Frankreich: Schülerinnen im Heiligen Krieg

20. Juni 2014, 15:45
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In Frankreich ziehen nicht nur Männer in den Jihad. Eine minderjährige Schülerin ist diese Woche nach Syrien verreist. Sie ist kein Einzelfall

Am Mittwochmorgen ging die 14-jährige Sarah - so nennen sie Pariser Medien - wie üblich morgens zur Schule in Argenteuil nördlich von Paris. Die Eltern ahnten nichts Böses, bis ihre Tochter um 18 Uhr ein SMS schickte: Man solle doch bitte unter der Matratze ihres Bettes nachschauen. Der Vater fand dort einen Brief mit dem Hinweis, Sarah sei verreist in "das Land, wo man nicht daran gehindert wird, seine Religion auszuüben".

Die Eltern schalteten die Polizei ein. Einen Tag später teilte man ihnen mit, dass die Antiterroreinheit SDAT der französischen Kriminalpolizei den Fall übernehme. Die Staatsanwaltschaft informierte sie, Sarah sei offenbar auf der Reise "nach Syrien".

740 Franzosen in Syrien

Die Eltern sind gemäßigte Muslime und fielen aus allen Wolken. Sarahs Mutter hatte in letzter Zeit festgestellt, dass ihre Tochter Jeans und T-Shirt ab und zu durch traditionelle Kleider ersetzte. Doch über den Jihad hatte sie nie gesprochen. Jetzt gehört sie zu jenen hundert Frauen, die das französische Innenministerium unter den 740 jungen Franzosen in Syrien vermutet.

Meist sind sie minderjährig und setzen sich ohne jede Vorwarnung ab. In Lyon wurde eine 14-Jährige gerade noch auf dem Flughafen geschnappt, als sie einen von ihrem Ersparten bezahlten Billigflug in die Türkei nehmen wollte.

"Hast du gesehen, Mama, ich bin es!"

Vielen gelingt aber die Flucht in den Jihad. In dem Pyrenäendorf Lézignan-Corbières verschwand eine 17-Jährige auf dem Weg zur Schule. Im Pariser Vorort Noisy-le-Grand folgte eine gleichaltrige Mittelschülerin ihrem radikalislamischen "Gatten" nach einer religiösen Heirat nach Syrien. Zwei Wochen vorher hatte sie sich noch einen modernen Haarschnitt wie die Sängerin Rihanna zugelegt.

Aus einem syrischen Ruinendekor schickte sie ihrer Mutter per Handy ein Foto, auf dem sie in einer Burka zu sehen ist. "Hast du gesehen, Mama, ich bin es!", schrieb sie dazu. Ein anderes Mal suchte sie ihre Angehörigen zu beruhigen, sie habe eine Kalaschnikow, "um mich zu verteidigen".

Mit Syrien-Kämpfer verheiratet

Noch schlimmer ist es für die Eltern, wenn sie von ihrer kleinen Jihadistin gar nichts mehr hören. Auch die Ermittler bleiben wortkarg. Ein neuer Anti-Dschihad-Plan der französischen Regierung klärt die Angehörigen darüber auf, wie sich die Radikalisierung ihrer Sprösslinge früh erkennen lässt. Doch die lassen sich häufig auswärts helfen. Eine 15-jährige Schülerin aus Avignon wurde im Frühling von zwei - inzwischen angeklagten - Frauen angeheuert, deren eine mit einem Syrien-Kämpfer verheiratet ist.

Gerüchte über "Sex-Jihad"

Hinter vielen Syrien-Reisen junger Französinnen steckt letztlich ein Mann. Wie er sie behandelt, können die verzweifelten Eltern nicht einmal ahnen. Wildeste Gerüchte zirkulieren, die jungen Jihadistinnen würden herumgereicht, um die Krieger zu befriedigen. In Frankreich werden ältere Meldungen über einen "Sex-Jihad" aufgewärmt. Maghrebinische Internetportale nennen konkrete Fälle, etwa den einer 17-jährigen Tunesierin namens Inès, die in Syrien 152 Jihadisten willig gewesen sei, bevor sie schwanger zurückgekehrt sei.

Falschmeldungen

Die Pariser Wochenzeitung "Le nouvel Observateur" ist den Fällen nachgegangen und hat herausgefunden, dass es Falschmeldungen sind. Sie werden im Internet wild kopiert, aber nie verifiziert, und dürften zum Teil auf den Geheimdienst in Algerien zurückgehen - oder auf das Regime von Bashar al-Assad, der seine Gegner verunglimpfen will.

Das beruhigt die Eltern der französischen Jihadistinnen nur beschränkt. Die 15-jährige Schülerin aus Avignon berichtete ihrem Bruder per Telefon, sie kämpfe in einer französischen Gruppe innerhalb der Al-Nusra-Front, eines Ablegers von Al-Kaida. Einziger Trost für die südfranzösische Familie: Die syrische Al-Nusra-Front soll nicht an den Kämpfen im Irak beteiligt sein. (Stefan Brändle aus Paris, derStandard.at, 20.6.2014)

  • Auch Mädchen ziehen in den Jihad. Ein neuer Anti-Jihad-Plan der französischen Regierung klärt die Angehörigen auf, wie sich die Radikalisierung früh erkennen lässt.
    foto: ap/mahmoud tawil

    Auch Mädchen ziehen in den Jihad. Ein neuer Anti-Jihad-Plan der französischen Regierung klärt die Angehörigen auf, wie sich die Radikalisierung früh erkennen lässt.

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