochschulen ausgesprochen. Warum?

Mittelstraß: Der Wissenschaftsrat steht hinter einem differenzierten Hochschulsystem. Das Promotionsrecht ist ein wesentliches Element dieses Systems. Die Aufgaben von Universitäten und Fachhochschulen sind unterschiedlich. Die Aufgabe der Universitäten ist es unter anderem, den wissenschaftlichen Nachwuchs auszubilden. Und die Promotion ist ein Teil dieser Aufgabe. Fachhochschulen sind mit ihrem Bildungsauftrag viel praxis- und berufsorientierter.

STANDARD: Fachhochschulen wollen nicht als Institution das Promotionsrecht bekommen, sondern sich für einzelne Programme extern akkreditieren lassen. Können Sie dieser Idee etwas abgewinnen?

Mittelstraß: Nur wenn diese Programme in Verbindung mit Universitäten angeboten werden. Denn zum Promotionsrecht gehört eine von Anfang an forschungsnahe Ausbildung. Der Wissenschaftsrat empfiehlt hier gemeinsame Plattformen von Universitäten und Fachhochschulen. Wir haben im Moment aber in Österreich eine paradoxe Situation. Es gibt zwar ein gemeinsames Bekenntnis zu einem differenzierten Hochschulsystem, gleichzeitig wird aber an einer Entdifferenzierung gearbeitet.

STANDARD: Bei Kooperationen mit Universitäten kritisieren FHs aber, dass diese nicht auf Augenhöhe stattfinden würden ...

Mittelstraß: Die Kooperationsmöglichkeiten müssen sich ändern. Für den Wissenschaftsrat inkludiert das exklusive Promotionsrecht der Universitäten eine Kooperationspflicht gegenüber den Fachhochschulen. Nicht Riese und Zwerg sollten sich hier gegenüberstehen. Dafür braucht es aber auch einen Gesinnungswandel. Unterschwellig wird das Promotionsrecht als Ausdruck eines hierarchischen Systems verstanden. Wir müssen lernen, dass es hier nicht um Hierarchien geht, sondern um unterschiedliche Aufgaben. Und das kommt auch den Studierenden zugute. Kooperative Promotionsprogramme sollten institutionalisiert werden.

STANDARD: Wo müsste angesetzt werden, damit es zu einem Gesinnungswandel kommt?

Mittelstraß: Die Hochschullandschaft weist Asymmetrien auf. Einige davon sind systembezogen wie beispielsweise die institutionellen Unterschiede. Andere wie beispielsweise unterschiedliche Zugangsregeln und Unterschiede bei der Finanzierung müssen entfernt werden. Diese Asymmetrien lassen sich nur historisch erklären; sie betreffen das gesamte Hochschulsystem.

STANDARD: Wie wahrscheinlich ist es, dass die Empfehlungen des Wissenschaftsrats auch umgesetzt werden?

Mittelstraß: Es gibt wie immer eine optimistische und eine pessimistische Antwort. Aus optimistischer Sicht wird das System es schon begreifen, dass unterschiedliche Teile, die durch unterschiedliche Aufgaben definiert sind, nichts mit Hierarchien zu tun haben. Auf gesetzlicher Ebene kann hier nachgeschärft werden. Die pessimistische Antwort lautet: Der hierarchische Ansatz ist im Hochschulsystem so tief verwurzelt, dass man nicht damit rechnen kann, dass sich etwas ändern wird. Für Wissenschafter ist Optimismus Pflicht. (Gudrun Ostermann, DER STANDARD, 21.6.2014)

JÜRGEN MITTELSTRASS ist Direktor des Wissenschaftsforums an der Uni Konstanz. Seit 2005 ist er Vorsitzender des Österreichischen Wissenschaftsrates, des zentralen Beratungsgremiums des Wissenschaftsministers in Fragen der Wissenschaftspolitik.

  • Jürgen Mittelstrass fordert mehr Kooperation zwischen Fachhochschulen und Universitäten.
    foto: apa/artinger

    Jürgen Mittelstrass fordert mehr Kooperation zwischen Fachhochschulen und Universitäten.

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