ISIS-Miliz kontrolliert irakisch-syrische Grenze

22. Juni 2014, 22:29
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Aufständische nehmen westirakische Städte Raua, Ana, Al-Kaim und Husseiba ein - US-Außenminister Kerry sucht politische Lösung

Bagdad - Im Westen des Iraks festigt die islamistische ISIS-Miliz ihre Machtposition. Kämpfer der Organisation Islamischer Staat im Irak und Syrien (ISIS) rückten immer näher an einen weiteren syrisch-irakischen Grenzposten heran, meldete das Nachrichtenportal "Sumaria News" am Sonntag unter Berufung auf Sicherheitskreise. US-Außenminister John Kerry reiste zu Gesprächen über die Irak-Krise in die Region.

Ein Großteil der irakischen Regierungstruppen habe sich aus dem Grenzort Al-Walid in der Provinz Al-Anbar zurückgezogen, meldete "Sumaria News". Erst am Samstag hatten Milizen, die mit ISIS kooperieren, weiter nördlich in der Ortschaft Al-Kaim einen Grenzposten übernommen und kontrollieren damit alle größeren Übergänge zwischen Syrien und dem Irak.

Laut Angaben von Offizieren und Ärzten ermordeten ISIS-Kämpfer in den westirakischen Städten Rawa (Raua) und Ana 21 Behördenvertreter. 

Wie der US-Nachrichtensender CNN unter Berufung auf einen hochrangigen Vertreter des irakischen Sicherheitsapparates berichtete, nahmen ISIS-Kämpfer neben ihrer Offensive im Norden auch die westirakischen Städte Raua, Ana, Al-Kaim und Husseiba ein.

Staudamm in Gefahr

Augenzeugen berichteten etwa am Sonntag, dass ISIS einen Großteil der Ortschaft Haditha - 260 Kilometer westlich von Bagdad - unter ihre Kontrolle gebracht hätten. In der Region steht ein Euphrat-Staudamm mit einem strategisch wichtigen Wasserkraftwerk.

Kampfflugzeuge der syrischen Luftwaffe bombardierten am Samstag ISIS-Stellungen an der Grenze. Im Ort Muhassan kamen bei einem Angriff 16 Menschen ums Leben.

Von der syrischen Provinz Rakka aus waren die ISIS-Kämpfer vor einigen Monaten ins westirakische Anbar gekommen. In der Stadt Falluja setzten sie sich im Jänner fest, eroberten Waffendepots der irakischen Armee und hielten Angriffen der Regierungstruppen stand.

Jordanien verstärkt Grenztruppen

Das Nachbarland Jordanien mobilisierte nach dem Vorrücken der ISIS-Terroristen die Streitkräfte an seiner Grenze. Das Königreich habe dutzende Verbände entlang der Grenze aufgeboten, verlautete aus Militärkreisen in Amman. Berichten zufolge sollen ISIS-Kämpfer die Stadt Rutba auf der Straße von Bagdad nach Amman und einen strategisch wichtigen Grenzübergang nach Jordanien eingenommen haben.

Sunnitische Gruppen wie ISIS kämpfen gegen Schiiten, die sie als "Abweichler" von der wahren Lehre des Islams ansehen. Hunderttausende sind auf der Flucht. Im benachbarten Syrien sieht die Lage wegen des dort tobenden Bürgerkrieges ähnlich aus.

In dem Konflikte stehen die schiitisch dominierte irakische Regierung, der Iran, die USA und das umstrittene Regime des syrischen Präsidenten Bashar al-Assad auf einer Seite.

Das geistliche Oberhaupt im schiitischen Iran, Ayatollah Khamenei, sprach sich unterdessen nachdrücklich gegen eine US-Intervention im Nachbarland aus. Die Iraker seien selbst in der Lage, die Gewalt zu stoppen, sagte er am Sonntag der Nachrichtenagentur Irna zufolge. Der Konflikt sei kein religiöser, betonte er. Der iranische Präsident Hassan Rohani übte unterdessen - in Anspielung auf Saudi-Arabien und Katar - scharfe Kritik an jenen Staaten, "die die Terroristen mit ihren Petrodollars unterstützen".

Kerry in Ägypten

US-Außenminister Kerry traf am Sonntag zu politischen Gesprächen in Ägypten ein. In Kairo wie bei seinen nächsten Reisestationen in Jordanien, Brüssel und Paris will über Möglichkeiten sprechen, den Vormarsch der islamistischen Milizen im Irak zu stoppen.

Die USA hatten angekündigt, das irakische Militär im Kampf gegen die Terrormiliz zu unterstützen. Washington setzt dabei unter anderem auf einen möglichst kurzen Einsatz der rund 300 Soldaten, die als Militärberater in den Irak geschickt werden sollen. Medienberichten zufolge sollten die ersten Soldaten bereits am Wochenende im Irak eintreffen.

Angesichts der militärischen Erfolge der sunnitischen Aufständischen demonstrierten die Schiiten am Samstag in ihren Hochburgen mit Militärparaden ihre Entschlossenheit im Kampf. Im Bagdader Stadtteil Sadr City paradierten tausende bewaffnete Kämpfer der Miliz des einflussreichen Schiitenführers Moktada al-Sadr. Ähnliche Paraden fanden in den südlichen Städten Basra, Najaf und Kut statt.

Der deutsche Entwicklungsminister Gerd Müller verlangte ein europäisches Sonderprogramm für Flüchtlingshilfe in der Krisenregion. "Es ist jetzt entscheidend, konkret und schnell zu handeln", sagte der CSU-Minister der "Welt am Sonntag". "Wir sollten Mittel umschichten und eine Sonder-Milliarde der EU für Frieden und Entwicklung investieren." In Berlin will sich Müller ebenfalls für eine Aufstockung der Hilfsgelder einsetzen.  (APA/dpa, derStandard.at, 22.6.2014)

  • Ein ISIS-Kämpfer verschenkt in Mossul Koranausgaben
    foto: ap

    Ein ISIS-Kämpfer verschenkt in Mossul Koranausgaben

  • Eine irakische Spezialeinheit auf Patrouille (Bild vom 13.6.2014).
    foto: reuters/osama al-dulaimi

    Eine irakische Spezialeinheit auf Patrouille (Bild vom 13.6.2014).

  • ISIS-Kämpfer in der Nähe bon Baiji
    foto: reuters

    ISIS-Kämpfer in der Nähe bon Baiji

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