Bob Mould: Ein Turm im Licht

20. Juni 2014, 07:16
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Bob Mould veröffentlicht das Album "Beauty & Ruin". His Bobness zeigt sich darauf in Bestform - wieder einmal. Yeah!

Selbst wenn Bob Mould entspannt ist, besitzt er noch eine Dringlichkeit, mit der andere Autorennen gewinnen. Er kann nämlich auf eine Vergangenheit mit Geschwindigkeit verweisen. Das weiß jeder, der bei Hüsker Dü nicht an ein Brettspiel für Kinder oder an nichts, sondern an ein Klingeln in den Ohren denkt. Bob Mould war bei Hüsker Dü jener Mann, der seine Gitarre hat klingen lassen, als stünden mindestens drei weitere Gitarristen unter Strom.

Das führte unter anderem zu der kleinen Anekdote, die auf dem Album Zen Arcade (1984) vermerkt ist. Dort steht, dass das ganze Doppelabum in 85 Stunden fix und foxi aufgenommen und abgemischt wurde, fertig. Bis auf drei Songs, die mussten Mould, Grant Hart und Greg Norton noch einmal aufnehmen, weil sie zu schnell begonnen hatten. Muss man erwähnen, dass das Trio auch sonst auf Speed war? Hüsker Dü bildeten damals mit anderen Bands wie Black Flag die Speerspitze des US-amerikanischen Hardcore. Das Trio aus Minneapolis schrieb Musikgeschichte.

Rage and Melody

Es war eine der ersten Bands aus diesem stolzen und dogmatischen Underground, die einen Vertrag bei einem Majorlabel unterschrieben hatte. Damit übernahmen sie Vorbildfunktion für Gruppen wie Sonic Youth und die unvermeidlichen Nirvana, die mit der von Hüsker Dü definierten Formel von "Rage and Melody" ein paar Jahre später das wurden, was sie wurden. Dave Grohl hat sich vor ein paar Jahren mit den Worten "I owe you" bei Mould bedankt. Der grinste und sagte: "Ich weiß." Grohl hat Mould und sein Trio dann mit auf Tour genommen, wo er im Vorprogramm von Grohls Foo Fighters diverse Arenen bespielt hat. Eine schöne Geste, denn die erste Ernte fuhren andere ein.

Aber darüber jammert Mould heute nicht mehr. Zumal er in den 1990ern mit der Band Sugar vom Album Copper Blue selbst fast eine halbe Million Einheiten absetzte. Seit 1989 veröffentlicht er in schöner Regelmäßigkeit (Solo-)Alben und hält damit mehr als bloß den Status quo. Eben ist Beauty & Ruin erschienen. Ein Titel, der über Moulds ganzer Karriere stehen könnte, weshalb der Sticker auf dem Album von "A lifetime of emotion in 36 minutes" spricht, aber das muss kokett untertrieben sein.

Nach doch als Verirrungen zu bezeichnenden Arbeiten im elektronischen Bereich hat der 53-Jährige Mitte der Nullerjahre einen kreativen Schub erlebt. Das zeitigte mit Body of Song eines der besten Alben seiner Karriere, dann folgten zwei Arbeiten, die wie Speckringe um die nicht zu geringe Körpermitte Moulds wirkten. District Line und Life & Times schrammten gefährlich nah am Classic-Rock-Programm vorbei, da half kein Schönsaufen, diese Alben sind Mist. Zumindest gemessen an Moulds Möglichkeiten.

Immer schon als schwieriger Charakter bekannt, veröffentlichte er 2012 mit Autor Michael Azerrad (Our Band Could Be Your Life, Come as You Are: The Story of Nirvana) seine Biografie See a Little Light. Diese Arbeit muss kathartische Wirkung auf Mould gehabt haben, denn die beiden Alben, die er seit damals veröffentlicht hat, zeigen ihn in einer Lebens- und Spielfreude, die man hinter dem finsteren Blick früherer Tage nicht vermutet hätte.

Üppiger instrumentiert als sein Vorgänger Silver Age, setzt Beauty & Ruin dort fort. Nun nagen an Mould immer noch die Zweifel jedes halbwegs intelligenten Menschen, doch er zerfleischt sich nicht mehr selbst, sondern überführt sie in jene Kunst, die er mit Hüsker Dü begründet hat. In drückend schwere Songs, in geschwindigkeitsmäßig hochgezogene Pop-Perlen, die heute jede Band von Twentysomethings mit ihrer Punkrock-App nachspielen könnte. Doch Mould, der hat das einst erfunden, und das wiegt so schwer wie sein Vokabular. Das hebt Songs wie Little Glass Pill, I Don't Know You Anymore oder Forgiveness turmhoch über alle Epigonen. So altern nur die Besten. (Karl Fluch, DER STANDARD, 20.6.2014)

Bob Mould: Beauty & Ruin (Merge/Trost)

  • Wehe, wenn sie losgelassen: Jason Narducy, Bob Mould und Jon Wurster.
    foto: kyle dean reinford

    Wehe, wenn sie losgelassen: Jason Narducy, Bob Mould und Jon Wurster.

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