Kapsch: "Die Regierung traut sich oftmals nicht"

Interview21. Juni 2014, 10:00
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Die Vermögenssteuer spalte die Gesellschaft, warnt der Chef der Industriellenvereinigung

STANDARD: Glaubt man der Liste des Trend, dann ist Ihre Familie an 27. Stelle der reichsten Österreicher. Was tun Sie, wenn eine Millionärssteuer kommt? Die Koffer packen?

Kapsch: Viele werden die Koffer packen. Weg sind vor allem jene, die diese Steuer erwischen soll: Wer spekulatives Vermögen wie etwa Aktien hat, tut sich extrem leicht, zu gehen. Treffen wird die Steuer hingegen jene, die Arbeitsplätze schaffen, indem sie ihr Vermögen in Unternehmen anlegen.

STANDARD: Das Gros der Privatvermögen steckt aber in Immobilien.

Kapsch: In meinem Fall stecken 98 Prozent des Familienvermögens im Unternehmen. Allerdings sind wir dabei weit weg von jener Milliarde Euro, die uns der Trend unterstellt, ohne das jemals gegengecheckt zu haben – ich wehre mich seit ewig gegen diese Zahl.

STANDARD: Wirft so ein Unternehmen nicht genug Ertrag ab, so dass die Eigentümer eine Vermögenssteuer für ihre Anteile problemlos zahlen könnten?

Kapsch: Die Steuer würde die Erträge jedenfalls so stark schmälern, dass sich Eigentümer überlegen werden, ob sich ihr Risiko noch auszahlt – und Unternehmen würden gezwungen, Gewinne übermäßig auszuschütten. Bei Kapsch haben wir seit 14 Jahren keinen Cent Dividende an die Eigentümer ausgeschüttet, sondern alles reinvestiert und den Mitarbeitern immer eine Gewinnbeteiligung gezahlt. Müssten wir eine Vermögenssteuer abführen,  wäre das anders. Umso mehr schmerzt es mich, wenn nun aufgewiegelt wird: Die Reichen sollen zahlen! Das trifft die Falschen.

STANDARD: Wer sind die Richtigen?

Kapsch: Entscheidend ist die Frage, wie jemand zu seinem Vermögen gekommen ist. Für eine sinnvolle europaweite Finanztransaktionssteuer, die Spekulation eindämmt, bin ich sofort zu haben. Da kommen auch ganz andere Volumina zusammen als bei einer Vermögenssteuer, die nie die angeblichen 1,5 Milliarden Euro bringen wird, dafür aber die Spaltung der Gesellschaft riskiert.

STANDARD: Besteht die Gefahr der Spaltung nicht eher, wenn trotz aller Sparpakete und Steuererhöhungen im Zuge der Krise Vermögen tabu sind, obwohl die reichsten fünf Prozent der Haushalte über die Hälfte davon besitzen?

Kapsch: Abgesehen davon, dass ich diese Zahlen...

STANDARD: ...die von der Europäischen Zentralbank stammen...

Kapsch: ...für zweifelhaft halte, zahlen Spitzenverdiener bereits einen Solidarbeitrag und einen großen Teil der Lohn- und Einkommenssteuer – und der Sozialstaat verteilt bei uns so stark um wie in kaum einem anderen Land.

STANDARD: Doch die Vermögen tragen zur Finanzierung des Sozialstaates eben kaum bei.

Kapsch: Vermögen ist ja kumuliertes Einkommen. Aber die Industriellenvereinigung erklärt nicht jedes Vermögen für tabu und stellt sich auch nicht vor die „Reichen“. Wir stellen uns nur gegen alles, was Jobs und Wachstum kostet. Arbeitsplätze sind ein Heiligtum.

STANDARD: OECD und Internationaler Währungsfonds halten aber gerade vermögensbezogene Steuern für wachstumsschonend und empfehlen eine Erhöhung, um im Gegenzug Arbeit zu entlasten.

Kapsch: Reden kann man – das ist für uns die Ausnahme  – über eine Anpassung der Grundsteuer, aber erst nach einer Restrukturierung des Staates. Für uns heißt Gegenfinanzierung Staatssanierung. Da gilt das Gleiche wie für Unternehmen: Solange die Mittel nicht knapp sind, ändern sich die Dinge nicht.  Stecken Sie Geld in ein desolates System, versickert es.

