Warum Erdogan so viele Fans hat

Leserkommentar19. Juni 2014, 18:06
180 Postings

Der türkische Ministerpräsident gibt vor, die Wiener Türken zu verstehen - Österreichs Innenpolitik tut das nicht

Sie lieben ihn, diesen Erdogan. Fast schon bedingungslos, wie einen Popstar jubeln sie ihm zu. Kritik an ihm wird nicht geduldet. Er, der "große Meister", wie ihn Anhänger nennen, ist praktisch unfehlbar. Erdogan ließ kurzzeitig Youtube und Twitter verbieten: Vergeben und vergessen.  Er steht im Verdacht massiv an Korruption beteiligt gewesen zu sein: Sicher alles nur erfunden. Er ließ die landesweite Gezi-Bewegung niederprügeln: Schon in Ordnung so, schließlich sei das ein Komplott "ausländischer Kräfte" gewesen. Wieso sollte auch jemand von sich aus gegen Erdogan demonstrieren?

Seine Anhänger sehen in ihm einen starken und erfolgreichen Staatsmann, der sich nicht kleinkriegen lässt und der Türkei eine florierende Zukunft bietet. Für seine Kritiker ist er dagegen ein machtgieriger Autokrat, der keinen Widerstand duldet und seine Gegner mundtot macht.

Ungebrochene Beliebtheit

Wie kann es sein, dass nach Jahren der Integrationsbemühungen Tausende Austro-Türken - darunter auch viele aus der zweiten oder dritten Generation - einen solchen türkischen Premierminister anhimmeln?  Sie leben über tausend Kilometer von Erdogans politischem Zuständigkeitsbereich entfernt. Viele kennen die alte Heimat nur aus den Sommerferien. Kein nennenswertes österreichisches Medium berichtet sonderlich wohlwollend über Erdogan. Keine der hiesigen Parteien verteidigt seinen Kurs. Kaum eine Person des öffentlichen Lebens hat ein gutes Wort für ihn übrig. Und trotzdem: Seine Beliebtheit in Österreich wie in Deutschland scheint ungebrochen.

Das hat sicherlich mehrere Gründe. Einer ist aber ganz wesentlich: Erdogan macht, was sich kein ranghoher österreichischer Politiker traut: Er kümmert sich um die türkischen Migranten. Er stellt sich hinter sie. Bei jeder Rede - so auch heute - lässt er sie wissen, dass sie nicht alleine sind. "Arbeitet, seid fleißig und anständig" - das ist der erste Teil seiner Botschaft. Der zweite: "Völlig egal was auch passiert, hinter euch werde immer ich stehen. Ich bin euer Premier". Erdogan versteht es, türkischstämmige Migranten für sich zu vereinnahmen. Er gibt ihnen eine Identität, einen Platz, wo sie hingehören.

Lücke in der Innenpolitik

Österreichs Repräsentanten tun das nicht. Im Gegenteil: Während des Nationalratswahlkampfes letzten Sommer geriet Bundeskanzler Werner Faymann wegen einem türkischen Wahlplakats völlig aus der Fassung. Ein Türke hatte in seiner Freizeit auf eigene Faust Wahlwerbung für den Bundeskanzler gemacht. Auf Türkisch.  Anstatt sich über dieses Engagement zu freuen oder zumindest anzuerkennen, geriet Faymann vor laufenden Kameras regelrecht in Rage. So verhält sich niemand, der stolz auf seine türkischen Mitbürger ist.

Österreichs Staatsspitze weiß noch immer nicht, wie sie mit den Türken und Muslimen in diesem Land umgehen soll. Die Angst weitere Stimmen an die FPÖ zu verlieren, hat die anderen Parteien gelähmt. Anstatt auf türkische Zuwanderer zuzugehen, überließ man sie lange sich selbst. Diese Lücke wusste die Türkei für sich zu nutzen. Die Diskussion über eine Ausbildung für Imame in Österreich steckte noch in den Kinderschuhen, da entsandte Ankara bereits eigene Glaubensmänner, um die religiösen Bedürfnisse der Türken in Österreich zu bedienen.

Vereine "kümmern sich“

Heute haben sich zahllose türkische "Vereine" in Österreich breit gemacht, die als verlängerte Lobby-Armee von allen möglichen ideologischen Gruppen tätig sind. Sie verbreiten ihr Gedankengut und gewinnen junge türkischstämmige Menschen für sich. Aber sie tun auch noch etwas anderes: Sie kümmern sich. Sie bieten ein "wir", wo die Mehrheitsgesellschaft nur den abwertenden Blick für "die anderen" übrig hat.

Auch die Integrationspolitik von Sebastian Kurz übersieht diese Lücke. Leistung zu fordern und zu fördern ist sicher nicht falsch. Aber es ist nur eine Seite der Medaille. Denn was nützt schon Leistung, wenn man auf Lebzeiten einer der "anderen" bleibt? Integration kann nicht gelingen, solange die Gesellschaft Zugewanderte nicht als normalen Teil der Bevölkerung akzeptiert. Diese Akzeptanz fehlt zu oft. Damit sich das ändert, braucht es neue Botschaften, und ein Staatsoberhaupt, das sich Migranten annimmt und sich sagen traut: "Eure Probleme, sind unsere Probleme. Eure Zukunft, ist unsere Zukunft. Ihr gehört zu uns. Wir gehören zueinander." (Yilmaz Gülüm, Leserkommentar, derStandard.at, 19.6.2014)

Yilmaz Gülüm ist Redakteur bei "Guten Abend Österreich" auf Puls 4.

Share if you care.