Weltmeisterschaft der Lateinamerikaner

22. Juni 2014, 18:05
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Mehrzahl der Fans in Brasilien aus der Nachbarschaft - US-Latinos überraschen

Alberto Schmidt ist der Erfolg seines Aufrufs auf Facebook selbst unheimlich. "Eigentlich wollte ich nur nicht allein nach Brasilien reisen", sagt der Familienvater aus Santiago de Chile. Das war im Oktober 2013. Chile hatte sich für die WM qualifiziert, als treuer Fan wollte Schmidt seine Mannschaft vor Ort anfeuern. "Ich hatte mit vielleicht zehn Autos gerechnet, die im Konvoi nach Brasilien fahren." Im Februar hatten sich schon mehr als 1000 Menschen angemeldet. "Damals haben wir angefangen, in größeren Dimensionen zu denken." Er begann, die größte WM-Karawane, die es je gab, zu organisieren.

Am 6. Juni startete dann ein Konvoi aus 800 Fahrzeugen mit mehr als 4000 Fans von Santiago aus über die Anden in Richtung Cuiabá, der wenig spektakulären Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Mato Grosso an der Grenze zu Bolivien. Dort bestritt das chilenische Nationalteam am 13. Juni sein erstes Vorrundenspiel gegen Australien.

Es war alles organisiert. Insgesamt sechs Tage war der Konvoi aus rot geschmückten und hupenden Autos für die 3800 Kilometer Wegstrecke unterwegs. Übernachtet wurde auf Zeltplätzen. Auch Mechaniker und ein Arzt waren mit an Bord. "Wir tun wirklich alles, damit Chile Weltmeister wird", sagte Alberto Schmidt nach der glücklichen Ankunft der chilenischen Fans in Cuiabá.

Es scheint, als hätte sich ganz Lateinamerika auf den Weg nach Brasilien gemacht. Auf den Straßen der WM-Austragungsorte wird Spanisch gesprochen, überall werden Fahnen aus Mexiko, Kolumbien oder Argentinien geschwenkt. Brasilianische Zeitungen jubeln bereits: "Das wird die Copa von Lateinamerika."

40.000 für La Roja

Die chilenische Botschaft geht von insgesamt rund 40.000 Fans aus, die bei den Spielen in Cuiabá, Belo Horizonte und São Paulo die "La Roja" anfeuern. Doch die größte Fan-Invasion kommt aus Argentinien. Beim Auftaktspiel gegen Bosnien-Herzegowina überwogen nicht nur an der Copacabana die Farben Blau-Weiß. Rund 50.000 Fans haben den Verkehr in Rio de Janeiro teilweise zum Erliegen gebracht. Bei einem Gruppensieg wäre São Paulo Austragungsort des Achtelfinales. Ein Ansturm von Zehntausenden Fans aus dem Nachbarland hat sich bereits angekündigt. "Es sind nur zwölf Stunden Fahrt", sagt der Generalkonsul in São Paulo, Augustín Molina Arambarri. Die Argentinier würden dann mit allen denkbaren fahrbaren Untersätzen kommen oder, ein Scherz - auch zu Fuß gehen.

Aber auch mindestens 40.000 Fans aus Kolumbien und ebenso viele aus Mexiko sorgen in und vor den Stadien für Fiesta-Stimmung. Zehntausend sind aus Uruguay, Ecuador, Honduras und Costa Rica angereist.

Aggressive Rivalitäten sind den Fans der lateinamerikanischen Teams ohnehin fremd. "Für uns geht ein Traum in Erfüllung. Es ist, als ob wir die WM schon gewonnen hätten", sagte Bruno Miranda aus Costa Rica nach dem spektakulären Sieg gegen Italien. "Falls Costa Rica ausscheiden sollte, halten wir Brasilien die Daumen", versprach er.

"Wir fühlen uns wie zu Hause", versichert der Student Diego Rodrigues aus Kolumbien. Obwohl der 21-Jährige keine Tickets für die Spiele seines Teams ergattern konnte, reist er zu den Austragungsorten. Mit rund hundert anderen Fans übernachtete er bereits auf dem Flughafen von Rio de Janeiro. Die brasilianischen Behörden haben den Fußballtouristen in der "Fun-Zone" ein Lager aus Luftmatratzen hergerichtet. Auch die Copacabana gleicht einem großen Campingplatz. Dutzende Wohnmobile parken am Straßenrand, am Strand campieren die Fans in Zelten.

Die Erfolge der Latino-Mannschaften sind keine große Überraschung, aber sie beflügeln den Tourismus. Nach Angaben der Fifa wurden bislang rund 2,9 Millionen Eintrittskarten verkauft, 40 Prozent davon gingen an ausländische Fans. Allerdings blieb der Touristenstrom aus Europa hinter den Erwartungen zurück. Die meisten ausländischen Tickets wurden, auch zur Überraschung der Fifa, in die USA verkauft, wohl an Latinos. Danach folgte Argentinien. Etwa 800.000 ausländische Fans werden bis zum Ende der WM erwartet.

Die Stimmung bei den Anhängern aus Lateinamerika ist ohnehin ausgelassen. Bislang haben die Mannschaften des Kontinents in der Mehrheit der Vorrundenspiele gesiegt. Außerdem ist Lateinamerika mit neun von insgesamt 32 Mannschaften in Brasilien vertreten, so vielen wie noch nie zuvor bei einer WM. "Es gab insgesamt sechs Weltmeisterschaften in Lateinamerika. Niemals verließ der Pokal den Kontinent", schrieben brasilianische Zeitungen. Das werde sich in diesem Jahr nicht ändern. (Susann Kreutzmann aus São Paulo, DER STANDARD, 23.6.2014)

  • Bis zu sechs Tage Anreise nahmen Fans aus Chile auf sich, um La Roja zu unterstützen. Sie konnten mit ihrer Begeisterung quasi nicht hinter den Anden halten
    foto: epa/fernando bizerra jr.

    Bis zu sechs Tage Anreise nahmen Fans aus Chile auf sich, um La Roja zu unterstützen. Sie konnten mit ihrer Begeisterung quasi nicht hinter den Anden halten

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