Kalkulierte Beiläufigkeit

20. Juni 2014, 20:41
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Man schadet sich selbst, wenn man sie nicht liest. "Behüte behütet", der zweite Band der vierbändigen Elfriede-Gerstl-Werkausgabe, macht wichtige Texte der Autorin wieder greifbar

Elfriede Gerstl ist nicht tot, denn die hervorragende Werkausgabe des Droschl-Verlages macht ihr Werk endlich wieder zugänglich, und wo immer man sie aufschlägt, stößt man auf Texte, die ihre Frische bewahrt haben und ihr Potenzial, einen in Staunen zu versetzen oder einem schlagartig einen Erkenntnisruck zu verpassen.

Elfriede Gerstls knappe Gedichte sind wie ihre Kurzprosa und ihre scharfsinnigen Essays eine Schule der Wort-Askese und der Befreiung vom Phrasen-Ballast, der einen täglich hinunterzieht in die konventionelle, abgegriffene, verbrauchte Sprache.

Der zweite Band der Werkausgabe (gerade ist der dritte Band im Erscheinen begriffen) enthält Gerstls legendäre Wiener Mischung von 1982, die 2001 in erweiterter Form als Neue Wiener Mischung erschienen ist, deren Texte aber bis 1955 zurückreichen. Der geniale Titel Wiener Mischung erinnert nicht nur an Kaffee und eine Zuckerlmischung, sondern beschreibt das Kompositionsprinzip des Bandes: Gedichte, die aus reiner, unkontrollierter Sprachspielfreude entstanden zu sein scheinen, stehen neben präzisen Konstrukten oder Gedichten, die pointiert argumentieren.

In den besten Beispielen kommt das alles zusammen und ergibt auf kleinstem Raum eine Intensität, die ihresgleichen sucht, wie etwa im Gedicht Wiederholungszwang: "mutter und vater / futter und prater / watschen und golatschen / und das ein leben lang / mit jeder neuen frau / mit jedem neuen mann / weil man nicht anders kann / watschen und golatschen / prater / futter / vater mutter".

Überkommenes in neuem Kontext

An anderer Stelle gelingt es Gerstl, Zitate und anderes überkommenes Sprachmaterial in einen neuen Kontext zu stellen, indem sie dieses unter die Überschrift "im lichte des Feminismus" gruppiert - und in diesem Kontext verändert sich sowohl die Aufforderung "do it yourself" wie Schillers altväterische Sentenz "Die axt im haus erspart den zimmermann" oder Mephistos Satz "Von zeit zu zeit seh ich den alten gern".

Und ist man amüsiert von der Spruchsammlung "vögelfrei" und ihren Sprichwort-Variationen wie "doppelt gevögelt hält besser", so überkommt einen zwei Seiten später das blanke Entsetzen angesichts der Sätze unter der Überschrift "jawohl, herr doktor: eine auswahl medizinischer fundstücke". Elfriede Gerstl meidet sowohl die schönen Metaphern wie die didaktischen Sentenzen, und trotzdem möchte man ständig aus ihren Texten zitieren - nicht zuletzt deswegen, weil auch die Prosa, die sie unter die Gedichte mischt, jede Nacherzählbarkeit verweigert ("Die Nacherzählbarkeit macht die Ware zur verkäuflichen Ware").

Wie in den Gedichten bricht darin gelegentlich Autobiografisches durch, ohne dominant zu werden, etwa in dem beklemmenden Text "carolines unordentliche wohnsitze", der viel von Gerstls erzwungener Unstetigkeit widerspiegelt - und wie nebenbei mit dem Satz aufwartet: "ein sandler hackt dem anderen selbstverständlich ein auge aus - wem sonst." Es ist diese kalkulierte Beiläufigkeit, die einem beim Lesen immer wieder den Atem anhalten lässt. "Alles, was man sagen kann, kann man auch beiläufig sagen." Diese Wittgenstein-Variation ist wahrscheinlich der am meisten zitierte Satz von Elfriede Gerstl. Alles lässt sich auch beiläufig sagen: unangestrengt, knapp, mit Ironie und wie unabsichtlich - beiläufig eben.

Vergleich der Sprachen

Ein besonderes Juwel des zweiten Bandes der Werkausgabe ist die Sammlung Vor der Ankunft - "auf reisen entstandene gedichte" in vier Sprachen, denn Gerstls Originale wurden ins Englische und Französische und von Gerhard Kofler ins Italienische übersetzt (das kompetente Nachwort der Herausgeberinnen gibt auch über die ÜbersetzerInnen Auskunft). Der Vergleich der Sprachen gibt einen faszinierenden Einblick in die Möglichkeiten, Gedichte zu übertragen, und durch den Blick auf die Übersetzungen gewinnt man auch dem Original neue Facetten ab. Außerdem ist Reisen ein Zentralthema von Elfriede Gerstl.

Ihr präziser Blick auf soziale Gesten und gesellschaftliche Phänomene, auf Strategien der Macht oder auf die nicht mehr existierende Boheme, ihre eigenständige Position auch im Feminismus wie ihre illusionslose Analyse des Literaturbetriebes und der Vereinnahmung des künstlerischen Protestes als Ware - all das findet sich in der Essaysammlung Unter einem Hut. Warum waren diese Texte so lange nicht mehr greifbar? Und warum hat man diese nie mit Theorie prunkende, aber mit größter Selbstverständlichkeit in ihr verankerte Autorin nicht öfter zu Vorträgen und Reden eingeladen, fragt man sich fassungslos, wenn man diese Essays liest. Wer kann so klarsichtig und leicht über Mode sprechen, die Mutationen des Parkas analysieren wie sie? Und wo sonst kann man eine so genaue Kritik des Frauenbildes in den Werken von H. C. Artmann lesen? Von Elfriede Gerstls Blick lernt man auch dort noch, wo man ihr (etwa bezüglich Thomas Bernhard) widersprechen will.

Als hellsichtige Einzelgängerin misstraute Elfriede Gerstl allen Doktrinen - auch denen der Avantgarde - und wollte Spielräume eröffnen. Man schadet sich selbst, wenn man sie nicht liest. (Cornelius Hell, Album, DER STANDARD, 21./22.6.2014)

Elfriede Gerstl, "Behüte behütet. Werke Band 2". Hrsg. und mit einem Nachwort von Christa Gürtler und Helga Mitterbauer. 28,- Euro / 32 Seiten. Droschl, Graz 2014

Hinweis: Am 24. Juni, 19 Uhr, wird im Literaturhaus Wien (Seidengasse 13) der dritte Band der Elfriede-Gerstl-Werkausgabe präsentiert (mit Christa Gürtler, Martin Wedel, Batya Horn, Herbert J. Wimmer, Teresa Präauer und Raja Schwahn-Reichmann).

  • Alles, was man sagen kann, kann man auch beiläufig sagen. Die Wiener Autorin Elfriede Gerstl (1932-2009) im Café Korb, in dessen Nähe sie auch wohnte.
    foto: heribert corn

    Alles, was man sagen kann, kann man auch beiläufig sagen. Die Wiener Autorin Elfriede Gerstl (1932-2009) im Café Korb, in dessen Nähe sie auch wohnte.

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