Das Duell der Weltmeisterbesieger

22. Juni 2014, 16:13
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Im letzten Heuler der Gruppe B geht es in Rio zwischen den Niederlanden und Chile um den Gruppensieg. Es gilt Brasilien im Achtelfinale zu vermeiden und das Maracanã erneut zu besuchen - am 13. Juli

Die Lagoa Rodrigo de Freitas ist eine ziemliche Kloake. Sie hat die Ausmaße eines durchschnittlichen österreichischen Sees. Das Baden in ihr ist zwar nicht offiziell verboten, aber nicht einmal die härtesten Cariocas, so heißen die Einwohner Rios, würden darin auch nur ein einziges Tempo wagen. Es sei denn, sie legen Wert auf einen nässenden, bleibenden Hautauschlag. Dass Fischerboote zu sehen sind, irritiert und macht Hoffnung zugleich. Es muss also Leben in der Lagoa sein.

Am Ufer liegt das Trainingszentrum des CR Flamengo, offiziell heißt er Clube de Regatas do Flamengo Gavea. Er könnte brasilianischer Rekordchampion sein. Man weiß es nicht genau, Juristen scheitern seit Jahren an der Klärung. Was nämlich eine offizielle Meisterschaft war und was nicht, ist hierzulande Geschmackssache. Flamengo, 1895 gegründet, war ursprünglich ein Ruderverein. Das ist überhaupt nicht untypisch und nicht zu leugnen. Denn in der Kloake wird nicht nur gefischt, sondern auch professionell gerudert.

Holland bringt Rasen

Die Fußballabteilung spielte zuletzt in ihren rot-schwarz gestreiften Dressen eher gegen den Abstieg. Das Klubhaus bröckelt außen und innen vor sich hin. Während der WM wurde es von den Niederländern angemietet. Sie halten in ihm ihre Pressekonferenzen ab. Residiert wird im Hotel Caesar Park, eine breite Straße trennt es vom Strand von Ipanema. Das Haus ist quasi Sperrgebiet, der Sand davor nicht. Flamengo ist froh über den Besuch. Der Trainingsplatz war vor ein paar Monaten noch ein holpriger Acker. Die Niederländer wurden ehrlichkeitshalber davor gewarnt, sie haben reagiert und einen wunderbaren Rasen legen lassen. Auf eigene Kosten. Geschenkt, die Wiese bleibt da. Die Meisterschaftsspiele, offizielle und inoffizielle, bestreitet Flamengo übrigens im Maracanã. Das haben die Niederländer nicht bezahlt.

Die Mannschaft ist gut drauf, der Aufstieg wurde nach nur zwei Partien fixiert. Am Montag geht es in São Paulo im direkten Duell mit Chile um den Sieg in Gruppe B. Der ist insofern von Bedeutung, als man sich im Achtelfinale Brasilien ersparen dürfte. Da die Gastgeber erst vier Stunden später gegen Kamerun antreten, haben allerdings sie und nicht die Niederländer und Chilenen die Wahl. "Ein sonderbarer Spielplan", sagt Robin van Persie. Es ist nicht unoriginell, dass ausgerechnet er Kritik übt. Er ist aufgrund zweier gelber Karten gesperrt. Der richtige Kicker bemängelte zum falschen Zeitpunkt. Drei Tore hat er erzielt, genauso viele wie Arjen Robben. Die beiden bilden ein famoses Duo, gegen Chile ist es halbiert. Van Persie machte Robben eine Liebeserklärung. "Er ist großartig. Ich liebe es, mit ihm zusammenzuspielen. Weil es unvorhersehbar für den Gegner ist, was er macht. Manchmal verwirrt er auch uns."

Glücklich ist ...

Bondscoach Louis van Gaal dürfte Klaas-Jan Huntelaar statt van Persie bringen, glücklich ist, wer die Alternative hat. Huntelaar hat in einem Trainingsspielchen binnen eineinhalb Minuten drei Treffer geschossen, worauf der als spröde geltende van Gaal spontan applaudiert hat. Im Achtelfinale wird Huntelaar wieder auf dem Bankerl darben.

Die Niederlande wie Chile vermochten gegen Spanien zu imponieren (5:1 bzw. 2:0), die Pflichtaufgaben gegen Australien wurden eher mühsam gelöst (3:2 bzw. 3:1). Robben: "Es geht nicht um den Schönheitspreis, es geht um Punkte. Unser Ziel ist es, Gruppenerster zu werden. Ein Unentschieden reicht, aber darauf kann man nicht spielen. Chile ist extrem gut." Beide Teams haben jedenfalls noch einiges vor.

Die Südamerikaner wirkten bisher in der Defensive stabiler, ihre Fitness und körperliche Präsenz beeindruckten. Verbandspräsident Sergio Jadue war nach dem 2:0 gegen Spanien aus dem Häuschen, den Ball unter dem Arm geklemmt, philosophierte er: "Es liegt noch genug Geschichte vor uns. Wir kommen wieder ins Maracanã. Zum Finale am 13 Juli."

Trainer Jorge Sampaoli hält wenig von Rechenspielchen. Das Match gegen die "sehr starken Niederländer" sei der nächste Schritt. "Sollten wir dann auf Brasilien treffen, treffen wir halt auf Brasilien. Man muss jede Aufgabe lösen." Der Ausfall von van Persie habe wenig zu bedeuten. "Wir sind immer Chile, egal wer beim Gegner auf dem Platz steht."

Van Gaal hat das Halbfinale als Ziel ausgegeben. "Ein minimales Ziel - es kann übertroffen werden." Flamengo hätte nichts gegen einen längeren Aufenthalt von Robben und Kollegen. Schließlich pflegen sie den Rasen. (Christian Hackl aus Rio de Janeiro; DER STANDARD, 23.6.2014)

Gruppe B (3. Runde):

Niederlande - Chile (Montag, 18.00 Uhr MESZ, Sao Paulo, Corinthians Arena, SR Bakary Gassama/GAM)

Niederlande: 1 Cillessen - 3 De Vrij, 2 Vlaar, 13 Veltman - 7 Janmaat, 5 Blind - 8 De Guzman, 10 Sneijder, 6 De Jong - 17 Lens, 11 Robben

Ersatz: 22 Vorm, 23 Krul - 12 Verhaegh, 14 Kongolo, 15 Kuyt, 16 Clasie, 18 Fer, 19 Huntelaar, 20 Wijnaldum, 21 Depay

Es fehlen: 9 Van Persie (gesperrt), 4 Martins Indi (leichte Gehirnerschütterung)

Teamchef: Louis van Gaal

Chile: 1 Bravo - 5 Silva, 17 Medel, 18 Jara - 4 Isla, 16 Gutierrez, 8 Vidal, 21 Diaz, 2 Mena - 11 Vargas, 7 Sanchez

Ersatz: 12 Toselli, 23 Herrera - 20 Aranguiz, 3 Albornoz, 6 Carmona, 9 Pinilla, 10 Valdivia, 13 Rojas, 14 Orellana, 15 Beausejour, 19 Fuenzalida, 22 Paredes

Fraglich: Aranguiz (Verstauchung im Knie)

Teamchef: Jorge Sampaoli (ARG)

  • Arjen Robben, der gegen Australien die Kapitänsschleife von Robin van Persie  bekam, trägt sie auch gegen Chile. 
    foto: apa/epa/gontha

    Arjen Robben, der gegen Australien die Kapitänsschleife von Robin van Persie bekam, trägt sie auch gegen Chile. 

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