Die schweren Zeichen der Jugend

23. Juni 2014, 07:01
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Vor 20 Jahren erschien das Hip-Hop-Album "Illmatic" von Nas. Eine Jubiläumsedition und eine Filmdoku würdigen das Meisterwerk. Dazu kommt der 40-jährige New Yorker Rapper erstmals nach Österreich und wird sein Debüt in seiner Gesamtheit aufführen

Wien - Bis 1994 war alles klar. Das beste Hip-Hop-Album des Planeten hieß The Low End Theory und stammte von A Tribe Called Quest. Über den Rest konnte man gemütlich streiten, sich eine "Battle" liefern, wie man das damals zu sagen gelernt hatte. Zur Auswahl standen Arbeiten von De La Soul, Gang Starr, NWA, Public Enemy, Boogie Down Productions, Ice Cube, Dr. Dre, The Pharcyde, Wu-Tang Clan, Jungle Brothers, Eric B & Rakim und, und, und.

Wenigstens war man in der Alten Welt wegen Auffassungsunterschieden nicht gleich gesundheitsgefährdet, sondern konnte die blutrünstig ausgetragene "Battle" zwischen Rappern der US-amerikanischen Ost- und Westküste, die in naher Zukunft zwei prominente Tote zeitigen sollte - Tupac Shakur und The Notorious B.I.G. -, erstaunt aus der Entfernung verfolgen. Wurde es einem unter den neuen Homies zu heiß, zog man sich einfach die um fünf Nummern zu großen Pants hoch und checkte, was sich gerade bei den Beastie Boys oder Cypress Hill tat.

Aber dann kam Nas. Und er schoss ganz nach oben. Sein 1994 erschienenes Debüt Illmatic zählt zu den besten Alben des Genres und steht heute neben dem 1991 erschienenen The Low End Theory. 20 Jahre ist das her. Der Verwertungslogik des Musikgeschäfts nach ist heuer eine Jubiläumsedition erschienen, und Nas kommt erstmals nach Wien, um im Rahmen des ungelenk benannten Eintagesfestivals "FM4 HipHop Open Austria" am 11. Juli in der Wiener Arena aufzutreten. Der heute 40-Jährige wird Illmatic in seiner Gesamtheit aufführen. In seinem Schatten bilden Leftboy oder Blumentopf und ein paar andere das Rahmenprogramm.

Viele meinen, man hätte nach Nas den Laden zusperren können. Jein. Das wäre doch verfrüht gewesen. Denn im Mainstream etabliert sich Hip-Hop doch erst zwei Jahre später mit den Fugees und dem Welterfolg von The Score (1996). Etabliert im Sinne von endgültig. Im selben Jahr belegte Nas mit It Was Written, dass er keine Eintagsfliege war.

Kein drolliges Dokument

Illmatic war ein Meisterwerk an Verdichtung und Ökonomie. Dunkle Grooves, bildstarke Reime, in der Musik schlummerten Jazz und ein fauler Funk - all das hob Hip-Hop auf eine neue Stufe.

Dabei war Illmatic kein Hit. Zwar überschüttete die Kritik das Album mit Lob, doch der Markt zierte sich. Illmatic war ein Slow Burner, dessen Verkaufszahlen immer hinter seinem Einfluss herhinkten. Dafür trotzt es bis heute dem Zahn der Zeit, der viele Hip-Hop-Alben aus jenen Tagen nun als eher drollige Dokumente erscheinen lässt.

Nas blieb demütig und betonte immer, wie viel Glück er hatte. Schließlich konnte er als Grünschnabel einige der damals wichtigsten Produzenten für sich gewinnen: DJ Premier von Gang Starr, Pete Rock oder Q-Tip (von A Tribe Called Quest) bastelten dem Teenager aus dem New Yorker Stadtteil Queens ein paar der besten Beats aller Tage.

Den Rest besorgte der 1973 geborene Nasir Bin Olu Dara Jones, kurz Nas. Seine Raps waren eloquente Betrachtungen des Lebens im Gemeindebau, den Projects. Er bildete seine Umgebung in aller Schönheit und all ihrem gewaltbereiten Irrsinn ab.

Hip-Hop galt dem weißen Amerika als per se umstürzlerische Musik, die sich anschickte, die Sympathien ihrer bleichen Kinder zu erobern. Nas aber war kein lauter Rädelsführer, sondern ein stiller Beobachter. Ein Corner-Kid, das selbst kulturellen Zaungästen in Europa eine Idee und ein Gefühl von seinem Leben vermitteln konnte. Und das weitgehend ohne Gangster-Gebell, dafür mit einer für einen Teenager erstaunlichen Eloquenz und inhaltlichen Schwere.

Das Cover von Illmatic ziert ein Kindheitsfoto des Rappers. Auch das war neu. Es offenbarte eine verletzliche und sentimentale Seite und wurde in der Folge zum oft kopierten Sujet auf Hip-Hop-Alben - wie etwa auf dem seherisch betitelten Ready to Die des schon erwähnten Notorious B.I.G.

Zurzeit tourt Nas durch die Welt, um Illmatic aufzuführen. Sogar eine Doku widmet sich dem Album und seinem anhaltenden Einfluss: Time Is Illmatic. Wie sehr Hip-Hop heute Teil der gesellschaftlichen Mitte ist, bewies Nas zuletzt selbst. Im Washingtoner Kennedy Center führte er das Album mit einem Orchester auf. Die Straßenkunst Hip-Hop im Smoking. Ob es das gebraucht hat, sei dahingestellt. Klar ist: Illmatic hat auch das überlebt. (Karl Fluch, DER STANDARD, 23.6.2014)

FM4 HipHop Open Austria: 11. 7.

www.hiphopopen.at

  • Nas 1994 auf dem Weg durch sein Viertel. Über das Leben dort rappte er auf seinem Debüt "Illmatic". Das ist 20 Jahre her, das Album strahlt ungebrochen.
    foto: columbia

    Nas 1994 auf dem Weg durch sein Viertel. Über das Leben dort rappte er auf seinem Debüt "Illmatic". Das ist 20 Jahre her, das Album strahlt ungebrochen.


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