Kritik an Erdogan-Auftritt in Wien: "Gefährliches Spiel"

20. Juni 2014, 17:20
450 Postings

Außenminister Sebastian Kurz bat den türkischen Premier zu einem klärenden Gespräch

Wien - Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) ist am Freitagvormittag mit dem türkischen Premier Recep Tayyip Erdogan zu einem nach eigenen Angaben "sehr klaren" und zugleich "sehr emotionalen Gespräch" zusammengetroffen. Kurz betonte nach der Unterredung vor Journalisten in Wien, es sei ihm ein Anliegen gewesen, Erdogan zu sagen, "was wir von solch einer Veranstaltung hier in Österreich halten".

Mit der Veranstaltung war die Rede des türkischen Premiers vor tausenden Anhängern am Donnerstagnachmittag in der Kagraner Albert-Schultz-Eishalle gemeint. Bereits am Vortag hatte Kurz diese als "Wahlkampfrede" kritisiert, die "für Unruhe in unserem Land gesorgt hat". Von "einigen Provokationen" sprach der Außenminister am Freitag, die Erdogan so jedoch nicht gesehen habe. Man habe festgestellt, dass man in einigen Punkten "ganz eindeutig nicht einer Meinung" sei.

martin thür
Recep Erdoğan: "Wir sind die Enkel Kara Mustafas." Der türkische Premierminister beim Auftritt in der Wiener Albert-Schultz-Halle.

"Er hat das Identitätsthema, das ohnehin ein sehr schwieriges ist, uns noch einmal schwieriger gemacht", fügte Kurz hinzu. Viele junge Türken in Österreich und Österreicher mit türkischen Wurzeln täten sich oftmals schwer mit der Identitätsfrage. "Und diese Art der Einmischung aus der Türkei ist schädlich für die Integration in Österreich", so der Außenminister. Erdogan hatte wie bereits zuvor in Köln Auslandstürken empfohlen, sich zu integrieren, aber nicht zu assimilieren.

Der türkische Premier hat sich laut Kurz während des Treffens "in einer eher rechtfertigenden Rolle" befunden. Man habe Erdogan auf viele Inhalte seiner Rede angesprochen. Zudem habe man versucht, ihm den "Fortschritt" der Integrationspolitik in Österreich zu erläutern und auch "wie schwierig" dieser Prozess sei. So würde das Thema Integration heute "sachlicher diskutiert", und es sei gelungen, "Emotionen aus dem Thema" herauszunehmen. "Daher war dieser Auftritt alles andere als hilfreich", so Kurz.

Historische Anspielung

Auch die Grünen und die FPÖ kritisierten Erdogans private Wahlveranstaltung für die anstehenden Präsidentenwahlen in der Türkei. Die Klubobfrau der Grünen, Eva Glawischnig, warf Erdogan "ein gefährliches Spiel mit Symbolen" vor. Wie berichtet, hatte er hier lebende Türkeistämmige als "die Enkel des Sultans Süleyman des Prächtigen", dessen Heer 1529 Wien vor den Toren Wiens stand, bezeichnet. Und weiter: "Wir sind heute nach Wien gekommen, um Herzen zu erobern. Keiner von uns hat Grund, Angst zu spüren oder nervös zu sein." Davon gibt es auch Videomitschnitte. Der historische Süleyman steht aber freilich auch für eine blutige, osmanische Expansionspolitik.

Auch FPÖ-Bundesparteiobmann Heinz-Christian Strache hakte historisch nach: "Damit hat sich der türkische Despot endgültig als radikaler Nationalist und neoosmanischer Imperialist entlarvt."

Polizeibilanz: 13.500 Anhänger bei der Rede Erdogans, 7850 Gegner bei Protestdemos, 14 Festnahmen bei Auseinandersetzungen nach Gegendemo. (APA/red, DER STANDARD, 21.6.2014)

  • Kurz und Erdogan beim Treffen am Freitag. Der Außenminister erläuterte dem türkischen Premier Integrationspolitik.
    foto: apa/tatic

    Kurz und Erdogan beim Treffen am Freitag. Der Außenminister erläuterte dem türkischen Premier Integrationspolitik.

Share if you care.