Nicolas Altstaedt: "Das Instrument war nicht mehr mein Partner"

20. Juni 2014, 18:22
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Der Cellist und Leiter des Kammermusikfestivals Lockenhaus über Doppelbelastung, Spontaneität und entfremdete Instrumente

 Wien - Danke, die Operation war erfolgreich - Nicolas Altstaedt ist erleichtert. Monatelang hat der Deutsche den richtigen Fachmann gesucht, pilgerte von Arzt zu Arzt und "hatte einige schlaflose Nächte", bis er in Wien einen Doktor fand, der die richtige Methode zur Anwendung brachte. Nun ist der Patient genesen, nun klingt Altstaedts Cello also wieder, wie es klingen sollte. Vorbei die "schweren Wochen, in denen ich dachte, nicht mehr so spielen zu können, wie ich es mir vorstellte. Das Instrument war nicht mehr mein Partner - es hatte seinen Klangcharakter stark verändert."

Nun fühlt sich Altstaedt "regelrecht erlöst. Es ist halt alles, was mit dem Instrument zusammenhängt, hochsensibel. Wir reisen unentwegt, wir sitzen in Flugzeugen, das Klima ist zu trocken, etwas geht kaputt", so Altstaedt, der als gefragter Cellist tatsächlich heftig unterwegs ist. Man möge jetzt aber nicht gleich in Mitleid verfallen: Der 1982 in Heidelberg Geborene wirkt alles andere als fragil. Man sollte ihn eher mit einer Form konzentrierter Unbeschwertheit in Verbindung bringen - anders würde er eine signifikante Solistenkarriere auch nicht bewältigen. Anders würde er selbige auch kaum mit jenem Organisationsjob verbinden können, den ihm Geiger Gidon Kremer 2011 "umgehängt" hat:

Altstaedt ist zu Kremers Nachfolger beim Kammermusifestival in Lockenhaus berufen worden. Wobei: Lockenhaus ist ja zunächst eine romantische Idee. Sie handelt von einer Oase des spontanen, vertiefenden Musizierens. Befreit von Lasten und Zwängen des verschleißenden Konzertalltags soll im Burgenland - heuer unter dem Motto "Fiktion" - profunde Werkbefragung unter transparenten Bedingungen möglich werden. Alle Proben sind öffentlich, Musiker reisen nicht an, um gleich wieder "Adieu!" zu sagen. Sie bleiben ein gehöriges Weilchen und widmen sich einem bezugsreichen Repertoire, das auch Uraufführungen beinhaltet.

Eine Wahnsinnsarbeit

So hat es Gründer Gidon Kremer vorgesehen. Und so hält es auch Altstaedt, wenngleich es für ihn persönlich eher schwer ist, die Festivalideale auszuleben: "Natürlich ist das eine Wahnsinnsarbeit - ich bin nach den zwei Wochen komplett tot. Ein Freund von mit, der in Davos ein Festival leitet, macht es richtig: Der spielt gar nicht, ist nur Festivalchef und leitet alles quasi vom Büro aus."

Er hingegen spiele die ganze Zeit. "Und obwohl ich auch delegiere, habe ich natürlich tausend organisatorische Dinge im Kopf. Man hat keine Sekunde Zeit zu üben, man muss also vorbereitet zum Festival kommen. Auf der Bühne muss man dann natürlich alles ausradieren, was Organisation betrifft."

Aber Altstaedt kann das. Er empfindet seine Funktion denn auch "als Geschenk, als immense Bereicherung. Wenn ich das Programm plane und ein Festivalthema suche, kann ich mich in die Materie vertiefen und vieles kennenlernen, was eine fast kindliche Freude auslöst. Ich konzipiere natürlich lange im Voraus, und die Werke stehen vor dem Festival fest. Spontan sein heißt hier, auch etwas Ungeplantes gerne ins Programm zu nehmen."

Sich entspannt fühlen, intensiv proben und quasi temporär sesshaft werden - dafür gelte es zu sorgen, so Altstaedt. Und seiner bisherigen Erfahrung nach ist das auch der Regelfall: "Es gibt niemanden, der kommt, seine Starsonate abspult und wieder wegfährt." Da sei bei den Kollegen schon eine gewisse Selbstlosigkeit im Spiel, "denn fürs Honorar können sie ohnedies nicht kommen - es gibt nämlich keines".

Offen wie ein Kind

Substanzvolles Musizieren? Es hat für Altstaedt grundsätzlich "mit intensivem, frischem Durchleben von Werken zu tun. Eine Komposition ist ja eine Vision, die man neu umzusetzen versucht. Gidon Kremer ist darin bewundernswert: Er ist einer der wenigen, die, auch wenn sie ein Werk hundert Mal gespielt haben, die Noten völlig unvoreingenommen aufschlagen. Er nimmt alle Idee an, probiert alles aus. Er ist da ein bisschen wie ein Kind."

In diesem Sinne sollen wohl auch alle, die nach Lockenhaus kommen, ein bisschen zu fleißigen Kindern werden. "Innerhalb von zehn Tagen soll sich musikalisch Explosives ereignen. Und ich denke, dies kann besonders bei so einem kleinen Festivalraum passieren." (Ljubisa Tosic, DER STANDARD, 21.6.2014)

Kammermusikfestival in Lockenhaus, 3. bis 12. Juli

  • Nicolas Altstaedt zu seiner Doppelfunktion als Cellist und Festivalleiter in Lockenhaus: "Ich bin nach den zwei Wochen komplett tot!"
    foto: borocz

    Nicolas Altstaedt zu seiner Doppelfunktion als Cellist und Festivalleiter in Lockenhaus: "Ich bin nach den zwei Wochen komplett tot!"

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