Prozess um Rosenkrieg und ÖBB-Tickets 

19. Juni 2014, 17:44
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Geschiedener benutzte falsches Konto: "Gewerbsmäßiger betrügerischer Datenverarbeitungsmissbrauch"

Wien – Man könnte sagen, die ÖBB sind schuld, dass Richard W. vor Richter Stefan Renner sitzt. Die Bundesbahnen ermöglichen im Internet schließlich den Kauf von Tickets unter Angabe einer Kontonummer und des Kontoinhabers. Diesen Service hat der 54-jährige Selbstständige im Vorjahr mehrmals genutzt. Das Geld lag allerdings auf dem Konto seiner Ex-Frau, die ihn daraufhin anzeigte. "Gewerbsmäßiger betrügerischer Datenverarbeitungsmissbrauch" lautet etwas sperrig die Anklage, die Höchststrafe beträgt bis zu drei Jahren Haft.

Die Sache hat schon fast zehn Jahre Vorlaufzeit. Im Jahr 2004 wurde die Ehe von Richard und Barbara W. nach 13 Jahren geschieden. "Einvernehmlich?", will Renner wissen. "Ja", antwortet der Angeklagte. "Und was ist mit dem Vermögen passiert?", fragt der Richter. "Es gab keines."

Zwei Zugtickets gekauft

Das sei auch der Grund gewesen, warum ein ungefähr 2001 auf den Namen der Frau eingerichtetes Konto, dessen Guthaben für gemeinsame Aktivitäten verwendet wurden, auch nie aufgelöst worden ist, schildert der Angeklagte.

"Nach der Scheidung wurde noch eine alte Honorarforderung von mir darauf überwiesen, 500 oder 600 Euro", erinnert W. sich. Gedanken machte er sich darüber nie mehr – bis zum vergangenen Jahr.

"Ich musste beruflich ins Ausland fahren und hatte auf dem Firmenkonto kein Geld für die Reisekosten. Da ist mir das andere eingefallen, ich bin davon ausgegangen, dass von mir noch Geld draufliegt." Zwei Zugtickets kaufte er sich im August, drei im Dezember.

Ex-Frau erstattete Anzeige

Die letzten drei Abbuchungen entdeckte seine Ex-Frau auf den Kontoauszügen. Sie reklamierte bei den ÖBB, erreichte die Rückbuchung und erstattete Anzeige. "Da habe ich das erste Mal erfahren, dass ich gar nicht mehr verfügungsberechtigt bin", sagt der Angeklagte.

"Sind Sie nicht auf die Idee gekommen, ihre Ex-Frau zu fragen?", wundert sich Renner. "Dummerweise nicht. Ich wusste ja gar nicht, dass sie das Konto überhaupt noch verwendet." "Eine andere Möglichkeit wäre ja vielleicht gewesen, Ihre Kunden um einen Vorschuss zu bitten?", hilft der Richter. "Das war ja erst die Geschäftsanbahnung, das macht nicht den besten Eindruck", lautet die nachvollziehbare Antwort.

Kontonummer heimlich aufgeschrieben

Die 52 Jahre alte Ex-Frau erzählt eine völlig andere Geschichte. Man habe schon seit dem Jahr 2002 getrennt gelebt. Das fragliche Konto habe sie erst 2004 neu eingerichtet, da ihr Mann von ihrem alten mit gefälschten Erlagscheinen 6000 Euro abgezweigt habe.

Die naheliegende Frage Renners: "Und woher soll der Angeklagte dann die Kontonummer gehabt haben?" Die Antwort: "Er hat ja die Kinder in meiner Wohnung besucht. Ich gehe davon aus, dass er sie dort von Kontoauszügen abgeschrieben hat." Gemeinsam sei das Konto jedenfalls definitiv nie genutzt worden, auch ein Honorareingang sei ihr nie aufgefallen.

W. will Schaden begleichen

Der Angeklagte ist bereit, den Schaden von 165 Euro plus Zinsen zu begleichen. "Ich gehe am Freitag auf die Bank, dann kann ich es vorbei bringen", kündigt er an. "Vielleicht ist es besser, sie überweisen es. Die Kontonummer haben sie ja offensichtlich", meint Renner. Wohl nicht ganz unbegründet: W. ist fünffach vorbestraft, dreimal, da er keine Alimente gezahlt hat, das Verhältnis der Ex-Partner ist offensichtlich nicht friktionsfrei.

Ob W. in diesem Verfahren eine Verurteilung erspart bleibt, wird sich bis 16. Juli herausstellen. Auf diesen Termin vertagt Renner nämlich. So erhält der Angeklagte die Chance, den Kunden, der ihm 2004 angeblich das Honorar auf das umstrittene Konto überwiesen hat, als Zeugen aufzutreiben. (Michael Möseneder, derStandard.at, 19.6.2014)

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