Deut hilft Schland, eine Frage der Moral

22. Juni 2014, 18:14
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Das vor allem in der zweiten Hälfte mitreißende 2:2 gegen Ghana zeigte den Deutschen nicht nur ihre spielerischen Limits, sondern auch alte Tugenden

Fortaleza - Der Grat zwischen Schland und seinem Präfix Deut ist schmal. Schland - das ist leidenschaftliche, variantenreiche und laufwegorientierte Präzision zur Herstellung größtmöglicher ballesterischer Wucht und Zielgenauigkeit. Deut dagegen - das ist Schwitzen und Rennen, Beißen und Kratzen, Hauen und Stechen; kurz: Kämpfen und Siegen. Am Samstagabend gegen Ghana sah man beides.

Und das nicht zum Schaden der Zuschauer. Ghana war ein überraschend ebenbürtiger, phasenweise gar dominierender Gegner. Er hat den zeitweise fast verängstigt wirkenden Deutschen nicht nur alles und beinahe mehr abverlangt. Er hatte ihnen auch die spielerischen Grenzen deutlich gemacht. Am Ende musste Schland - das sich diesmal ein wengerl österreichisch interpretierte, sozusagen als Schlandrian - seine Vorsilbe um Hilfe rufen. Erst Deutschland und seine Tugenden verhinderten das Allerärgste.

Dass es beim dramatischen 2:2 nicht nach Plan lief, brachte die deutsche Mannschaft von Anfang an etwas außer Tritt. Jedenfalls tat man sich extrem schwer im Aufbau gegen die diszipliniert gestaffelten Defensivreihen der Ghanaer, zwischen denen sich dem deutschen Spiel kaum Raum auftat. Und weil die Afrikaner nicht nur g'wandlausartig pressten - und das zuweilen auch hoch -, sondern auch stets auf der Konterlauer lagen, verlegte sich das deutsche Spiel oft und oft in die Breite der - von Innenverteidigern gebildeten - Viererkette, die dann selbstgenügsam mit den eigenen Midfieldern - dem Sechser Philipp Lahm vor allem - ballspielte.

Wider den Schlagabtausch

"Wir wollten einen offenen Schlagabtausch vermeiden", meinte Trainer Joachim Löw und vermied dabei einzugestehen, dass man so versucht hat, überhaupt einen Schlagabtausch zu vermeiden. Erstaunlicherweise fing das taktische "Schau'n mer mal" an, sich nach dem 1:0 durch Mario Götze (51.) fast im Wortsinn zur Lahmarschigkeit zu steigern. "Wir wollten nach der Führung kompakt stehen", so Löw; und lernte daraus, dass das gegen ein wütend entschlossenes, Gegnerplan und eigene Kraft nicht achtendes Team nur schwer geht.

Nach dem Führungstreffer der Deutschen spielte Ghana nämlich eindrucksvoll Hollywood. Und wurde mit dem Ausgleich und der Führung belohnt, bevor Miroslav Klose den Endstand herstellte. Dann erst ist der ghanaische Geist, der das immer erschöpftere Fleisch so lange aufgeputscht hat, müde geworden.

Respekt den Respektlosen

Zweifellos haben die Ghanaer sich weltweit Respekt erworben mit ihrem respektlosen Spiel gegen den haushohen Favoriten. Die spanische Sportzeitung "AS" übertrieb zwar mit ihrem "Ghana terrorisierte Deutschland", aber entkleidet man das dem engen Wortsinn, dann hat es schon etwas für sich. Der deutsche Verbandschef Wolfgang Niersbach war beeindruckt: "Ghana war ein unglaublich starker Gegner. Dass sie gegen die USA verloren haben, kann ich gar nicht verstehen."

Und will sich wahrscheinlich gar nicht ausmalen, was das bedeuten könnte fürs letzte Gruppenspiel am Donnerstag gegen die USA. Abwehrchef Mats Hummels sieht diesbezüglich schon hohen Verbesserungsbedarf im Mittelfeld: "So breit, wie wir stehen, dürfen wir uns keine Ballverluste erlauben. Und wir müssen vorne etwas zielstrebiger sein."

Man kann - und das tun die Deutschen im Hinblick auf die USA jetzt eh unentwegt - der Ghana-Partie auch Positives abgewinnen. Immerhin hat man nicht verloren. Das 2:2 war ein Tor des blanken Willens und der daraus gewachsenen Brechstange. Gewarnt habe man vorm Hochjubeln des 4:0 über Portugal. Kapitän Lahm: "Mal läuft es besser, mal schlechter." Hummels: "Unser erstes Spiel war nicht so gut, wie es gemacht wurde." Der goldene Mittelweg werde nun gegen die USA eingeschlagen. Jogi Löw beschwört schon deutsche Tugend: "Wir haben gute Moral gezeigt, sind bei diesen Temperaturen nach dem Rückstand noch mal zurückgekommen." (sid, wei, (DER STANDARD, 23.6.2014)

  • Der Kampfgeist stimmte da wie dort. Ghanas Sulley Muntari zieht rück, Deutschlands Thomas Müller blickt gebannt. Ein Cut holt Müller sich erst bei einem Zweikampf in der Nachspielzeit.
    foto: ap

    Der Kampfgeist stimmte da wie dort. Ghanas Sulley Muntari zieht rück, Deutschlands Thomas Müller blickt gebannt. Ein Cut holt Müller sich erst bei einem Zweikampf in der Nachspielzeit.

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