Die Stadt als Quelle für Rohstoffe

20. Juni 2014, 13:40
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Steigende Rohstoffpreise führen dazu, dass in urbanen Regionen gebrauchte Materialien wieder aufbereitet werden

Wien - Über Jahrzehnte hinweg wurden Bodenschätze in die Industrienationen verfrachtet und beispielsweise in Hochhäuser, Handys und Autos verbaut. Schon die beim Bau verwendeten Metalle machen eine beträchtliche Menge aus: In einer 100-Quadratmeter-Wohnung stecken oft bis zu 7,5 Tonnen davon. Bei Aluminium oder Kunststoffen kommen - rein statistisch gesehen - auf jeden Bewohner der Bundeshauptstadt je eine Tonne derselben.

Kein Wunder also, dass eine dicht besiedelte Stadt auch als riesige Rohstoffmine angesehen wird - wie es der Trend "Urban Mining" (Bergbau im städtischen Bereich; siehe Wissen) tut. Diese Schätze können bei den ständig steigenden Rohstoffpreisen nicht mehr einfach unbeachtet liegengelassen werden: Der reale, inflationsbereinigte Preis für Kupfer etwa hat sich seit 1960 vervierfacht. Der Thomson Reuters / Jefferies CRB Index als Benchmark für die Entwicklung der Rohstoffpreise hat sich im Bereich Metalle seit 1947 gar mehr als verzehnfacht. Zwar hat die Finanz- und Wirtschaftskrise der vergangenen Jahre die Preise gedämpft, doch die langfristige Richtung geht aufwärts.

"Solange die Primärrohstoffe billig waren, wurde der Abfall einfach deponiert", sagt Hans Zöchling, Geschäftsführer der Zöchling Abfallverwertung GmbH. "Durch den Anstieg der Rohstoffpreise über das Vorkrisenniveau hat die Rückgewinnung von Metallen wirtschaftlich wieder Sinn bekommen. Sollten sie weiter anziehen, könnte es sich schon in einigen Jahren rechnen, alte Deponien oder Halden zu entmetallisieren."

Strukturwandel

Denn die Preisentwicklung auf den Rohstoffmärkten geht nicht auf eine Verknappung der einzelnen Rohstoffe zurück, sondern wird von Experten mit einem fundamentalen Strukturwandel auf der Nachfrageseite in Verbindung gebracht, der eng mit der fortschreitenden Globalisierung der Weltwirtschaft in Zusammenhang steht. Unterm Strich werden die Preise langfristig also weiter steigen, sagen Experten.

Damit rückt auch alles, was an kostbaren Rohstoffen auch in den Wänden abrissreifer Gebäude, auf längst vergessenen Mülldeponien und in ausgedienten elektronischen Geräten liegt, in den Fokus urbaner Mineure.

Zu diesen gehört auch die Prajo & Co GmbH, eine 100-Prozent-Tochter der Porr AG. Das Unternehmen gewinnt jährlich rund 6000 Tonnen Eisen aus fast 5000 Abbrüchen von Zinshäusern. "Es rechnet sich bei vielen Materialien, die noch vor wenigen Jahren ungenützt auf Deponien gelandet sind, zu recyclieren und sie wieder in den Stoffkreislauf zu bringen", sagt Prajo-Geschäftsführer Zeljko Vocinkic. An der Technischen Universität Wien arbeitet man bereits an digitalen Rohstoffschatzkarten, um die stetig wachsenden städtischen Minen langfristig zu erschließen. Aufbereitet werden die "Schätze" unter anderem in der stationären Entmetallisierungsanlage im niederösterreichischen Mistelbach. Dort werden die Eisen- und Nichteisenmetalle mithilfe von Sieb-, Magnet- und Wirbelstromabscheidern aus dem Abfall gewonnen. Natürliche Lagerstätten werden bei der Güte sogar übertroffen.

Wirtschaftlicher Sinn

Ob und bei welchen Rohstoffen eine Wiedergewinnung wirtschaftlich Sinn macht, kann nicht generell festgestellt werden: "Das hängt immer von der aktuellen Preissituation ab", erklärt Gerhard Schauerhuber, Unternehmer und stellvertretender Fachgruppenobmann der Entsorgungswirtschaft in der WKO. "Nur wenn Sekundärrohstoffe auch preislich gegenüber Primärrohstoffen konkurrenzfähig sind, kann die an sich positive Entwicklung langfristig Sinn haben."

Anleger können in Österreich nur indirekt über Aktien von Bauunternehmen, die in diesem Segment engagiert sind, profitieren: Dazu zählen etwa Aktien der Porr oder der Strabag. Bei beiden Firmen ist der Anteil an der Konzernleistung aus diesem Segment aber noch nicht sehr hoch.

Mehr Auswahl gibt es im Ausland: In Frankreich sind Veolia und Séché Environnement sehr aktiv im Urban Mining. In Deutschland lohnt sich ein Blick auf Interseroh und Alba. Nicht im Urban-Mining-Bereich, aber als Entsorger tätig ist die deutsche MVV. Das Unternehmen hat sich darauf spezialisiert, aus Abfall Energie zu gewinnen. (Reinhard Krémer, DER STANDARD, 20.6.2014)

Wissen

"Urban Mining" umfasst laut Definition mehrere Bereiche. Dazu zählen die Identifizierung anthropogener Lagerstätten, die Quantifizierung der darin enthaltenen Sekundärrohstoffe, Wirtschaftlichkeitsberechnungen vor dem Hintergrund der zu Verfügung stehenden technischen Rückgewinnungsvarianten und der derzeitig erzielbaren und zukünftig prognostizierten Erlöse, die wirtschaftliche Aufbereitung und Wiedergewinnung der identifizierten Wertstoffe sowie auch die integrale Bewirtschaftung anthropogener Lagerstätten.

  • Kupfer ist ein teurer und daher begehrter Rohstoff, der vor allem in  Kabeln steckt. Diebe ziehen daher immer wieder auch durch Großstädte und  rauben solche etwas aus U-Bahn-Schächten.
    foto: epa/jens buettner

    Kupfer ist ein teurer und daher begehrter Rohstoff, der vor allem in Kabeln steckt. Diebe ziehen daher immer wieder auch durch Großstädte und rauben solche etwas aus U-Bahn-Schächten.

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