Passend zur Fußball-WM: Ein Rupprechter-Leak

Blog24. Juni 2014, 05:30
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Landwirtschaftsminister soll bei Fußballspielen Rosenkranz beten - die ÖVP könnte sich dennoch was von ihm abschauen

Pssssst! Es gibt ein neues Gerücht betreffend Andrä. Weißt schon, der Tiroler Herz-Jesu-Minister für österreichisches Leben, äh, Leben in Österreich, na, der Landwirtschaftsminister halt. Angeblich ist er in der Vergangenheit mehrfach bei Fußballspielen gesichtet worden – Rosenkranz betend. Für welches Team? Nicht überliefert. Gläubige würden wohl sagen: Wacker Innsbruck kann es nicht gewesen sein.

Diese aus schwarzen Reihen passend zur Fußball-WM geleakte Information mag dem zweifelnden Christdemokraten wieder die Gottesfürchtigkeit der Volkspartei lehren und Ungläubige zu Kopfschütteln verleiten. Das Originelle an dem scheinbar streng religiösen Rupprechter: Er ist die progressivste Kraft, mit der die ÖVP derzeit aufwartet. Glaubt man zahlreichen Medienberichten, ist er gar deren große Zukunftshoffnung.

Den jungen Kurz nicht verheizen

Man muss in Gesprächen mit schwarzen Politikern inzwischen oft nicht einmal mehr das Aufnahmegerät abdrehen, um die immer gleich lautende Frage zu hören: Der einzige Grund, warum Michael Spindelegger noch Parteiobmann ist – na wer soll es denn bitte sonst machen? Sebastian Kurz ist beliebt, engagiert und findet oft die richtigen Worte. Doch der ist zu jung und zu gut, um ihn jetzt als Obmann zu verheizen.

Bleibt: Andrä Rupprechter. Ein Typ Politiker, wie er in Österreich derzeit rar ist. Nämlich mit eigener Meinung, die er, auch wenn sie von der Parteilinie abweicht, gerne äußert. Er steht für ein Adoptionsrecht für Homosexuelle ein, bezeichnet sich selbst gern als „Grüner der ersten Stunde“ und erzählt davon, wie er in der Hainburger Au demonstrierte.

Nicht gern gesehen: Hang zum Kabarett

Was ihn auch von den meisten anderen aktiven Politikern unterscheidet, ist sein Hang zum Kabarettistischen: „Aber bitte nicht rauchen“, sagte er etwa zu Tirols grüner Landesvize Ingrid Felipe, als er ihr feierlich ein symbolisches Büschel Heu überreichte. Besucht er Bauernhöfe, läuft er gerne zur erstbesten Kuh, steckt ihr seine Hand ins Maul und streichelt ihr den Gaumen. Witz, Bodenständigkeit, Mut: Das zieht bei vielen Wählern wie auch Journalisten.

Wo er allerdings nicht so gut ankommt, ist in seiner Partei. Dass er sich besser öfter mal zurückhalten könnte, ist von ÖVP-Funktionären immer wieder zu hören. Dass er zu aufbrausend sei und sich häufig zu weit aus dem Fenster lehne. Auch in den Bünden kann er sich nicht auf eine breite Basis stützen.

Widersprüchliches Vorbild

Rupprechter vereint Eigenschaften, die auf den ersten Blick widersprüchlich wirken: Er ist ein glühender Tiroler Patriot und überzeugter Europäer; erzkatholisch und weltoffen; konservativ und aufgeschlossen. "Ich bin ein grüner sozialer Demokrat mit einem christlich-sozialen Wertefundament", sagte er dem deutschen Wochenblatt "Die Zeit". Will die ÖVP als Volkspartei überleben, braucht sie vielleicht nicht unbedingt Rupprechter als Obmann, aber jedenfalls einige seiner Werte im Statut. (Katharina Mittelstaedt, derStandard.at, 24.6.2014)

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