Das Leben - ein böses Spiel

20. Juni 2014, 06:26
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Uraufführung von Adriana Hölszkys "Böse Geister"

Am Deutschen Nationaltheater in Mannheim hat man eine Vorliebe für Opern nach Dostojewski-Vorlagen. Mieczyslaw Weinbergs Idiot wurde im letzten Jahr die Uraufführung des Jahres. Jetzt folgten als Auftragswerk Adriana Hölszkys Böse Geister. Es ist ihre sechste Oper und basiert auf Dostojewskis Dämonen.

Die 1953 in Bukarest geborene, in Deutschland lebende und hochgeschätzte Komponistin treibt für ihre knapp 80 Minuten Musiktheater auf ein Libretto von Yona Kim einen gewaltigen Aufwand. Im Graben, mit viel Gewicht auf dem Schlagwerk, aber auch mit dosiert portionierten Streichern und Trompetentönen. Und im Rücken des Publikums, auf der Empore, mit einem 32-köpfigen Chor, dessen Beitrag sich wie eine aufgeschäumte Wortflut in den Saal ergießt - wodurch das Ganze deutlich in die Nähe einer Choroper rückt.

Für den Dirigenten Roland Kluttig am Pult ist das eine große Koordinierungsherausforderung, die er und der Chordirigent Tilman Michael mit Bravour bewältigen. Und so spuken die Dämonen Dostojewskis als "böse Geister" über die Bühne, vor allem aber als Klanggeister der wohl erfolgreichsten zeitgenössischen Komponistin durch den Raum. Die Person im Zentrum des Geschehens ist Stawrogin (kraftvoll: Steven Scheschareg). Regisseur Joachim Schlömer postiert ihn zunächst auf einem Sofa im Zuschauerraum und hält ihn fortan in der Rolle eines Spielführers. Dabei ist er die personifizierte Skrupellosigkeit. Ein Verführer und Vergewaltiger, der nur von seiner Mutter Warwara starrsinnig verteidigt wird. Doch ihm gelingt es, aus seiner Umgebung, die von Mordlust und Bodenlosigkeit beherrscht wird, alles Leben abzuziehen.

Teuflische Lust

Man erlebt einen mit teuflischer Lust zelebrierten Zusammenbruch der Ordnung als Eruptionen, die bis an die Grenzen des mit dem Orchester und den Stimmen Ausdrückbaren gehen. Schlömer ist das Raunen des Bösen, das da aus Dostojewskis Universum herüberdringt, so unheimlich, dass er die Zeitangabe "Gestern, heute, morgen" wie den Ort "Hier, überall, nirgends" unterläuft und versucht, einen halbwegs realistischen Boden einzuziehen.

Jens Kiljan hat zwei Zimmer im Stile der Zeit Dostojewskijs auf fahrbare Podeste gesetzt, Heide Kastler das Personal entsprechend kostümiert. Die Musik aber ist ein surreal-visionäres, menetekelhaftes Panorama. Dafür legen sich die Protagonisten mit aller Kraft ins Zeug. Ob nun Evelyn Krähe als Stawrogins Übermutter Warwara oder der Counter Zvi Emanuel-Marial als fanatischer Piotr oder Ludovica Bello als hinkende, heimliche Ehefrau Stawrogins: Sie leisten allesamt Erstaunliches. Mannheim kann einen eindrucksvollen Musiktheaterabend verbuchen. (Joachim Lange aus Mannheim, DER STANDARD, 20.6.2014)

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