Türken-Theater in Wien

Leserkommentar20. Juni 2014, 16:55
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Österreich hat bei der Integrationspolitik versagt

Am 19. Juni besuchte uns der türkische Premierminister. Hintergrund war das Zehnjahresjubiläum der Union der Europäisch-Türkischen Demokraten. Zigtausende Menschen gingen hin, um ihn zu sehen und zu hören. Andere Zigtausende gingen hin, um gegen seine Politik zu demonstrieren. Und wir sahen dabei zu, regten uns auf, wie es denn überhaupt sein kann und wer wohl die Kosten für die Sicherheit übernehmen wird. Einige unserer Politiker haben sich leise dazu geäußert, die Beleidigten gespielt, und andere haben sich gar nicht erst geäußert.

Aber übermorgen ist alles wieder vergessen. Gut so!

Aber wieso gingen denn so viele Menschen in die Albert-Schultz-Eishalle? Fragt man die Teilnehmer, so hört man oft Aussagen wie: Er glaubt an uns, er gibt uns Kraft und motiviert uns, er hat so viel Gutes getan, und er hat die Türkei stark gemacht. Und einige andere meinen sogar, wenn der Erfolg der Türkei anhält, dann gehen sie zurück.

Das sind vor allem Menschen, die in ihrer alten Heimat, der Türkei, nach wie vor fest verwurzelt sind. Sie fühlen sich hier wie Menschen zweiter Klasse, und Integration ist eher eine Belastung als eine reelle Chance. "Wir werden nicht akzeptiert und sind nicht willkommen. Auch wenn du österreichischer Staatsbürger bist, bist du immer Ausländer." Diesen Spruch habe ich schon oft gehört.

Heuer jährt sich das Raab-Olah-Abkommen mit der Türkei zum 50. Mal. Es sind seither viele Menschen aus der Türkei nach Österreich gekommen. Viele haben sich "integriert", die einen gut, die anderen noch besser. Einige haben Bedenken gegenüber der westlichen Kultur und wollen lieber unter sich bleiben. Aber alle haben eines gemeinsam: Sie leben zwischen zwei Kulturen und versuchen, das Beste daraus zu machen. (Je nach Bildungsstand).

Jetzt bekommen wir die Rechnung

Leider haben wir es in Österreich verabsäumt, beizeiten eine richtig gute Integrationspolitik ins Leben zu rufen. Stattdessen haben wir sie ihrem Schicksal überlassen. Erst als der Hut schon brannte, haben wir erkannt, dass es so nicht weitergehen kann. Und jetzt kommt die Rechnung. Und ich frage mich, wann die Politiker, vor allem natürlich die Regierungsparteien, Mut an den Tag legen und endlich eine Integrationspolitik starten, die etwas bringt. Und zwar für beide Seiten.

Wir haben versagt

Denn eines ist klar: Wir haben versagt. Es ist die Schuld der Politik, dass so viele Menschen sich in Österreich nicht wohlfühlen und letztlich auf die Straße gehen. Unsere Mut- und Ideenlosigkeit kann uns zum Verhängnis werden. Wir könnten federführend agieren und den Ton angeben, statt abzuwarten und zu hoffen, dass alles irgendwie schnell vorübergeht. Aber was machen wir? Raunzen. Wir haben unsere Hausaufgaben nicht gemacht. Nicht genügend. Danke, setzen! (Engin Alkan, Leserkommentar, derStandard.at, 20.6.2014)

Engin Alkan arbeitet ehrenamtlich bei den Neos und ist einer der Leiter der Themengruppe Integration.

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