STANDARD: Das ist ein sehr einseitiger Befund. Die Schulden sind seit 2007 nicht deshalb explodiert, weil der Staat  so desolat ist, sondern weil Krise und Bankenrettung Unsummen verschlungen haben.

Kapsch: Schon vor der Krise war der Schuldenstand viel zu hoch. Nicht die Hypo Alpe Adria ist unser Kernproblem, es sind die zu hohen laufenden Ausgaben.

STANDARD: Strukturreformen haben einen Haken: Sie dauern selbst dann, wenn es eine politische Einigung gibt, sehr lange. Geht sich da eine Steuersenkung in absehbarer Zeit aus?

Kapsch: Wir sind überzeugt, dass sich die Steuer- und Abgabenquote in fünf Jahren von derzeit 45 auf unter 40 Prozent des Bruttoinlandsproduktes senken ließe.

STANDARD: Dafür müssten sie etwa 15 Milliarden einsparen: Das führt zum Kahlschlag im Sozialstaat.

Kapsch: Das bestreite ich. Ich bin  nicht gegen den Sozialstaat, sondern für einen Für- und Vorsorgestaat – bei uns aber ist die Schwelle zum Versorgungsstaat weit überschritten. Denken Sie an die Privilegien im Pensionsystem: Ich wundere mich, dass dieses trotz Nachbesserungen viel zu milde Gesetz zur Kürzung der Sonderpensionen nur den Experten Bernd Marin und mich aufregt. Und das faktische Pensionsantrittsalter ist ohnehin zu niedrig.

STANDARD: Das ist unbestritten, lässt sich aber nicht einfach per Dekret ändern: Schon die geringen Beschränkungen bisher führten zu mehr älteren Arbeitslosen.

Kapsch: Dann muss man etwas tun, um die Beschäftigung Älterer attraktiver zu machen: Flachen wir die Einkommenskurven so ab, dass Junge mehr und Ältere weniger als heute verdienen!

STANDARD: Geht es um die eigene Klientel, bekämpft auch die Industriellenvereinigung Reformen: Im aktuellen Fall ein Bonus-Malus-System, das Betriebe zu fairerem Umgang mit Älteren bewegen soll.

Kapsch: Ich bin prinzipiell gegen ein solches System, weil ich Mitarbeiter allein an der Leistung messen will. Klüger wäre, die Lebensarbeitszeit anders zu verteilen, je nach Bedürfnis. Ältere könnten dann allmählich in Pension gleiten.

STANDARD: Welche Reformen fordern Sie sonst noch?

Kapsch: Eine weitere Gesundheitsreform, damit die Ausgaben nicht stärker als das BIP wachsen, und eine große Verwaltungs- und Föderalismusreform: Der jetzige Mittelweg, dass der Bund das Geld eintreibt und die Länder es ausgeben, kann es nicht sein.

STANDARD: Warum tut sich die Regierung mit all dem so schwer?

Kapsch: Die Regierung traut sich oftmals einfach nicht. Weil es kaum Durchlässigkeit zwischen Wirtschaft und Politik gibt, sind fast nur Berufspolitiker am Werk. Diese sind dem System oft auf Gedeih und Verderb ausgeliefert – und wollen es deshalb nicht ändern. (Gerald John, DER STANDARD, 21.06.2014)

Georg Kapsch (55) ist seit zwei Jahren Chef der Industriellenvereinigung (IV). Als Unternehmer steht der Wiener an der Spitze der Kapsch AG, die weltweit über 5200 Mitarbeiter (Geschäftsbericht 2012/13) beschäftigt.

  • Er sei entgegen anderslautenden Gerüchten kein Milliardär, sagt Industrieboss Georg Kapsch. Für eine Millionärssteuer hat er so oder so kein Verständnis: "Treffen wird die Steuer jene, die Arbeitsplätze schaffen."
    foto: urban

    Er sei entgegen anderslautenden Gerüchten kein Milliardär, sagt Industrieboss Georg Kapsch. Für eine Millionärssteuer hat er so oder so kein Verständnis: "Treffen wird die Steuer jene, die Arbeitsplätze schaffen."

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