Das Prisma einer Zeit

20. Juni 2014, 20:39
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Die Schriftstellerin Renata Serelyte spiegelt in ihrem Roman "Blaubarts Kinder" in vielen individuell-biografischen Geschehnissen die Geschichte Litauens zwischen Sowjetzeit und Unabhängigkeit

Die späte Sowjetzeit und die ersten Jahre des neuen Litauen: In immer wieder neuen Variationen kreist die Prosa von Renata Serelyte um diesen Zeitraum. Sie hat das alles miterlebt, ist noch in der Sowjetzeit zur Schule und an die Universität gegangen, als Litauen 1991 seine Unabhängigkeit erklärte, war sie 21. Sie hat einen genauen Blick für die Mikrokosmen des Alltags, die sich rasend schnell verändert haben, und für Mentalitäten, die geblieben sind. Nie hat sie das präziser, detailreicher und schonungsloser dargestellt als in ihrem Roman Blaubarts Kinder. Und nirgendwo ist sie autobiografischer als in diesem Buch, das von vier Personen her geschrieben ist: einer in dem fiktiven russischen Dorf Tschornomaisk ertrinkenden Frau, ihrer Tochter und ihrem Sohn, die beide in Litauen aufwachsen, sowie deren russischem Halbbruder.

Vor vier Jahren habe ich diesen Roman übersetzt, und jetzt ist endlich die Gelegenheit gekommen, die Autorin an seine Schauplätze zu begleiten. An einem Sonntag machen wir uns zusammen mit Renatas Mann, dem Theatermann Petras Mendeika, in das etwa 180 Kilometer von Vilnius entfernte Dorf Simonys. Vor der Ortseinfahrt steht noch immer die Bank bei der Bushaltestelle, wo das Mädchen im Roman ihrem stockbetrunkenen ehemaligen Mitschüler begegnet.

Schon hier wird mir klar: An diesem so genau strukturierten Roman ist noch weniger erfunden, als ich dachte. Mir ist, als führen wir mitten hinein in die Romanszenerie. Allerdings: Das Dorf hat sich seit damals gravierend verändert: "Europa kommt auch ins Dorf", sagt Petras und weist auf die gut instandgesetzten Straßen und Gehsteige und die renovierten Häuser hin. Dennoch hat sich die Einwohnerzahl seit den Zeiten, als Renata hier zur Schule ging, von 800 auf 300 reduziert; die Mittelschule, die sie hier besuchte, ist inzwischen zur Grundschule mutiert und auch als solche kaum mehr zu füllen.

In Sowjetzeiten war man gezwungen, bei der Kolchose zu bleiben, danach konnten die Menschen abwandern. Doch die Schauplätze des Romans sind nahezu unverändert: das noch immer betriebene Kulturhaus, die hölzerne Mariä-Himmelfahrt-Kirche von 1920, das Geschäft und die Stiege davor, von der sich der betrunkene Vater des Mädchens nicht mehr erheben konnte, die Bierstube und das Haus des Vaters. Wir stehen davor, doch er zeigt sich nicht, hält sich bei den Nachbarn versteckt. Er hat sich wohl seit den Zeiten des Romans, den er gelesen hat, ohne je mit der Tochter darüber zu sprechen, kaum verändert.

Wir gehen durch das Dorf und sehen das Sägewerk, in dem der Bruder gearbeitet hat; es ist längst nicht mehr in Betrieb. Und wir fahren zum Friedhof, wo er zusammen mit seiner Großmutter begraben liegt. 34 Jahre war Dainius alt, als er sich 2006 das Leben nahm. Während der Arbeit an der Übersetzung hatte der Tod des Bruders etwas Fiktives, doch hier am Grab ist er ganz real. Wir fahren weiter zu jenem Grab, in dem Renatas Mutter Aldona begraben liegt. Sie war 36 Jahre, als sie ertrunken ist - am Romanbeginn ist der Schwarze Fluss, der sie in die Tiefe lockte, ganz suggestiv gegenwärtig. Dass er im tiefen Russland liegt, gehört zur fiktiven Ebene des Romans - in Wirklichkeit verbrachte Renata ihre Kindheitsjahre in Weißrussland. Zehn Jahre war sie alt, als die Mutter ertrank. Wir gehen zur Tante, die sie nach Litauen zurückgebracht hat, und essen mit ihr zu Mittag.

Auf der Fahrt frage ich Renata nach dem Halbbruder, der in einem weißrussischen Waisenhaus aufgewachsen ist. Sein Versuch, seine litauischen Geschwister zu finden, die Fremdheit, das Abreißen des Kontakts - alles ist so wie im Roman. Und der weißrussische Stiefvater war ungefähr so, wie Anatolij im Roman gezeichnet ist: extravagant, besessen von seinen außerirdischen Wesen und gewalttätig. Renata erinnert sich noch genau an das Gesicht der Mutter, das er ihr mit dem Bügeleisen verbrannt hat.

Wieder zurück in Vilnius, sitzen wir wieder einmal in der gastlichen Wohnung von Renata und Petras und essen zusammen mit den beiden Kindern; auch der Hund und die Katze gesellen sich zu uns. Die Umgebung und der Blick aus diesem Haus ganz nahe der stuckverzierten Peter-und-Paul-Kirche haben auch Eingang in den Roman gefunden, vor allem die repräsentativen Gebäude der britischen und der dänischen Botschaft. In ihrer Nähe ist die psychiatrische Klinik, in der sich die Schwester gegen Ende des Romans befindet.

