Eigentum und Eigentümlichkeit

Kommentar der anderen22. Juni 2014, 17:15
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Kapitalismuskritiker haben nichts gegen das Privateigentum, im Gegenteil. Sie sind für möglichst viel Privateigentum - allerdings in den Händen von vielen und nicht von wenigen. 

Dorothea Sturn schreibt in ihrem diskursiven Kommentar ("Mein Auto, mein Haus, mein Baum, mein Grund", Der Standard vom 18. 6. 2014), dass laut Karl Marx die "primäre Akkumulation" das Privateigentum hätte entstehen lassen. Diese ihre Behauptung ist logisch und ideologisch ein Unsinn.

Privateigentum kann nicht durch die Anhäufung von Privateigentum entstehen. Marx, und schon vor ihm Adam Smith, spricht mit der primären Akkumulation die Entstehung von Kapital an. Kapital ist Eigentum, das als Produktivkraft wirkt. Wer zwei, drei Autos sein Eigen nennt, verfügt über Privateigentum, wer damit ein kleines Taxiunternehmen bestreitet, hat Produktivkraft zur Verfügung.

An Smith kritisch anschließend ist für Marx die primäre Akkumulation in Wirklichkeit ein "Enteignungsprozess", der die Produzenten von den/ihren Produktionsmitteln trennt, also eher der Beleg, dass Privateigentum sich vor allem durch Enteignung vermehrt.

1820 waren in den USA 80 Prozent der Produzenten selbstständig, verfügten also über Privateigentum von Produktionsmitteln. Nur 20 Prozent der Arbeitenden waren unselbstständig - also Lohnempfänger oder "in Kost und Logis". 1920 hatte sich das Verhältnis umgekehrt: 80 Prozent der Arbeitenden verfügten über kein Eigentum und waren unselbstständig. (Das hatte auch mit der enormen Zuwanderung mittelloser Arbeiter zu tun.) G. K. Chesterton (1874-1936) bemerkte kritisch: "Das Problem des Kapitalismus ist nicht, dass es zu viele, sondern dass es zu wenige Kapitalisten gibt."

Die fundamentale Differenz zwischen Privateigentum und Privateigentum an Produktionsmitteln wollen die Apologeten des Privateigentums gerne verschleiern. Deshalb faseln sie undifferenziert. Harald Mahrer - Chef der Julius-Raab-Stiftung - schreibt in seinem schmalen Büchlein Eigentum , das Besteuern von Eigentum sei ein Anschlag auf den Mittelstand. Auf Plakaten der ÖVP stand als Warnung: "Über 150.000 Euro Eigentumssteuern" . Damit wird vertuscht, dass Lohnsteuer, Umsatzsteuer, Verbrauchersteuern und andere wie auch Vermögens- und etwa Kapitalertragssteuern allesamt selbstredend Eigentumssteuern sind. Was sonst? Oder man müsste annehmen, der Lohn sei nicht das Eigentum der Lohnempfänger.

Die von Sturn angerissene Diskussion über Privateigentum versus "Share Economy" ist zwar im Detail nicht uninteressant, aber der von ihr mehrmals erwähnte Thomas Piketty hat mit diesen Fragestellungen kaum zu tun. Diesen beschäftigt das Problem der Konzentration von gewaltigen Produktionsmitteln und Vermögen in extrem wenigen Händen.

Nebenbei sind einige der von Sturn vorgebrachten Thesen eher "jenseitig" . Selbst in der (wirklich) grauslichen DDR waren Autos, Schallplatten und Bücher Privatbesitz. Selbst im wunderbaren Österreich sind etwa 50 Prozent der Wohnungen nicht im Privatbesitz derjenigen, die darin wohnen. Wer Milch im Kaffee trinkt, wird sich vernünftigerweise nicht unbedingt eine Kuh anschaffen, oder wer viel liest und dennoch nicht alle Bücher besitzen will, leiht in der Bibliothek. Dazu braucht man kein "Sozialromantiker" sein.

Die Kritiker des Kapitalismus sind nicht gegen das Privateigentum, sondern sie kritisieren, dass gerade der Kapitalismus Privateigentum massenhaft vernichtet und in wenigen Händen konzentriert. Daher sind auch jene, die für Umverteilung - eigentlich sollte es Zurückverteilung heißen - argumentieren, nicht gegen Privateigentum, sondern dafür!

Nur in diesem Sinne muss man den "Sozialromantiker" Rousseau - der übrigens das Privateigentum verteidigte - verstehen: "Gesellschaft und Staat, die dem Schwachen neue Fesseln anlegen und dem Reichen neue Kräfte geben (...) das Gesetz des Eigentums und der Ungleichheit für immer festlegen und aus einer geschickten Usurpation ein unwiderrufliches Recht machten und für den Gewinn einiger Ehrgeiziger fortan das gesamte Menschengeschlecht der Arbeit, der Knechtschaft und dem Elend unterwarfen."

Was Piketty bezüglich der extremen Ungleichverteilung von Vermögen anspricht, ist nicht neu. Übrigens gab es nach Berechnungen des Ökonomen Sir Anthony Atkinson noch nie in der Geschichte der Menschheit, nicht einmal im absolutistischen Frankreich des Sonnenkönigs Ludwig des XIV., eine ungerechtere Verteilung als heute. Piketty will gar keine Gerechtigkeitsdebatte führen, sondern spricht die ökonomische Gefahr der extremen Ungleichverteilung im Kapitalismus an. Zu geringes Privateigentum bei den Massenkonsumenten ist übrigens schon nach Marx die wahre Ursache aller kapitalistischen Krisen: "Der letzte Grund aller wirklichen Krisen bleibt immer die Armut und Konsumtionsbeschränkung der Massen ..."

Oft wird Privateigentum mit Freiheit verknüpft. Aber es ist immer die Freiheit der Stärkeren, die hier angesprochen wird. "Zwischen dem Starken und dem Schwachen, zwischen dem Reichen und dem Armen, zwischen dem Herrn und dem Diener ist es die Freiheit, die unterdrückt, und das Gesetz, das befreit", schrieb Henri Lacordaire, ein französischer Dominikaner und Zeitgenosse von Marx. (Georg Herrnstadt, DER STANDARD, 23.6.2014)

Georg Herrnstadt (Jahrgang 1948) ist Musiker, Autor und Journalist.

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