Geretteter Höhlenforscher in erstaunlich gutem Zustand

20. Juni 2014, 13:45
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Mediziner gehen von weitgehender Genesung aus - Kosten für Aktion auf 100.000 Euro geschätzt

Berchtesgaden/Hamburg/Wien - Fast eine Woche lang transportierten mehrere hundert Helfer den schwer verletzten Höhlenforscher Johann Westhauser aus der tiefsten und längsten Höhle Deutschlands an die Oberfläche. Seit Donnerstag liegt der 52-Jährige auf der Intensivstation des Krankenhauses in Murnau, wohin er direkt nach seiner Rettung gebracht wurde. Mediziner der Klinik waren bereits während der Bergung in die Einsatzleitung eingebunden.

Laut den behandelnden Ärzten befindet sich Westhauser angesichts der hinter ihm liegenden Strapazen in einem "hervorragenden Zustand". Es sei eine "weitgehende Wiederherstellung" zu erwarten, sagte der Ärztliche Direktor der Unfallklinik, Volker Bühren, am Freitag.

Schädel-Hirn-Trauma mit Hirnblutung

Den Angaben der Ärzte zufolge erlitt Westhauser bei seinem Unfall ein Schädel-Hirn-Trauma mit einer Hirnblutung, was Auswirkungen auf seine motorischen Fähigkeiten hat. Das sei aber nur auf die Schwellungen zurückzuführen, in der betroffenen Hirnregion sei nichts zerstört, betonte Bühren. "Das wird sich mit der Zeit deutlich bessern." Westhausers Denkvermögen sei intakt, er formuliere komplizierte Sätze, zudem sei er nach seiner Einlieferung gut orientiert gewesen.

Er hat sich am Freitag in einer Videobotschaft aus der Unfallklinik Murnau bereits bei seinen Rettern bedankt.

Kosten dürften bei 100.000 Euro liegen

Über die Einsatzkosten wird derzeit gerätselt. Auch wenn noch keine genauen Zahlen vorliegen, so dürfte die Summe mindestens einige 100.000 Euro betragen.

Bisher sind wenige Daten bekannt. Für die insgesamt zwölftägige Rettungsaktion im Untersberg in Berchtesgaden von 8. bis 19. Juni standen laut Bergwacht Bayern 728 Rettungskräfte im Einsatz. Von den 202 Rettern, die sich direkt in dem engen und gefährlichen Schachtsystem der rund 1.000 Meter tiefe Höhle befanden, kamen einer ersten Auflistung zufolge 27 aus Deutschland, 42 aus Österreich, 89 aus Italien, 20 aus Kroatien und 24 aus der Schweiz.

Kosten noch unklar

Eine Kostenprognose für die spektakuläre Rettungsaktion will die Bergwacht Bayern derzeit nicht abgeben, berichtete "Spiegel Online" am Freitag. Auch das bayerische Innenministerium wolle sich noch nicht äußern. Spekulationen, wonach es sich um mehr als eine Million Euro handeln soll, hielt der Sprecher des Verbands der deutschen Höhlen- und Karstforscher für "völlig übertrieben".

728 Einsatzkräfte aus fünf Ländern waren der Bergwacht zufolge an der Rettungsaktion beteiligt. 202 Retter waren in der Höhle, davon 42 Österreicher, 24 Schweizer, 89 Italiener, 20 Kroaten und 27 Deutsche. Außerdem waren Mitglieder der deutschen Bundeswehr, Polizei, Feuerwehr, Mitarbeiter des bayerischen Roten Kreuzes, die österreichische Flugpolizei und der Malteser Hilfsdienst im Einsatz.

Längste Rettungsaktion

Es sei die größte und längste Rettungsaktion in der Geschichte der Bergwacht Bayern gewesen, schrieb "Spiegel Online" unter Berufung auf Bayerns Innenminister Joachim Hermann: elf Tage, zehn Stunden und einige Minuten - insgesamt rund 274 Stunden Einsatz.

Eine normale Rettungsaktion, wie sie meist bei Übungen durchgeführt wird, koste im Durchschnitt 30.000 Euro. Die Rettung von Westhauser sei einmalig in der deutschen Alpingeschichte. Als Ende der 70er-Jahre vier Höhlentaucher aus dem sogenannten Mordloch auf der Schwäbischen Alb im Kreis Göppingen gerettet werden mussten, waren über zwei Tage lang 160 Helfer im Einsatz. Die Kosten beliefen sich damals auf umgerechnet 12.000 Euro.

Patient während Bergung stabil

Der Arzt Nico Petterich berichtete, der Patient sei stabil gewesen, habe sich sogar im Laufe der Zeit weiter stabilisiert. Andernfalls wäre der Transport weit schwieriger geworden. Am Ende wagte Westhauser sogar Scherze. Beim Start des Rettungshubschraubers habe er den Ohrenschutz abgenommen und dem Arzt gesagt: "Könntest du den Piloten bitten, dass er noch zweimal über das Stöhrhaus fliegt?" Das ist die nächstgelegene Hütte. Dann habe er noch etwas höher liegen wollen, damit er beim Flug etwas sieht.

Bei der Ankunft im Klinikum habe er Petterich den Dank an alle Helfer mitgegeben. "Er hat meine Hand genommen und gesagt, dass er jeden Einzelnen anrufen wird." Offenbar war ihm nicht klar, dass mehr als 700 Menschen an seiner Rettung mitgewirkt hatten.

