Demo gegen Regenbogenparade: Die üblichen Verdächtigen

Blog23. Juni 2014, 05:37
68 Postings

Wie mein Kamerateam bei der Regenbogenparade angegriffen wurde

Überall auf der Welt werden Kamerateams angegriffen. Warum nicht auch auf dem Stephansplatz in Wien? Überall meinen aufgebrachte Menschen einen guten Grund zu haben, Kameraleute herumzuschubsen, warum nicht auch Josef Hartmann? Auf dem Stephansplatz in Wien.

Die ganz real existierende Schande

Das Ereignis ist marginal, aber heftig: Organisiert von der "Plattform Familie" rund um Herrn Alfons Adam, demonstriert die äußerste katholische Rechte am Rande der heurigen Wiener Regenbogenparade gegen das 21. Jahrhundert. Mit dabei sind junge Männer aus Osteuropa, mit Fahnen, die ein gelbes Kruckenkreuz auf blauem Grund zeigen. Mit dabei ist auch Josef Hartmann, der Mann, der einst 500.000 Katholiken bewegte, aus ihrer Kirche auszutreten.

Doch "einst" ist gar nicht so lange her. Das Aufdecken von Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche kommt immer in Wellen. Wir erinnern uns gerade mal an die letzte. Das war jene, die in der fragwürdigen Klasnic-Kommission ihr unwürdiges Ende mit der Zahlung von Peanuts findet.

Davor erschüttert eben Josef Hartmann 1995 via "Profil", erst die österreichische Öffentlichkeit und dann die österreichische Christenheit. Die sogenannte "Groër-Affäre" bringt ebenfalls eine Legion an Opfern ans Licht und löst weltweite Berichterstattung aus. Nur ganz kurz davor, am Beginn der 90er-Jahre, decken die amerikanischen Journalisten Elinor Burkett und Frank Bruni den bisher größten Missbrauchsskandal der katholischen Kirche in den USA auf. Tausende Opfer klagen, ganze Diözesen bankrottieren wegen der Entschädigungszahlungen, und der Erzbischof von Boston, Kardinal Bernhard Law flieht in den Vatikan, um einer Festnahme zu entgehen. Das Buch dazu heißt knapp und programmatisch: "Das Buch der Schande". Sehr lesenswert.

In Mutters seifigem Schoß

Bevor Hans Hermann Groër zum Kardinal kreiert wird, ist er nur ein Seelsorger. Im Zentrum seiner Seelsorge für junge Buben steht die Hygiene. Bis zu seinem Tod sieht Groër das persönlich vorgenommene Einseifen von Kindergenitalien als seelsorgerische Dienstleistung und nicht als schreckliches Verbrechen an der Kindheit seiner Opfer. Seine Kirche erledigt den Fall, indem sie den greisen Geistlichen zwischen diversen Klöstern herumsiedelt. Der kranke Greis stirbt in einem Klosterbett.

Nun findet sich eine "Plattform Familie" als Gegenveranstaltung zur Regenbogenparade an einem launischen Frühsommersamstag vor dem Stephansdom zusammen. Alles ist gut organisiert, man hat einen Lautsprecherwagen, einen Sprecher, das ist Herr Alfons Adam, man hat Transparente, Gäste und sogar eigene Security-Leute. Das sind junge, muskulöse Männer in knappen schwarzen T-Hemden. Die Sonne zaubert Schweißperlen, die gespannte Haut über den Bizepsen, Trizepsen und anderen Zepsen glänzt dadurch wie der goldene Hauch der Morgenröte. Kurz: Diese Jungs sind richtig heiß! Und was mich betrifft, ist dieser Teil der Demonstration wirklich gelungen!

Abgelenkt durch erzkatholische Adonisse, merken wir erst nach Minuten, dass auch Josef Hartmann hier ist. Erst halten wir ihn für jemanden, dessen Kostümierung als Kolonialherr gelungen ist. Die Farbe Khaki ist dominant, so wie die schlichte Linie. Hartmann trägt einen hochwertigen tropentauglichen Hut und eine trotz ihrer Größe elegante Retro-Sonnenbrille. Aber es ist doch nur Josef Hartmann, der (kostümiert zwar) wieder zur katholischen Familie zurückfindet. Und mich, meinen Kameramann Andreas A. und unsere Fotografin A. H. mehrfach herumschubst und beflegelt, bis ein Polizist ihn doch noch abführt und seine Personalien festhält.

