Burschen, Biere und Begierden

Reportage20. Juni 2014, 17:54
134 Postings

Während rund um den Red-Bull-Ring das Fest der Dosen gefeiert und Dietrich Mateschitz als Hero der Region gehuldigt wird, stehen dessen Piloten noch auf der Bremse. In den ersten Trainingsrunden fuhren sie erfolglos gegen die Dominanz von Mercedes an

Spielberg - In aller Herrgottsfrüh rammt der bärtige Bauchige die tragende Zeltstange in den Boden. Vor einer Stunde ist die Truppe stämmiger, westösterreichischer Burschen am Campingplatz eingetrudelt. Jetzt noch die Sat-Schüssel ausgerichtet, die Rennfahne montiert. Zeit fürs Frühstück.

Die Freunde versammeln sich um den Campingtisch, die vorbereiteten Hülsen stehen aufgereiht bereit. Ein Stillleben in Blech, wie es hier morgens in der verschworenen Welt der Camper vielerorts zum Ritual gehört. Nur die Namen der Dosen variieren: Stiegl, Ottakringer, Gösser.

"Lasset uns beten." Aus einem Lautsprecher ruft ein Pfarrer zur heiligen Messe. Einige Wohnwagen und Zelte entfernt dröhnt es ohrenbetäubend aus einer Box: "rooooooarrrr". Ein Liebhaber feinen Motorenlärms lässt zur Einstimmung auf das Formel-1-Rennen auf dem Red-Bull-Ring den Sound der Boliden vom Band laufen. "Gewaltig, oder?", blickt ein oststeirischer Wohnwageninhaber Richtung Norden. Wie eine schwarze Raumstation, unwirklich und um Dimensionen zu groß, knallt einem das 900 Tonnen schwere Stahlmonster des Red-Bull-Mediencenters entgegen. Eine schroffe, optische Antithese zur lieblichen Landschaftskulisse, durch die sich die neue, 4,3 Kilometer lange Rennstrecke an den Wiesenhängen und Waldrändern entlangschlängelt. Gespenstisch irgendwie, aber von imposanter technischer Erhabenheit.

Die Rennboxen, in denen die Boliden frisiert und geschniegelt werden, sind Computerlaboratorien, sterilen OPs gleichend, die den einzigen Unsicherheitsfaktor, den Fahrer, in seiner Funktion möglichst minimieren. Dahinter, im Fahrerlager, ist Onkel Dagobert zu Haus. Das Geld ist hier abgeschafft, eine mobile Villa reiht sich an die nächste. Luxushäuser für Fahrer, Mechaniker und Computerspezialisten, die mit dem Grand-Prix-Tross mittransportiert und stets neu aufgebaut werden. Mercedes gönnt sich ein Schöner-Wohnen-Objekt mit Restaurant und Dachterrasse, Red Bull verwöhnt sein Team mit einem Herrscherhaus samt einer mit Palmen bestückten Rundum-Veranda.

Hier konnten sich die beiden Piloten Sebastian Vettel und Daniel Ricciardo am Freitag ihren Kater nach dem ersten Training auskurieren. Vettel ritt in der Zielkurve aus, Teamkollege Ricciardo, zuletzt Sieger in Montreal, machte es ihm an selber Stelle mit einem Dreher nach. Keine Chance gegen die Dominanz von Mercedes. Das Match um die Poleposition werden sich auf Vettels Heimstrecke Lewis Hamilton und Nico Rosberg ausmachen. "Wir sind meilenweit weg von dem, wo wir hinwollen", knurrte Red-Bull-Motorsportchef Helmut Marko.

"Die spinnen ja"

Drüben in Zeltweg, gleich neben dem Steirerschlössl, dem alten Werkshotel, das Dietrich Mateschitz wie andere Baudenkmäler der Industrieregion auf internationales Toplevel brachte, sticht der alte Wasserturm heraus. Oben durchschneidet eine Glaskonstruktion, in der eine Bar mit Rundumblick eingerichtet ist, das schlanke Gebäude. Unten, im stylischen Lounge-Café, sitzt ein Pensionist vor seinem Seidl. "Früher hat's das alles net gegeben", kommt er ins Sinnieren, "der Turm nach dem Krieg ... es gab ja kein Wasser ..." Und jetzt sitzt er hier in seiner alten Kluft unter jungen Leuten in diesem futuristischen Wirtshaus. "Des hot die Gegend gebraucht. Der Mateschitz hot wieder Leben hierhergebracht. Endlich."

Ein älteres Ehepaar schiebt seine Fahrräder entlang der Bundesstraße: "Wir sind so stolz, ein Wahnsinn, was wir hier jetzt haben, so viele Leute kommen, weil sie das alles sehen wollen", schwärmt der Gatte. Die Ehefrau strahlt dazu, sagt "Ja".

Sogar das Gros der Familienhäuser ist seit kurzem fesch herausgeputzt. Frisch gestrichen mit der Kohle von Red Bull. "Werkberg" nannte Mateschitz diese Verschönerungsaktion, die er sich einige Millionen kosten ließ.

"Die spinnen ja", sagt ein am Nebentisch im Turmcafé sitzender Anrainer. Da hätten doch glatt Nachbarn einander geklagt, weil einer mehr Geld von Mateschitz bekommen habe als der andere. Auch haben, sagt man, einige versucht, alte Rechnungen in den Baumärkten umschreiben zu lassen, um sie Mateschitz vorzulegen. Und in der Gier, einige Tausender für die Hausverschönerung geschenkt zu bekommen, hätten etliche vergessen, dass man für Umbauten auch Genehmigungen braucht. Wie gewonnen, so zerronnen.

Das wird, beten die Spielberger wohl täglich, hoffentlich nicht für das neue Ring-Abenteuer gelten. (Walter Müller, DER STANDARD, 21.6.2014)

  • Die steirische Variante der Grid Girls.
    foto: apa/schneider

    Die steirische Variante der Grid Girls.

Share if you care.