Wie Staubzucker auf warmem Gebäck 

20. Juni 2014, 17:52
38 Postings

Die schottische Band Belle and Sebastian eröffnete die Open-Air-Saison in der Wiener Arena. Sie spielte dieses Lied, auf das sich alle einigen können, in vielfacher Form

Wien – Der mit seinem geleckten „L“ bekannt gewordene Schlagersänger Gus Backus hat einst noch davon gesungen, dass alle Schotten sparen würden. Geizige Hunde allesamt, aber nicht nur sie. Derartige Klischees sind heute überwunden, auch dank Stuart Murdoch und seiner Band Belle and Sebastian. Wenn der 45-Jährige außer Haus geht, um auf einer Bühne öffentlich zu musizieren, dann nimmt er ein gutes Dutzend Mitmusiker mit. Darunter sind durchaus Mietmusiker, aber er könnte es billiger geben, tut er aber nicht. Gut, vielleicht hat er einen Onkel namens Rupert, aber das geht uns nichts an.

Mit 13 Nasen auf ebenso vielen Köpfen standen am Donnerstagabend Belle and Sebastian auf der Open-Air-Bühne der Wiener Arena, um die Freiluftsaison auf diesem dafür schönsten urbanen Gelände des Landes zu eröffnen. Ja, der laue Frühsommerabend erschien wie bestellt.

Zum Kitsch passte, dass sogar der Himmel kurz weinte, als die Band zu spielen begonnen hatte. Und Regen, das weiß man seit Woodstock, hat im Verein mit Musik etwas Verbindendes.

Höflicher Diktator

Nicht, dass es das gebraucht hätte, denn Murdoch ist auch im Trockenen so etwas wie ein Herzensmagnet. Ein höflicher Diktator, den die Massen lieben. Zwar nimmt er durchaus Worte in den Mund, die erdacht worden sind, um andere Menschen fehlender Geistergröße zu überführen, aber was soll man tun, wenn man einem Idioten gegenübersteht? Ihm diesen Rang absprechen? Nicht doch.

Murdochs Gefolgschaft erkennt man unter anderem an Ringelpullovern und Ruderleiberln. Das bestätigt den Verdacht, dass es sich dabei um wenig gewaltbereite Außenseiter handelt, die Murdoch mit seiner Musik anspricht. Das tut er im Wesentlichen mit einem Lied. Einer Perle aus dem Fach des Folk-Pop, die in euphorischer Geschwindigkeit dargebracht wird. Dieses Lied variiert Murdoch seit Mitte der 1990er und auf mittlerweile acht Alben.

Es ist ein gutes Lied. Man kann dazu Tee trinken oder tanzen oder von der Liebe träumen. Das Lied trägt je nach Anforderung und Thema Titel wie I’m a Cuckoo, Sukie in the Graveyard oder If you’re Feeling Sinister. Die hat er alle gespielt, und noch viele andere mehr.

Leichtfüßig federnd

So leichtfüßig und federnd sein Lied ist, mittels Bläsersatz, Streichern oder auch einer aus dem Soul entliehenen Hammond-Orgel verleiht er ihm Gewicht, ohne bleiern zu wirken. Weshalb Murdoch sein Publikum immer wieder aufforderte, es ihm doch gleichzutun und zu tanzen, bitte. Wie kann man auch nicht, bei diesem Lied. Ja, wo er recht hat.

Man merkt bereits, dass in der Arena mit großer Wahrscheinlichkeit nur zu bereits Überzeugten gepredigt wurde. Es war schon vor dem Konzert alles gesagt, aber ausgesprochen werden musste es. So ist das Gesetz.

Stevie Jackson schrammte seine herrliche Kindergitarre, die Melodien schmolzen wie Staubzucker auf warmem Gebäck. Die Streicher betupften diese, die Bläser umarmten sie.

Immer noch frisch

Belle and Sebastian, das zeigte sich bei diesem zweiten Auftritt auf heimischem Boden, spielen perfekte Popmusik. Dazu braucht es nicht viel mehr als ein Lied in unterschiedlichem Lichte. Nicht, wenn dieses eine immer noch so frisch ist, immer noch so verführerisch klingt wie damals, als die Band auftauchte und es aus dem Erbe von Bands wie Orange Juice oder Felt destillierte.

Am Ende waren alle froh, dabei gewesen zu sein. Der einzige Wermutstropfen: Es wird immer schwieriger, Außenseiter zu sein. An die 3000 solche kamen allein an diesem Abend schon zusammen. Er wird also noch viele Lieder schreiben müssen, um alle zu bestätigen. Aber Stuart Murdoch schafft das schon. (Karl Fluch, DER STANDARD, 21./22.6.2014)

  • Stuart Murdoch ist der Chef von Belle and Sebastian
    foto: robert newald

    Stuart Murdoch ist der Chef von Belle and Sebastian

Share if you care.