Vagina? Penis? Mumu? Pipi?

Aus meinem Team und mir sind noch zwei weitere Kamerateams hier - die bald ebenfalls von den verschwitzten Security-Jungs und einigen Demoteilnehmern angegriffen werden. Was die Menschen hier zur Gewalt reizt, scheinen unsere Fragen an sie zu sein. Weil die "Plattform Familie" hier u. a. gegen den Sexualkundeunterricht demonstriert, weil ebenda Kinder "unanständige Worte" lernen würden, will ich wissen, welche Worte das sind. Meine Vorschläge entnehme ich der medizinischen Lexik und dem umgangssprachlichen Wortschatz. Auf den Gebrauch der Gossensprache verzichte ich schweren Herzens. Eine konkrete Antwort erhalte ich jedoch nicht.

Nach dem zweiten Interview zu diesem Thema wird meinem Kameramann Andreas A. die Kippa vom Kopf gerissen. Danach geraten die Geschehnisse etwas außer Kontrolle. In kurzer Reihenfolge nacheinander werden alle Reporter, die mit einem Kamerateam anwesend sind, herumgeschubst, beflegelt und mit Fäusten angegriffen. Uns gelingt eine wunderbar authentische, verwackelte, actiongeladene, dramatische HD-Bild-und-Ton-Aufzeichnung der Zornentladung aufgrund unserer "dummen" Fragen. Und wir schweben auf den Flügeln des Adrenalins im heroischen Wissen, dass wir hier die Freiheit des Wortes verteidigen. Dass wir hier herumgeschubst werden, weil wir in Anspruch nehmen, jede - auch jede provokante - Frage stellen zu dürfen, ohne dafür mit Gewalt bedroht zu werden. Ist das nicht schön!? Später trinken wir ein, zwei Bier, um den Heroismus etwas abzukühlen.

Eine kurze und eine längere Fassung der Vergewaltigung unserer Redefreiheit werden wir demnächst auf eine bekannte Videoplattform laden und selbstverständlich auf mein Profil auf einem bekannten Sozialnetzwerk.

Die Polizei macht "den Houdini"

In der Nähe der Michaelerkirche stoßen wir zum Abschlussgebet der Demo dazu. Dort treffen wir Herrn Hartmann wieder. Er verteilt friedlich Zettel, gibt uns auch welche, wir nehmen sie schweigend entgegen, unsere Augen lauern auf Anzeichen plötzlich ausbrechenden Zorns der Gerechten. Doch Josef zischt uns nur kryptisch zu: "Wir sehen uns am siebenundzwanzigsten!"

Danach führen wir ein Interview mit einem jener Trommler aus der Gegendemonstration, die mit ihren Trommeln den besseren Sound hat als ihre religiösen Widersacher. Und den lauteren. Doch leider zerrt ein Trupp Polizisten uns den Mann vor laufender Kamera aus dem Bild. Man sagt uns, er werde der Begehung einer Straftat verdächtigt. Man sagt uns nicht, welche Straftat das ist. Die Polizisten zerren den Trommler hinter einen Kordon, der uns nicht durchlässt. Wir sehen ihn erst später in einem Polizeibus.

Dafür gibt uns ein anderer Mann ein ausführliches Interview. Darin zeigt er uns Bilder einer russischen Bohrung, die so tief ist, dass man die Hölle angebohrt zu haben meint. Die Schreie der Verdammten jedenfalls könne man deutlich hören, und aus dem Loch sei eine Rauchwolke gestiegen, geformt wie die Fratze des Teufels. Diesen Mann verhaftet niemand. Warum auch? Schließlich nimmt er nur die Freiheit in Anspruch, völligen Nonsens zu glauben. Wir überlegen kurz, ob wir den alten Mann ein wenig herumschubsen und beschimpfen sollten, aber wir lassen es, weil uns einfällt, dass wir gottlose Humanisten sind. Und es nicht schriftlich brauchen, dass man nicht morden, stehlen und lügen solle. (Bogumil Balkanksy, derStandard.at, 23.6.2014)

Share if you care.