Sonnenbaden macht "high"

20. Juni 2014, 17:15
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Forscher finden einen Grund für das Urlaubsverhalten vieler Menschen: UV-Licht wirkt wie eine Droge und führt zu Abhängigkeitserscheinungen

Cambridge/Wien - Für viele von uns ist es ganz normal. Aber mit dem etwas distanzierten Blick eines Ethnografen kann man sich schon auch darüber wundern, dass viele Menschen den Urlaub am liebsten damit verbringen, ihre Körper an Stränden tage- oder gar wochenlang der Sonne auszusetzen. Noch verwunderlicher wird diese Praxis, da die Zusammenhänge von UV-Strahlung und Hautkrebs recht gut bekannt sind.

Sind es die Aussichten auf Entspannung, Badespaß und einen bronzenen Teint, die uns an die Strände treiben? Oder steckt womöglich etwas anderes dahinter, dass wir uns wider besseres Wissen dem Risiko der UV-Strahlung aussetzen? Diese Frage stellte sich auch David Fisher, ein Dermatologe an der Harvard Medical School - und hatte eine Vermutung.

Das Team um Fisher setzte Mäuse, denen zuvor der Rücken rasiert worden war, sechs Wochen lang einer täglichen UV-Dosis aus, die etwa jener eines 20- bis 30-minütigen Sonnenbads an einem Strand in Florida entsprach. Bereits nach einer Woche fand sich im Blut der Nager mehr beta-Endorphin (Endorphin leitet sich von "endogenes Morphin" ab) - ein körpereigenes Opioid, das für Glücksempfinden und reduzierte Schmerzwahrnehmung sorgt.

Wie Fisher und Kollegen im Fachblatt "Cell" berichten, waren die UV-Strahlung ausgesetzten Nager tatsächlich schmerzresistenter. Wurde ihnen Naloxon gegeben, ein Wirkstoff, der die Wirkung von beta-Endorphin an den Opioid-Rezeptoren blockiert, zeigten die Tiere typische Entzugserscheinungen wie Zittern und Zähneklappern. Zudem mieden die UV-bestrahlten Nager den Ort, an dem ihnen Naloxon verabreicht worden war.

Die Forscher gingen bei ihren Experimenten aber auf Nummer sicher und testeten schließlich auch noch Mäuse, die genetisch so verändert worden waren, dass sie überhaupt kein beta-Endorphin herstellen konnten. Auf diese Tiere hatte die UV-Behandlung tatsächlich keine Wirkung: Sie waren weder schmerzunempfindlicher, noch zeigten sie nach Naloxon Entzugserscheinungen.

Die Forscher vermuten, dass die neu entdeckte Wirkung der UV-Strahlung in evolutionärem Zusammenhang damit steht, dass Sonnenlicht die Bildung des lebenswichtigen Vitamins D anregt. Wie immer kommt es hier aber auf die Dosis an, sagt Fisher und warnt vor zu viel UV-Strahlung, zumal in Sonnenstudios: "Ich denke, dass sie abhängig machen können und das Risiko für Krebs erhöhen - es ist im Grunde die gleiche Geschichte wie mit Nikotin."


  • Ein Sonnenanbeter auf bestem Weg zur Überdosis. US-Forscher fanden heraus, dass UV-Strahlung bei Mäusen beta-Endorphin freisetzt, das suchtähnliche Wirkungen hat.
    foto: reuters/cardona

    Ein Sonnenanbeter auf bestem Weg zur Überdosis. US-Forscher fanden heraus, dass UV-Strahlung bei Mäusen beta-Endorphin freisetzt, das suchtähnliche Wirkungen hat.

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