Alstom: Siemens geht in Frankreich leer aus

20. Juni 2014, 19:44
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Im Bieterkampf um den Industriekonzern Alstom gibt die französische Regierung dem US-Bieter General Electric (GE) den Vorzug vor Siemens und Mitsubishi. Zugleich sichert sich der Staat massive Einflussrechte.

Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg erklärte am Freitagabend an einer Pressekonferenz, Alstom werde mit General Electric ein „Gemeinschaftsunternehmen bei den Dampfturbinen und der Atomsparte" eingehen. Dieser Bereich ist das Herzstück des französischen Industrieflaggschiffs, das neben Kraftwerken auch TGV-Züge herstellt.

Ohne es so direkt zu sagen, räumt Montebourg damit dem Angebot des amerikanischen Branchenleaders den Vorzug ein. Das Rennen um Alstom scheint damit entschieden. Der Verwaltungsrat von Alstom unter Konzernchef Patrick Kron war von Beginn weg für die Allianz mit GE eingetreten; Siemens war nur auf Betreiben Montebourgs in Aktion getreten.

Konkret wird GE nun 12,35 Mrd. Euro für diverse Alstom-Sparten zahlen. Im Bereich der Dampfturbinen, Energienetze und erneuerbaren Energien werden drei Gemeinschaftsunternehmen gebildet. GE verlangt bei diesen Kooperationen die operative Leitung, teilt sich aber mit Alstom ins Kapital. Als Bonbon tritt GE den Franzosen außerdem seine rentable Signaltechnik im Bereich des Bahnverkehrs ab. Ein politisches Zugeständnis machte GE-Vorsteher Jeffrey Immelt mit dem Versprechen, die Geschäftssitze von vier Alstom-Sparten in Frankreich zu belassen und insgesamt 1000 neue Arbeitsplätze zu schaffen.

Der französische Staat steigt mit 20 Prozent ins Alstom-Kapital ein. Diesen Anteil übernimmt er vom französischen Bau- und Medienkonzern Bouygues, der 29 Prozent der Anteile hält. Die Regierung erhält damit ein Mitspracherecht.

Siemens und Mitsubishi hatten am Freitagmorgen einen letzten Versuch unternommen, GE zu überbieten. Sie boten zusammen 14,6 Mrd. Euro. Bei den Dampfturbinen und anderen Bereichen (Energienetze, Wasserkraft) schlugen die Japaner eine Beteiligung von 40 Prozent vor. Im Transportbereich wollte Siemens ebenfalls seine Signaltechnik einbringen, bei den TGV- und ICE-Zügen ein Gemeinschaftsunternehmen eingehen.

Es half alles nichts mehr. Dem größten deutschen Konzern wurde auch zum Verhängnis, dass er den japanischen Mischkonzern Mitsubishi Heavy Industries beigezogen hatte. Montebourg und Staatspräsident François Hollande konnten damit nichts anfangen. Sie hatten sich auf die Seite von Siemens geschlagen, weil dies die Bildung von zwei großen europäischen Konzernen im Bereich Energie und Transport versprach. Mitsubishi hat aber nichts von einem "europäischen" Szenario. Siemens-Chef Joe Kaeser setzte insofern auf das falsche Pferd. Das dürfte auch eine indirekte Folge der internen Restrukturierung des Münchner Unternehmens sein: Sie zog nicht nur Entscheidungskräfte ab, sondern verunmöglichte auch gewisse Investitionen und Risikonahmen in Frankreich.

Dazu kommt sicher auch eine persönliche Komponente. Kron hatte Siemens die Liebe schon 2004 aufgekündigt, als der französischen Konzern ein erstes Mal Hilfe von außen brauchte; damals stieg letztlich auch der französische Staat vorübergehend ein. Noch am Donnerstag höhnte der Alstom-Chef: "Ich verstehe, warum sich Siemens seiner Transportaktivitäten entledigen will. Wenn ich sie wäre, würde ich das Gleiche versuchen. Sie wollen unsere Gasaktivitäten. Aber sie dürfen träumen."

Siemens muss sich allerdings von Montebourg nicht über den Tisch gezogen fühlen. Die Regierung in Paris hatte die deutschen Partner nicht nur beigezogen, um das GE-Angebot zu erhöhen. Sie wollte wirklich verhindern, dass ein amerikanischer Branchenriese ein Flaggschiff der nationalen Industrie übernimmt. Montebourg betrieb erst zum Schluss ein Doppelspiel, um GE zu Konzessionen zu zwingen. Siemens verstand es nie, sich in Paris als echte Alternative zu präsentieren; mit dem Beizug von Mitsubishi vergaben die Münchner wohl die letzte Chance, Montebourg und Hollande einen Ausweg aus dem Deal mit GE aufzuzeigen.

Unglaubwürdig wirkt hingegen Montebourgs Begründung von gestern abend, eine Kooperation mit Siemens sei an den Wettbewerbsregeln gescheitert. Solche Fragen lassen sich regeln. Auch General Electric muss mit Alstom erst noch bei den Wettbewerbshütern mehrerer Länder antraben. Und sich danach mit der "vaterländischen Aufsicht" herumschlagen, die Montebourg den Amerikanern freundlicherweise in Aussicht stellt. Immelt scheint damit leben zu können. Unsicherer ist, ob Kaeser überhaupt Lust hatte, darauf einzugehen.

Der Verwaltungsrat von Alstom wollte an sich am nächsten Montag einen definitiven Entscheid fällen. Dieser könnte nun aber vorgezogen werden. (Stefan Brändle, DER STANDARD, 21.6.2014)

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