Costa Ricas Traum, Englands Erwachen

20. Juni 2014, 20:13
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Costa Ricas Sieg über Uruguay war keine Eintagsfliege. Nach einem 1:0 über Italien steht der vermeintliche Prügelknabe der Gruppe D im Achtelfinale

Recife - Just im Venedig Brasiliens, in Recife, könnte ein, nein, der italienische Untergang eingeleitet worden sein. Gut, ganz so weit ist es vielleicht noch nicht, schließlich genügt den Italienern in ihrem letzten Gruppenspiel gegen Uruguay ein Remis zum Aufstieg. Doch das müssen sie erst einmal schaffen. Was wurde nicht geredet über diese ach so furchtbare Gruppe mit den drei ehemaligen Weltmeistern, von denen einer auf der Strecke bleiben würde. Nun, nach zwei Spieltagen, steht fest, dass es zwei Champions erwischen wird, die Engländer sowieso, aber eben auch Italien - oder Uruguay.

Costa Ricas Fußballhelden lagen sich freudetrunken in den Armen. Der vorzeitige Achtelfinal-Einzug der Ticos durch das 1:0 (1:0) gegen Italien rief bei der Squadra Azzurra Erinnerungen an das WM-Trauma von 2010 wach. Und England ging damit sogar erstmals seit 1958 schon in der Vorrunde k. o.

"Das ist historisch! Wir sind glücklich, wir sind glücklich", sagte Costa Ricas kolumbianischer Teamchef Jorge Luis Pinto nach dem zweiten Einzug der Ticos in das Achtelfinale einer WM nach 1990. Pinto bezeichnete den Erfolg als "großartigen" Sieg. "Wir waren taktisch, von der Dynamik und vom Kopf her überragend. Ein großer Tag für den Fußball in Costa Rica. Ich empfinde Glück und Stolz, ein historischer Tag für unser Land."

Frust auf der Insel

Den Siegtreffer erzielte Bryan Ruiz (44.), der nicht nur die Italiener, sondern vor allem auch die Briten ins Herz traf. "Es ist vorbei, und wir haben noch nicht einmal drei Spiele gespielt", schrieb die Daily Mail mit Schlusspfiff. Doch auch die Italiener könnte es noch in der Vorrunde erwischen, wie schon vor vier Jahren in Südafrika. "Es war eine Niederlage, die wir nicht erwartet haben", sagte Trainer Cesare Prandelli und verteilte Komplimente an Costa Rica: "Sie waren aggressiver." Seine Mannschaft müsse gegen Uruguay nun "alles geben". Bei Costa Rica gegen England in Belo Horizonte ist nur noch zu klären, ob Costa Rica Gruppensieger wird.

Am Freitag in Recife war Italien nur zu Beginn gefährlich. Andrea Pirlo servierte Mario Balotelli genial den Ball, der Angreifer lupfte über Keylor Navas, aber auch am Tor der Ticos vorbei. Die Costa Ricaner konterten sofort. Nach einem Kopfball von Oscar Duarte über das Tor (42.) wurde es turbulent. Giorgio Chiellini brachte Joel Campbell im Strafraum zu Fall, Schiedsrichter Enrique Osses (Chile) ließ weiterspielen (43.).

Die Mittelamerikaner setzten den Ärger in positive Energie um. Junior Diaz von Mainz 05 flankte, Bryan Ruiz köpfte, der Ball flog an die Unterkante der Latte und schlug deutlich hinter der Torlinie auf. Die Emotionen kochten aber auch nach dem Halbzeitpfiff weiter hoch, im Kabinengang gerieten mehrere Spieler aneinander, es dauerte, bis sich die Gemüter beruhigten.

Nach der Pause tat sich Italien weiter schwer. Fast jeder Angriff lief über Pirlo, der in der 53. Minute per Freistoß zumindest für etwas Gefahr sorgte. Balotelli bekam kaum Gelegenheit, sich einen Traum zu erfüllen. "Wenn wir Costa Rica schlagen, will ich von der Queen einen Kuss, natürlich auf die Wange", hatte er vor dem Match noch allzu übermütig getwittert. (sid, fri, DER STANDARD, 20.6.2014)

Italien - Costa Rica 0:1 (0:1). Recife, Arena Pernambuco, 41.000, SR Osses (CHI).

Tor: 0:1 (44.) Ruiz

Italien: Buffon - Abate, Barzagli, Chiellini, Darmian - De Rossi - Motta (46. Cassano), Pirlo - Candreva (57. Insigne), Marchisio (70. Cerci) - Balotelli

Costa Rica: Navas - Gamboa, Gonzalez, Duarte, Umana, Diaz - Tejeda (68. Cubero), Borges - Ruiz (81. Brenes), Bolanos - Campbell (74. Urena)

Gelbe Karten: Balotelli bzw. Cubero

  • Costa Rica bleibt weiter makellos und das in der mit drei Weltmeistern gespickten Gruppe.
    foto: ap/ augstein

    Costa Rica bleibt weiter makellos und das in der mit drei Weltmeistern gespickten Gruppe.

  • Ein Arbeitstag zum Vergessen für Mario Balotelli (li).
    foto: ap/ ricardo mazalan

    Ein Arbeitstag zum Vergessen für Mario Balotelli (li).

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