In Vilnius kenne ich mich aus, an der Universität, an der Renata wie ihre Spiegelfigur im Roman studierten, habe ich zwei Jahre unterrichtet und bin oft durch die 13 Innenhöfe dieses Architekturensembles gegangen; daher besuchen wir diesen 1579 gegründeten östlichen Vorposten der europäischen Universitätslandschaft und der jesuitischen Gegenreformation nicht. Auch die Lokale in der Pilies gatve (Burggasse), die heute immer mehr den flanierenden Touristen gehört, kenne ich ebenso wie das Viertel Zirmunai, wo die junge Studentin und angehende Schriftstellerin eine Wohnung mietet. Nur der ehemalige Prospekt der Roten Armee ist mir nicht vertraut, so fahren wir gemeinsam zum Hochhaus, in der die Romanfigur (wieder im Gleichklang mit ihrer Schöpferin) ihr erstes Kind bekommen hat. Renata ist ebenso neugierig wie ich, seit 15 Jahren ist sie nicht mehr hier gewesen, wo sie einst eineinhalb Jahre gewohnt hat. Zwischen sowjetischen Plattenbauten blühen die Apfelbäume - hier hat sie damals Teilhard de Chardin gelesen. Der Spielplatz ist viel schöner geworden, und es gibt keine Straßenkinder mehr, die sich als Taschendiebe durchbringen müssen. In Vilnius hat sich vieles zum Guten verändert.

Wir sprechen in einem Restaurant über das Romanschreiben. Renata hat am Beginn immer einen genauen Plan, doch die Figuren, sagt sie, verlangen dann oft etwas anderes. Mir wird auch immer klarer, wie viel das individuell-biografische Prisma von Blaubarts Kinder von Litauens jüngster Geschichte einfängt - von der Sowjetzeit, die die junge Generation nur mehr aus den Geschichtsbüchern kennt, über die schwierige Transformationsperiode bis zu den neuen Lebensmöglichkeiten der Gegenwart, aber auch den Suiziden - bei deren Häufigkeit nimmt Litauen weltweit den traurigen ersten Platz ein.

Die Figuren von Blaubarts Kinder arbeiten auch als Individuen in mir. Das wird mir noch klarer, als wir sie zusammen auf der Bühne sehen - eine Schauspieltruppe tourt mit einem Stück nach Renata Serelytes Roman durch ganz Litauen. Sie ist in Litauen eine der bekanntesten Autorinnen, derzeit ist auch die Verfilmung eines ihrer Romane sehr erfolgreich.

Im deutschsprachigen Raum ist sie noch (wieder) zu entdecken, obwohl ihr Roman Sterne der Eiszeit bereits 2002 bei Rowohlt Berlin erschien. Blaubarts Kinder ist ein Höhepunkt ihres Werkes - genährt aus der Biografie seiner Autorin und vielen Alltagsdetails, überzeugend durch seine Sprache und Struktur. (Cornelius Hell, Album, DER STANDARD, 21./22.6.2014)

Ein europäisches Karussell

Zwischen 2006 und 2012 nominierten lokale Jurys aus 16 Ländern (Bosnien, Bulgarien, Estland, Kroatien, Lettland, Litauen, Polen, Rumänien, Russland, Serbien, Slowakei, Slowenien, Tschechien, Türkei, Ukraine und Ungarn) Autorinnen und Autoren, aus denen eine internationale Jury, zuerst unter dem tschechischen Schriftsteller Jiří Gruša (1938–2011), dann unter seinem ungarischen Kollegen György Dalos Preisträger aussuchte, die mit dem Bank-
Aus tria-Literaris-Preis für Prosa, einer Auszeichnung für den besten Lyrikband sowie sieben "Writer in Residence"-Stipendien von KulturKontakt Austria gewürdigt wurden. Die Aktion „Ein europäisches Karussell“, im Rahmen deren der Standard zehn Texte osteuropäischer Autoren pu bliziert, will einen Beitrag zur verstärkten Rezeption osteuropäischer Literatur leisten. Es werden Autoren besucht und mit ihrer Literatur in der Landschaft präsentiert: vom Roadmovie zum Road-Feuilleton.

Zum "Europäischen Karussell" erscheint ein Kartonschuber mit neun Bänden 2222 S., € 75 plus zehn Euro Versand kosten, versandkostenfrei für STANDARD-Abonnenten.

Die Aktion wird unterstützt von: DER STANDARD, Bank Austria Literaris, Ö1 und dem Wieser-Verlag.

Zu beziehen über Ihre Buchhandlung oder über: office@wieser-verlag.com, Fax: 0463/370 36, per Post: Wieser-Verlag, 8.-Mai-Straße 12, 9020 Klagenfurt/Celovec. Ö1 spielt "Karussell"-Texte wöchentlich in "Ex Libris" (jeweils Sonntag 16 Uhr).

www.wieser-verlag.com

  • "Sie hat einen Blick für die Mikrokosmen des Alltags, die sich verändert haben, und für die Mentalitäten, die geblieben sind. Nie hat sie das präziser, detailreicher und schonungsloser dargestellt als im Roman ,Blaubarts Kinder'": Renata Serelyte.
    foto: wieser-verlag

    "Sie hat einen Blick für die Mikrokosmen des Alltags, die sich verändert haben, und für die Mentalitäten, die geblieben sind. Nie hat sie das präziser, detailreicher und schonungsloser dargestellt als im Roman ,Blaubarts Kinder'": Renata Serelyte.

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