Tourismus: Nicht überall ist Krise unterm Schirm

21. Juni 2014, 10:00
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In Spanien war Tourismus auch in schwierigster Zeit eine wichtige Stütze, Griechenland holt nun stark auf. Die Türkei und Ägypten werfen Fragen auf

Noch haben sich die Urlaubermassen nicht in Bewegung gesetzt, schon stehen Gewinner und Verlierer fest: Griechenland gehört zu Ersteren, zusammen mit Spanien und mit Abstrichen Portugal. Wenn man den bisher getätigten Buchungszahlen trauen darf, hat Ägypten eine weitere schwierige Tourismussaison vor sich.

Die neuesten Statistiken aus Kairo sind alarmierend. In den ersten neun Monaten des Finanzjahres (Juli 2013 - März 2014) sind die Tourismuseinnahmen um 57,3 Prozent gefallen. Im Rekordjahr 2010 sorgte die Branche noch für Einkünfte in Höhe von umgerechnet 10,8 Mrd. Euro. Im Vorjahr waren es nicht mehr als 4,3 Milliarden. Die Gäste blieben kürzer und gaben weniger Geld aus.

Dabei zählt der Tourismus zu den Schlüsselindustrien Ägyptens mit einem Anteil von 11,3 Prozent am Bruttoinlandprodukt. Etwa jeder siebte Arbeitsplatz und fast 100 Wirtschaftszweige sind in dem Land direkt oder indirekt vom Fremdenverkehr abhängig.

Psychologie

Der psychologische Faktor ist fast noch wichtiger. Viele Touristen sind für die Ägypter das Symbol für eine florierende Wirtschaft. Dieser Zweig hat den Vorteil, dass viele Menschen direkt profitieren, etwa von Trinkgeldern, Taxifahrten oder Bootsausflügen. Auch in der Vergangenheit gab es Einbrüche, aber noch nie dauerte die Krise so lange. Vor allem in Städten, die vom Kulturtourismus leben, wie Luxor und Assuan, ist die Lage dramatisch.

Ägyptens Tourismusminister versucht, die Reisewarnungen für den Süd-Sinai, das heißt etwa für den Badeort Sharm el-Sheikh, wegzubekommen. Dazu braucht es vor allem politische Stabilität. Hisham Zaazou hofft, dass jetzt nach den Präsidentschaftswahlen die Chancen besser stehen. Der Badetourismus, der für 85 Prozent der Einnahmen verantwortlich ist, reagiert relativ schnell. Kurzfristig setzt Zaazou vor allem auf arabische Gäste aus den Golfländern, die gerne den Sommer in Ägypten verbringen, und die Ägypter selbst, die mit günstigen Flügen angelockt werden, im eigenen Land Urlaub zu machen.

In der Türkei lassen sich Zweifel an der Politik und an der Robustheit der Wirtschaft am Wechselkurs ablesen: Feuert Regierungschef Tayyip Erdogan wieder eine Salve auf die Zentralbank oder gegen die Kommissare in Brüssel, steigt der Euro in Richtung Drei-Lira-Marke. Gut für die Touristen, schlecht für die türkischen Importeure.

Raki und Schlagstock

Die innenpolitische Krise, in der das Land seit den Gezi-Protesten im Sommer 2013 und den abgewürgten Korruptionsermittlungen gegen Regierungskreise von vergangenem Dezember steckt, bekommen vor allem Besucher Istanbuls mit. Demonstrationen von Regierungsgegnern gibt es aber auch immer wieder in den Urlauberstädten am Meer in Izmir und Antalya; ebenso regelmäßig werden sie mit Gewalt aufgelöst.

Massive Polizeipräsenz ist Routine geworden. Wenn es schlecht läuft, rücken die Wasserwerfer aus und der Gouverneur der Millionenmetropole lässt den öffentlichen Transport schließen. Doch das Hotelpersonal weiß in aller Regel, wie es seine Kunden sicher zum Flughafen bringen kann; Cafés und Restaurants lassen mitten im Betrieb schnell die Rollläden herunter, wenn auf der Straße Steine und Gaskartuschen durch die Luft fliegen.

Neu für Türkei-Urlauber sind die Einschränkungen beim Alkoholverkauf in Geschäften; seit Mitte Juni dürfen Bier, Wein oder Raki-Flaschen nicht mehr im Schaufenster stehen. Der Verkauf ist von zehn Uhr abends bis sechs Uhr morgens verboten. Touristen werden weiter Alkohol finden können, versichert Osman Ayik, Präsident des türkischen Hotelierverbands Türofed. Er räumt aber ein, dass manche Stadtverwaltungen mit der Verweigerung von Alkohollizenzen an Restaurants und Geschäften über das Gesetz hinausgehen.

Anders das Bild auf der iberischen Halbinsel. Während die Spanier in der Krise selbst kaum noch urlaubten, wurde deren Ausbleiben durch steigende Gästezahlen von auswärts kompensiert, auch aus Schwellenländern wie Russland, China und Indien. Sie tragen maßgeblich dazu bei, dass der Tourismus die stabilste Stütze der spanischen Volkswirtschaft bleibt mit etwa elf Prozent des BIP.

Deutsche, Briten und Skandinavier buchten auch wegen der Umbrüche in Nordafrika die Balearen-Inseln Mallorca und Ibiza, das Kanaren-Archipel oder die Bettenburgen um Benidorm (Alicante) und an Andalusiens Costa del Sol.

Steigende Nächtigungszahlen werden auch aus dem Hinterland gemeldet, wo sogenannte "Casa Rural" (Landhäuser) fern der Sonnenschirmwälder an den Stränden Erholungssuchende locken.

Mehr Gäste, sinkende Löhne

Spanien hat bis April um neun Prozent mehr ausländische Besucher gezählt. Regierungsprognosen gehen heuer von 63 Mio. Urlaubern aus, nach 60,6 Millionen im Vorjahr. 2020 sollen es schon 72 Millionen sein. Es wird auch wieder mehr ausgegeben. Die Schattenseite: sinkende Löhne in Gastronomie und Hotellerie sowie befristete Verträge (für etwa ein Drittel der Beschäftigten) und zunehmende Teilzeitarbeit.

In Portugal nimmt wie in Spanien der Binnentourismus deutlich Schwung auf. "Wir werden heuer weit über dem EU- und Weltdurchschnitt wachsen", prophezeit Portugals Tourismus-Staatssekretär Adolfo Mesquita Nunes. Atlantikinseln wie Madeira buhlen um Aktivurlauber. Lissabon oder Porto sind beinahe Selbstläufer. (afr, jam, mab, stro, DER STANDARD, 21.6.2014)

  • Tourismus, in vielen von Finanzkrisen betroffenen Regionen die letzte volkswirtschaftliche Stütze.
    foto: ap/felix kaestle

    Tourismus, in vielen von Finanzkrisen betroffenen Regionen die letzte volkswirtschaftliche Stütze.

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