Die goldene Generation, eine hungrige Schar

20. Juni 2014, 16:58
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Belgien muss nach dem mühsamen Sieg gegen Algerien am Sonntag in Gruppe H gegen Russland dem Ruf gerecht werden, ein Geheimfavorit zu sein

Am Sonntag ist das Maracanã zum dritten Mal dran. Bewegendes, Sentimentales, Trauriges, nahezu Bahnbrechendes wie am 18. Juni, als Chile Titelverteidiger Spanien mit 2:0 aus der WM gekickt hat, kann und wird das Spiel zwischen Belgien und Russland nicht bieten. Immerhin schaut Österreichs Teamchef Marcel Koller vorbei. Sein Hauptinteresse gilt den Russen, sie sind einer der Gegner in der EM-Qualifikation. Das bescheidene 1:1 zum Auftakt gegen Südkorea dürfte Koller überhaupt nicht deprimiert haben.

Global betrachtet sind die Belgier die spannendere Mannschaft. Sie sind quasi das Chile Europas, gelten zwar nicht als Top-, aber doch als Mitfavorit. Sie tragen den Spitznamen "Rote Teufel", wobei sie gegen Algerien maximal Teufelchen war. Nach einem 0:1 wurde die Partie in ein 2:1 gedreht. Die Treffer erzielten die eingewechselten Marouane Fellaini und Dries Mertens. Das belegte immerhin die Stärke und Ausgeglichenheit des Kaders.

Sieg der Bank

Teamchef Marc Wilmots hatte in der Pause einen Zettel an die Kabinenwand gehängt, auf dem geschrieben stand: "Die Bank gewinnt das Spiel." Zudem hielt Daniel van Buyten eine kurze Ansprache. "Ich bin ja so etwas wie der große Bruder für unsere jungen Spieler. Einige waren richtig am Boden. Ich musste sie von ihrem Können überzeugen." Den Worten des 36-Jährigen vom FC Bayern folgten Taten - sie konnten, die Bank gewann.

Belgien stellt das drittjüngste Aufgebot in Brasilien, das Durchschnittsalter beträgt 25 Jahre und elf Monate. Der Marktwert beläuft sich auf rund 350 Millionen Euro, England (334), Italien (323) und die Niederlande (208) sind günstiger zu haben. Für Eden Hazard blechte Chelsea 40 Millionen, Axel Witsel, Romelu Lukaku, Vincent Kompany, der Abwehrchef von Manchester City, Kevin de Bruyne und Fellaini bewegen sich in ähnlichen Sphären.

Die belgische Torhüterlegende Jean-Marie Pfaff (wehrte 1980 im EM-Finale und 1986 im WM-Halbfinale ab) spricht von einer goldenen Generation. "Die Mannschaft ist ein einziger Luxus, sie hat auf jeder Position vier gute Spieler. Sie schlagen bei Vereinen in Spanien, England und Italien ein. Es läuft super in Belgien, wir müssen ins Halbfinale. Die anderen haben Angst." Die objektive Konkurrenz teilt Pfaffs Ansichten. Der französische Teamchef Didier Deschamps sagt: "Belgien ist kein kleines Fußballland mehr. Im Moment sind die stärker als wir."

Wilmots ist seit 2012 der Oberteufel, sein Vertrag wurde bis 2018 verlängert. Als Spieler von Schalke wurde er wegen seines unbändigen Einsatzes in "Kampfschwein" umgetauft. Der 45-Jährige trägt diesen Namen mit Stolz und Würde. Pflichtgemäß dämpft er die hohen, ausufernden, fast schweinischen Erwartungen. "Wir haben noch nichts erreicht. Wir haben viel Talent, aber wenig Erfahrung. Noch ist es eine hungrige Generation."

Belgisches Anliegen

Die Macht des Fußballs soll weder über- noch unterschätzt werden. Aber Wilmots ist nebenbei Politiker bei der liberalen Partei "Reformbewegung" . Er sieht in seiner Aufgabe auch die gesellschaftspolitische Komponente. Einen leichten Hang zum Pathos kann er nicht leugnen, möglicherweise ist das eine Folge aus den Jahren 2003 bis 2005, da saß er im Senat. "Jedes Länderspiel ist ausverkauft, das ist magisch. Flamen wie Wallonen sind im Stadion vereint. Ich verteidige unsere belgische Flagge. Wir tragen die Farben eines Landes mit drei Amtssprachen, das kulturell interessant ist. All die Spieler, die im Ausland leben, kommen hier nicht des Geldes wegen zusammen, sondern weil sie Werte haben: Solidarität, Ehrlichkeit und Respekt."

Respekt fordert er in jedem Training. Als vor der Partie gegen Russland ein Schlendrian einzureißen drohte, herrschte Wilmots seine Spieler an: "Ihr rennt hier herum und schießt wie die Idioten." Erzürnt hatten ihn zu lockere Aufwärmübungen: "Was soll das? Nachher heult ihr, dass ihr verletzt seid. Dann ist es zu spät."

Fellaini stand dann quasi unter Strom. "Wir sind holprig gestartet, aber uns Hunger ist größer geworden. Wir sind eine Mannschaft wirklicher Krieger." Marcel Koller wird sich im Maracanã auch für die Belgier interessieren. Sie könnten ihn leicht deprimieren. (Christian Hackl aus Rio de Janeiro, DER STANDARD, 21.6.2014)

Gruppe H (2. Runde):

Belgien - Russland (18.00 Uhr MESZ, Rio de Janeiro, Maracana, SR Brych/GER)

Belgien: 1 Courtois - 2 Alderweireld, 15 Van Buyten, 4 Kompany/3 Vermaelen, 5 Vertonghen - 6 Witsel, 8 Fellaini - 14 Mertens, 7 De Bruyne, 10 Hazard - 17 Origi

Ersatz: 12 Mignolet, 13 Bossut - 18 Lombaerts, 21 Vanden Borre, 23 Ciman - 16 Defour, 19 Dembele, 22 Chadli - 9 Lukaku, 11 Mirallas, 20 Januzaj

Fraglich: Kompany (Leistenprobleme)

Teamchef: Marc Wilmots

Russland: 1 Akinfejew - 22 Jeschtschenko, 14 Beresuzki, 4 Ignaschewitsch, 23 Kombarow - 8 Gluschakow, 20 Faisulin - 19 Samedow, 10 Dsagojew, 18 Schirkow - 11 Kerschakow

Ersatz: 12 Lodygin, 16 Raschikow - 2 Koslow, 3 Schtschennikow, 5 Semenow, 13 Granat - 7 Denisow, 15 Mogilewez, 17 Schatow - 6 Kanunikow, 9 Kokorin, 21 Jonow

Teamchef: Fabio Capello (ITA)

  • Marc Wilmots klatscht mit Marouane Fellaini ab. Manchmal watscht er seine Schützlinge auch ab - verbal natürlich.
    foto: apa/ap/gfrits

    Marc Wilmots klatscht mit Marouane Fellaini ab. Manchmal watscht er seine Schützlinge auch ab - verbal natürlich.

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