48 Stunden begleitet

Der österreichische Anästhesist Jacob Krammer (40) hat den verletzten Höhlenforscher im Untersberg 48 Stunden lang auf dem Weg von Biwak drei zu Biwak eins begleitet und medizinisch betreut. "Ich bin schwer beeindruckt von dem Patienten. Er ist ein außergewöhnlicher Mensch, und er hat die nötige psychische Konstitution mitgebracht", sagte der Höhlenrettungsarzt am Donnerstag im APA-Gespräch.

"Ich würde sagen, wenn jemand nicht diese Voraussetzung hat wie er, hätte er das über diese lange Zeit in der Höhle nicht überstanden. Es war auch körperlich sehr anstrengend für den Patienten. Da muss man extrem resistent sein, man musste mit wenig Schlaf auskommen. Er hat sich nicht aufgegeben und war zuversichtlich. Er hat auch, soweit er es konnte, aktiv bei der Bergung mitgemacht", erklärte der gebürtige Wiener, der seit 13 Jahren in Salzburg lebt. Doch körperlich durfte sich der Verletzte wegen seines Schädel-Hirn-Traumas nicht anstrengen, es hätte die Gefahr einer Steigerung des Hirndrucks bestanden.

Psychische Betreuung

Der Höhlenrettungsarzt trug einen Rucksack mit medizinischem Equipment bei sich, als er vergangenen Montag um 14 Uhr in die Höhle einstieg. "Um 20 Uhr war ich beim Patienten." Krammer überprüfte während der Rettungsaktion die Flüssigkeits- und Energiezufuhr und auch die Schmerzsituation des Verletzten. Neben der Aufrechterhaltung der körperlichen Funktionen sei die psychische Betreuung des Schwerverletzten ein wesentlicher Bestandteil seines Einsatzes gewesen.

Zwischen Biwak drei und Biwak eins habe es wenige Möglichkeiten für Ruhephasen gegeben, schilderte Krammer. Manchmal habe er mit dem Patienten in einer Art "Zelt ohne Boden" für mehrere Stunden eine Pause einlegen können. "Gestern haben wir in einem ganzen Tag nur ein Wegstrecke von 150 Meter geschafft." Da sei es wichtig gewesen, dass die Kollegen nicht in Stress und einen "Stalldrang" verfielen, sondern die Bergung weiterhin bedacht fortsetzten, auch wenn der Ausgang der Höhle näher rückte.

Keine akute Intervention notwendig

Die verabreichten Medikamente "waren mitverantwortlich, dass er das gut überstanden hat. Es war aber keine akute Intervention notwendig", sagte Krammer. "In den 48 Stunden, die ich bei ihm war, hat er sich klinisch von seinen Symptomen her verbessert." Es sei durchaus möglich, dass dazu nicht nur die Medikamente, sondern auch eine gewisse Selbstheilungskraft und die psychische Konstitution des Patienten beigetragen haben, vermutete der Anästhesist, der im Salzburger Landeskrankenhaus arbeitet und auch als Notarzt für die Christophorus-Flugrettung des ÖAMTC im Einsatz ist.

Dass er selbst die 60 Stunden, die er in der Höhle verbrachte, so gut überstand, rechnet Krammer seiner guten körperlichen und psychischen Konstitution zu, die er sich privat als Extremsportler beim Bergsteigen und Klettern angeeignet hatte. "Ich bin seit 1997 in Höhlen unterwegs und war auch schon in engeren Höhlen. Bergespezialist bin ich aber keiner. Ich habe aber mit der Höhlenrettung geübt."

Anforderungen mit Expeditionscharakter

Vom Salzburger Höhlenrettungsdienst ist Krammer dann auch zum Einsatz in die Riesending-Schachthöhle gerufen worden. "Die Anforderungen im Untersberg hatten Expeditionscharakter. Man muss den Kopf freihaben für den Patienten, obwohl man in einer lebensbedrohlichen Umgebung ist. Jeder Tritt ist absturzgefährlich, es gibt keinen Schutz vor Steinschlag."

Ohne Teamwork wäre ein solcher Einsatz nicht möglich gewesen, betonte der Anästhesist. Insgesamt sieben Ärzte hätten den Höhlenforscher betreut. Um nicht die Grenze der eigenen Leistungsfähigkeit zu überschreiten, hätten sie sich untereinander abgelöst, darum habe er den Verletzten nicht bis zum Schluss begleitet. Krammer stieg am Mittwoch um 23.30 Uhr aus der Höhle. Nach ein paar Stunden Schlaf widmete er sich seinen beiden Kindern, fünf Jahre und acht Monate alt. "Wir waren Fußball spielen. Ich war froh, wieder bei meiner Familie zu sein. Der Einsatz war von der Dimension her außergewöhnlich. Ich würde aber einen solchen Einsatz wieder machen. Das ist mein Job." (APA/red, derStandard.at, 20.6.2014)

Nachlese und Chronologie der Ereignisse

Rettung nach Plan: Verletzter Höhlenforscher geborgen

  • Artikelbild
    grafik: apa
  • 728 Einsatzkräfte aus fünf Ländern waren an der Rettungsaktion beteiligt.
    foto: dpa/nicolas armer

    728 Einsatzkräfte aus fünf Ländern waren an der Rettungsaktion beteiligt.

  • Der österreichische Anästhesist Jacob Krammer hat den Höhlenforscher 48 Stunden lang auf dem Weg von Biwak drei zu Biwak eins begleitet  und medizinisch betreut.
    foto: apa/jacob krammer

    Der österreichische Anästhesist Jacob Krammer hat den Höhlenforscher 48 Stunden lang auf dem Weg von Biwak drei zu Biwak eins begleitet und medizinisch betreut.

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