Wenige argentinische Lichtblicke

21. Juni 2014, 21:23
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Lionel Messi hat Argentinien gegen den Iran mit einem Geniestreich vor einer Blamage bewahrt – allerdings nur auf dem Papier. Denn obwohl die Argentinier die Spielkontrolle besaßen (Ballbesitz 70 zu 30 Prozent, Passquote 91 zu 67 Prozent), strahlten sie gegen den Außenseiter Iran über weite Strecken der Partie keinerlei Torgefahr aus. Die Systemänderung hin zu einem 4-3-3 – angeblich von Superstar Messi höchstselbst inspiriert – brachte keine Verbesserung im Vergleich zum Spiel gegen Bosnien-Herzegowina, das Argentinien noch mit einer Fünfer-Abwehrkette bestritten hatte.

Im Gegenteil: Gegen die Iraner klaffte zwischen Mittelfeld und Angriff ein großes Loch. Der bewegungsfaule Dreier-Angriff hing in der Luft, das Flügelspiel war berechenbar und statisch, Messis Stärken blieben ungenutzt. Als der Iran in der zweiten Hälfte mit mehr Mut im Konterspiel agierte, deckten die Perser schonungslos die argentinischen Schwächen in der Rückwärtsbewegung auf. Der tapfere Außenseiter wäre dabei beinahe in Führung gegangen.

Sergio Romero: War zunächst nahezu beschäftigungslos, was sechs Ballkontakte in der ersten Halbzeit unterstrichen, dann aber schwer gefordert: Zeigte sich bei Ghoochannejhads gefährlichem Kopfball in der zweiten Hälfte hellwach, ehe er gegen den starken Dejagah mit einem Reflex und wieder gegen Ghoochannejhad mit einer Parade den Rückstand verhinderte.

Pablo Zabaleta: Begann auf rechts mit hoffnungsvollen Läufen und zog anfangs ein vielversprechendes Zusammenspiel mit Messi und Gago auf. Versuchte danach zwar weiterhin in gewohnter Manier die ganze Seite zu bespielen, baute aber zusehends ab – bei Pässen und Flanken fehlte die Genauigkeit.

Hatte in der zweiten Hälfte Glück, dass sein elfmeterreifes Foul an Dejagah nicht bestraft wurde. War bei den iranischen Kontern meist nur zweiter Sieger.

Ezequiel Garay: Köpfte nach einem Messi-Freistoß den Ball aus vier Metern knapp über das Tor. Präsentierte sich ansonsten defensiv konzentriert und kopfballstark. Hatte aber genauso wie Nebenmann Fernandez große Probleme, als das Spiel im zweiten Durchgang schneller wurde.

Federico Fernandez: War genauso wie Garay im Spielaufbau kein Faktor und beim Offensiv-Kopfball latent gefährlich. Ließ Ghoochannejhad bei dessen Kopfball gewähren.

Marcos Rojo: Versuchte sich in regelmäßigen Abständen als offensiver Linksverteidiger, ließ dabei aber manchmal technische Fertigkeiten und oft die Genauigkeit bei seinen Hereingaben vermissen. Immerhin mit einem gefährlichen Kopfball.

Javier Mascherano: Übernahm in der Zentrale mit Gago im Wechsel den Spielaufbau, scheiterte aber meist daran, das Spiel schnell zu machen. Wenn er es versuchte, wurde er bei seinen Abspielen oft ungenau. Überließ das undankbare Mandat des Spielaufbaus in der zweiten Hälfte zusehends seinem Nebenmann Gago und stopfte gegen mutige Iraner die Lücken in der Zentrale. Als Zweikämpfer ein Ass.

Fernando Gago: Auf halbrechter Position gleichberechtigt mit Mascherano in der Spielgestaltung. Versuchte sich dabei mit wechselhaftem Erfolg an den riskanteren Bällen. Dehnte seinen Aktionsradius zusehends aus, um das Loch zwischen Mittelfeld und Angriff zu überbrücken. Offenbarte Schwächen im Defensivkopfball.

Ángel Di Maria: Sorgte mit seiner Explosivität, seiner Ballgewandtheit und seinen Ideen für die wenigen Überraschungsmomente im argentinischen Spiel. Wenn Argentinien – höchst selten – gut umschaltete, dann über ihn. Im Abschluss glücklos, bei Standards gut. Ließ sich nach der Führung bei seiner späten Auswechslung aufreizend viel Zeit.

Lionel Messi: Seine beste Aktion hatte er kurz vor dem Schlusspfiff, als er mit einem Weltklasse-Distanzschuss die argentinische Blamage verhinderte – zumindest auf der Ergebnistafel. Zeigte ohne Ball einen Bewegungswillen wie Steffen Hoffmann nach 90. Minuten Spielzeit. Spielt zwar normalerweise in einem anderen Universum als der Rapid-Regisseur, strahlte gegen den Iran aber meistens auch nur bei Standards wirklich Gefahr aus. Bei seinen Schüssen in der regulären Spielzeit entweder ohne Fortune oder mit mangelnder Genauigkeit. Ließ sich regelmäßig zurückfallen, verfing sich bei seinen Tempodribblings dann aber im dichten iranischen Abwehrgeflecht.

Gonzalo Higuain: Hatte in der ersten Halbzeit elf Ballkontakte, was vor allem an der geringen Laufbereitschaft lag, die er und seine beiden Mitstreiter im Angriff, Agüero und besonders Messi, an den Tag legten. Besaß dennoch die zweitbeste argentinische Chance des ersten Durchgangs, als er am herausstürmenden iranischen Torwart Reza Haghigi scheiterte. Verlor danach endgültig die Bindung ans Spiel und war darüber so verzweifelt, dass er aus völlig aussichtsloser Position, aus spitzem Winkel und vier Meter von der Grundlinie entfernt, abzog – natürlich ohne Erfolg. Erhöhte die Anzahl seiner Ballkontakte bis zur 77. Minute auf 20, dann wurde er ausgewechselt.

Sergio Aguero: Hatte in der ersten Hälfte einen starken Schuss aus dem Getümmel heraus, den aber der starke Haghigi abwehrte. Wich ansonsten auf die linke Seite aus und rieb sich im Duell mit der konzentrierten iranischen Verteidigung auf.

Rodrigo Palacio (77.. für Higuain): Hatte einen gefährlichen Kopfball. Ansonsten entfaltete seine Einwechslung keine Wirkung.

Ezequiel Lavezzi (77. für Agüero): Sorgte auf Rechtsaußen ein bisschen für Unruhe. Aber nur ein bisschen.

Lucas Biglia (90. +3 für Di Maria): Nicht zu bewerten. (Jörn Wenge, derStandard.at, 21.6.2014)

  • Argentiniens Erlöser Lionel Messi.
    foto: ap/ jon super

    Argentiniens Erlöser Lionel Messi.

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