Am anderen Ende der ballesterischen Skala

20. Juni 2014, 17:19
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Griechenland hat gegen Japan torlos remisiert, ist aber immer noch im Spiel. Im Finale der Gruppe C könnte der Albtraum aller Fußballfreunde wahr werden

Natal - Griechenland - das mag viele jetzt nicht nur überraschen, sondern auch auf dem falschen Fuß erwischen - tut dem internationalen Fußball ganz gut. Wie sonst ließe sich auf offener Bühne so schonungs- und rücksichtslos beobachten, welch ungeheure Spannweite jenes theatralische Spiel hat, das wir uns angewöhnt haben, Fußball zu nennen; was also alles Platz hat in diesem Genre?

Denn ja: Auch Griechenland spielt - Österreich darin leider nicht ganz unähnlich - Fußball. Aber während dieses nunmehr schweizergemachte Österreich die Europameisterschaft in den frühen 1930er-Jahren unter ganz anderen Um-, Zu- und Anständen gewonnen hat, sind die Griechen unter dem heroischen Ottonen Rehakles 2004 in Portugal auch im heutigen Sinne Europameister geworden. (Was die Uefa, die dieser Tage ihren Sechziger gefeiert hat im Schatten der Fifa, bis heute hoffentlich verlegen macht.)

Erschreckende Erinnerungen

Nach dem fronleichnamsfreitägigen 0:0 gegen Japan stehen allerdings die Chancen ganz gut, diese ballesterische Zumutung namens Griechenland nur noch am Dienstag gegen die armen Ivorer abwinken zu sehen. Niemand wird sie danach vermisst haben, die es sich angelegen haben sein lassen, nicht bloß das eigene Land zu beschämen, sondern auch Portugal, wo erstens das Unglück des griechischen Titels über Europa gekommen ist und zweitens auch der aktuelle Trainer, Fernando Santos, herkommt.

Der hat sich, sozusagen, schon so weit verkrochen in seiner griechischen Aufgabe, dass er nach der Unsäglichkeit am zweiten Spieltag der Gruppe C erklärte: "Wir müssen im letzten Spiel gar nicht viele Tore schießen. Eines reicht, wenn Kolumbien und Japan unentschieden spielen."

Aber es ist so: Griechenland bestritt in Natal sein achtes WM-Spiel bei seiner dritten Teilnahme. Sieben dieser Kicks sind griechischerseits torlos zu Ende gegangen, das 2:1 gegen Nigeria in Südafrika darf man deshalb ruhig unter "Ausreißer" verbuchen.

Andererseits sind es genau solche Ausreißer, die der ballesterischen Community solche Angst machen. Denn wie war das am 16. Juni 2012 in Warschau? Jeder bereitete sich vor auf den Bloomsday, Griechenland aber schlug Russland 1:0 durch Giorgos Karagounis' Tor. Und schon war da zum Schrecken aller das Viertelfinale.

Verzichten muss Griechenland in seinem Gruppenendspiel in Fortaleza wenigstens auf Kapitän Konstantinos Katsouranis. Die frühe Gelb-Rote gegen den Europameister von 2004 (sic!) dezimiert die griechische Erfahrung.

Vielleicht gar gewonnen

Dortmunds Verteidiger Socratis Papastathopoulos ist verärgert: "Das waren zwei Fouls, und er zeigt bei beiden die Karte. Da kann man auch mal sagen: 'Letzte Warnung'." Eh, aber andererseits, so Fernando Santos: "Ohne den Platzverweis hätten wir vielleicht gewonnen." Das war dann wohl auch für den salvadorianischen Schiedsrichter Joel Aguilar ein schlagendes Argument.

Japan ist nach dem 1:2-Auftakt gegen Côte d'Ivoire in einer nicht minder unkomfortablen Lage. Coach Alberto Zaccheroni haderte auch: "Mit dem Ergebnis heute bin ich nicht zufrieden. Wir wollten unbedingt gewinnen, wollten aggressiv spielen."

Am Dienstag geht es gegen Kolumbien. Und das wird für Japan so unlustig werden wie die Abschlusspartie der Griechen gegen die Ivorer. Das schönste Szenario: Sowohl Japan als auch Griechenland gewinnen, es geht um die Tordifferenz. Griechenland im Wettschießen: Viel schöner kann so ein ballesterischer Albtraum nicht enden.

Die Ivorer mit ihrem zweimalig als Joker gebrachten Rekordtorschützen Didier Drogba werden allerdings eh dagegen sein. Coach Sabri Lamouchi: "Wir müssen gewinnen, es gibt keine Alternative. So einfach ist das." Aber so schwer halt auch. (sid, wei, 21./22.06.2014)

  • Schwierig.
    foto: ap/augstein

    Schwierig.

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