Wider die geduldete Heroisierung von Kriegsverbrechern 

21. Juni 2014, 17:00
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Die Bewältigung der jüngsten Vergangenheit gestaltet sich in Kroatien schwierig. Die kroatischstämmige Theaterwissenschaftlerin Jana Dolečki will darauf aufmerksam machen 

Wie ein Held wurde der vom Haager Kriegsverbrechertribunal verurteilte und inzwischen aus der Haft entlassene Dario Kordić am Zagreber Flughafen empfangen. Unter den Jubelnden befand sich auch Miroslav Piplica, ein Amtsträger mit mehreren Funktionen, dessen Meinung ein offizielles Gewicht nicht abzusprechen ist: Piplica ist Vorsitzender der HDZ (Kroatische Demokratische Union) in Österreich, Vertreter der österreichischen Kroaten im Rat der Regierung Kroatiens sowie Vorsitzender der Österreichisch-kroatischen Gesellschaft für Kultur und Sport.

Nicht unwidersprochen hinnehmen

Die in Wien lebende kroatische Theaterwissenschaftlerin Jana Dolečki will es nicht unwidersprochen hinnehmen, dass ein offizieller kroatischer Vertreter aktiv an der Verharmlosung und Legitimierung von Kriegsverbrechen beteiligt ist. Die aus Zagreb stammende Dolečki leitet seit einem Jahr die Proben des  Chors „Hor 29. Novembar“, das als offenes Kollektiv zu aktuellen Anlässen Stellung bezieht, indem es Lieder mit politischen Inhalten singt.

Dolečki hat gemeinsam mit den anderen Mitgliedern des Chors am 17. Juni eine Protestaktion vor der kroatischen Botschaft in Wien organisiert. In einem Gespräch mit daStandard erzählte sie über die Aktion: „Wir wollten ein Zeichen gegen diese staatlich geduldete Heroisierung von Kriegsverbrechern setzen. Es war klar, dass wir etwas dagegen tun müssen, denn es kann nicht unwidersprochen bleiben, wenn sich unter den Teilnehmern des Empfangskomitees für einen verurteilten Kriegsverbrecher ein Amtsträger wie Miroslav Piplica findet.“

Ursprünglich war geplant, die Protestaktion vor der Österreichisch-kroatischen Gesellschaft für Kultur und Sport durchzuführen. Allerdings stellte sich heraus, dass an der angegebenen Adresse keine Vereinsräumlichkeiten zu finden waren und auch die Telefonnummer nicht aktiv war. Also wurde kurzerhand umdisponiert.

Gedenken an die ermordeten Zivilisten

Dolečki erzählte, warum es schwierig war, eine Sichtbarkeit für die Protestaktion herzustellen, und wieso es dennoch Sinn macht, das eigene Unbehagen über die staatlich geduldete Heroisierung in die Öffentlichkeit zu tragen: „Da wir alle berufstätig sind, konnten wir unsere Aktion nicht zu Bürozeiten durchführen, sondern trafen uns erst am Abend. Im Botschaftsgebäude hielt sich also niemand mehr auf. Aber uns war es wichtig, ein Zeichen zu setzen und einen Standpunkt einzunehmen, auch aus Respekt gegenüber den 116 Opfern, die bei dem Massaker im bosnischen Dorf Ahmići ermordet wurden – für dieses Verbrechen war Dario Kordić  zu 25 Jahren Haft verurteilt worden . Das Massaker von Ahmići ist ein klarer Fall von ethnischer Säuberung, bei den Opfern handelt es sich um Zivilisten, mehrheitlich Kinder, Frauen und ältere Personen.“

Wenige kritische Stimmen

Auf die Frage nach der Vergangenheitsbewältigung in der kroatischen Gesellschaft antwortet  Dolečki: „Natürlich gibt es kritische Stimmen, die eine Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit einfordern. Aber diese Stimmen sind nur in einer verschwindend geringen Anzahl zu finden. Die offizielle Politik schweigt, wenn Kriegsverbrecher wie Ante Gotovina zu Helden hochstilisiert werden, und das ist gefährlich.“

Abschließend gibt Dolečki zu bedenken: "Der kroatische Staat muss den Tendenzen, Kriegsverbrechen zu verharmlosen, rechtzeitig Einhalt gebieten. Ansonsten sickern solche Meinungen allmählich in die Geschichtsbücher ein und werden allmählich zur offiziellen Erklärung für die historischen Ereignisse. Das wäre traurig, das würde ich mir für Kroatien nicht wünschen.“ (Mascha Dabić, 21.06.2014, daStandard.at)

  • Jana Dolečki und "Hor 29. Novembar"
    foto: milan m. stojanovic

    Jana Dolečki und "Hor 29. Novembar"

  • "Uns war es wichtig, ein Zeichen zu setzen und einen Standpunkt einzunehmen, auch aus Respekt gegenüber den 116 Opfern, die bei dem Massaker im bosnischen Dorf Ahmići ermordet wurden", sagt Dolečki.
    foto: milan m. stojanovic

    "Uns war es wichtig, ein Zeichen zu setzen und einen Standpunkt einzunehmen, auch aus Respekt gegenüber den 116 Opfern, die bei dem Massaker im bosnischen Dorf Ahmići ermordet wurden", sagt Dolečki.

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