"Türkisch ist ökonomisch interessant"

23. Juni 2014, 12:07
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Für Rudolf de Cillia sprechen keine Gründe dagegen, Türkisch als Maturafach einzuführen. Der Sprachforscher erklärt, wieso es stets Unterricht braucht, um seine Muttersprache voll zu beherrschen.

STANDARD: Welche Rolle spielt die Muttersprache für das Erlernen weiterer Sprachen?

De Cillia: Der Spracherwerbsmechanismus ist unteilbar, man hat nicht ein Extrakastl im Kopf für Türkisch, Deutsch oder Englisch. Wenn die Erstsprache weiterentwickelt wird, fördert das auch das Erlernen weiterer Sprachen. Zudem wirkt sich das auch auf das Selbstbewusstsein von Jugendlichen aus.

STANDARD: Sind nur "Weltsprachen" erlernenswert?

De Cillia: Natürlich nicht. Nachbarsprachen und Sprachen der Minderheiten sind an sich schon mal erlernenswert. Die niederösterreichische Sprachoffensive etwa, bei der Kindergartenkinder Tschechisch, Slowakisch und Ungarisch lernen können, sorgt von klein auf für eine ganz andere Beziehung zu den Nachbarn. Zudem ist Türkisch auch ökonomisch interessant: Für viele Berufe braucht man gut ausgebildete, zweisprachige Menschen, etwa im medizinischen Bereich, bei der Exekutive oder im Tourismus. Wenn die Schüler in der Erstsprache nicht schulisch ausgebildet werden, sind sie darin auch später sprachlich nicht voll handlungsfähig. Das gilt genauso für deutschsprachige Kinder, die ohne Deutschunterricht etwa den dritten und vierten Fall nicht unterscheiden können.

STANDARD: Stimmt es, dass türkische Schüler "draufzahlen" würden, da sie durch Türkisch als Schulfach keine Motivation mehr hätten, eine dritte Fremdsprache zu erlernen?

De Cillia: Die eigene Sprache beherrschen sie ja im literarisierten Sinne noch nicht. Wenn man die eigene Sprache zu Hause spricht, heißt das noch lange nicht, dass man sie als vollentwickelte Standardsprache beherrscht. Da sehe ich überhaupt kein Problem.

STANDARD: Hält Türkisch als Maturafach Schüler davon ab, akzentfrei Deutsch zu sprechen?

De Cillia: Das ist eine völlig unbewiesene Behauptung. Von der Sprachlehrforschung gibt es keine rationalen Gründe dagegen, Türkisch als Fremdsprache anzubieten. Es gibt vielleicht politische.

STANDARD: Worin liegt die Schwierigkeit, eine neue Sprache in den Schulunterricht einzubinden?

De Cillia: Zunächst muss ein Lehrplan ausgearbeitet sowie ein Lehramtsstudium eingeführt werden. Wie ich entnehme, wäre die Uni Graz bereit, dieses anzubieten. (DER STANDARD, 23.6.2014)

RUDOLF DE CILLIA (60) lehrt und forscht am Institut für Sprachwissenschaft der Universität Wien.

  • Gegen Türkisch als Schulfach gibt es viele Vorbehalte - aus wissenschaftlicher Sicht unbegründet.
    foto: standard/fischer

    Gegen Türkisch als Schulfach gibt es viele Vorbehalte - aus wissenschaftlicher Sicht unbegründet.

  • Rudolf de Cillia, Professor an der Uni Wien.
    foto: schiffl

    Rudolf de Cillia, Professor an der Uni Wien.

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