"Wir sind nicht stolz, Herr Erdogan!"

Kommentar der anderen22. Juni 2014, 18:18
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Ein Zwischenruf der Türkischen Kulturgemeinde zur Causa prima der letzten Tage

Ministerpräsident und AKP-Chef Recep Tayyip Erdogan hat in Wien eine Wahlkampfrede gehalten, in der er tausenden Zuhörern Folgendes sagte: "Ihr könnt stolz sein auf die Türkei. Die Türken in Europa sind alle Enkel von Süleyman dem Prächtigen und Kara Mustafa Pascha."

Wir lieben unser Heimatland Türkei sehr, genauso wie unsere neue Heimat Österreich. Wir wünschen uns eine starke und demokratische Türkei, wo Menschen ihre Meinung ohne Angst äußern können; wo Presse- und Redefreiheit herrschen; wo Menschen wegen ihrer Meinung und ihrer Konfessionen nicht verfolgt werden und nicht in Angst und Schrecken leben müssen. Wir sind stolz auf unsere eigenen Eltern und Großeltern und von niemand anderem Söhne, Töchter oder Enkel. Wir wollen die Geschichte nicht politisch missbrauchen, sondern daraus lernen.

1. Die Türkische Kulturgemeinde in Österreich (TKG) und ihre Mitglieder sind nicht stolz auf das türkische Regime, das täglich Menschenrechte und Meinungsfreiheit mit Füßen tritt. Wir wollen, dass die Regierung die Menschenrechte achtet und fördert.

2. Die TKG ist nicht stolz auf das türkische Regime, das in Österreich die Gastlandregeln respektlos missachtet und - anstatt friedliche Wege zu suchen - durch Wahlpropaganda und Parteiinteressen die Wege verbaut.

3. Die TKG ist nicht stolz auf das türkische Regime, das in der Türkei den über 25 Millionen liberalen und demokratiebewussten anatolischen Aleviten das Leben zur Hölle macht.

Eine Welle von Repressionen, Anfeindungen, Diffamierungen und kriminellen Bedrohungen gegen Kritiker und Andersdenkende rollt seit Wochen in Österreich - auf der Straße, am Arbeitsplatz und im Internet. Ziel der Rüpeleien sind alle Austrotürken, die anderer Meinung sind und Kritik äußern. Die Drohungen kommen aus dem bekannten Lager. Diesem Druck dürfen und können wir nicht nachgeben. Wir fordern ein Ende der Intoleranz, von Anfeindungen und Erpressungen! Wir fordern ein Ende dieser demokratiefeindlichen Handlungen aller Art in Österreich und wollen alle Politiker, Vereine, Verbände und Journalisten davor warnen!

Wir sind gegen den Missbrauch und die Verstümmelung der Begriffe Dialog und Integration. Keine Toleranz gegenüber Intoleranz! Wir fordern, dass der türkische Wahlkampf in der Türkei bleibt. Wir fordern eine Vertiefung der friedlichen österreichisch-türkischen Beziehungen. (Melissa Günes, DER STANDARD, 23.6.2014)

Melissa Günes ist Generalsekretärin der Türkischen Kulturgemeinde Österreichs. Der Verein setzt sich für Pluralismus und Völkerverständigung ein. 2013 wollte die TKG Lego klagen, weil die Firma in einem "Star Wars"-Bausatz angeblich die Hagia Sophia geschmäht habe.

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