Amerikas Angst vor einem neuen Krieg 

19. Juni 2014, 17:43
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Hinter den Kulissen herrscht heftiger Streit über die richtige Strategie für den Irak 

Martin Dempsey erinnert an einen Patienten, den eine Wurzelkanalbehandlung erwartet. Mit einer Miene, die an Schmerzen auf dem Zahnarztstuhl denken lässt, sitzt er in einem holzgetäfelten Saal des Senats und macht deutlich, wie wenig er von schnellen Militäroperationen im Irak hält.

Das Pentagon, sagt der Viersternegeneral, prüfe Optionen für Luftangriffe, doch solche Schläge seien wenig wahrscheinlich, solange man nicht wisse, wen man dort eigentlich treffe. Islamistische Fanatiker, irakische Soldaten, diverse Milizen - oft vermische sich das zu einem unübersichtlichen Knäuel, dies sei nun mal das Wesen eines Guerillakriegs, wie ihn die Isis führe.

Um den Wirrwarr zu illustrieren, zitiert er das Beispiel eines Stützpunkts in der Nähe der Stadt Mosul. Innerhalb von 36 Stunden habe dort dreimal die Kontrolle gewechselt, von der irakischen Armee zur Isis und dann zu kurdischen Peshmerga-Kämpfern.

Skeptische Generäle

Die Skepsis der Generäle ist eine feste Größe amerikanischer Eingreifdebatten. Mit Blick auf den Irak ist sie besonders ausgeprägt, da paart sich die Zurückhaltung, wie sie auch 2011 im Falle der Libyen-Intervention zu spüren war, mit großer Ratlosigkeit.

Eine Militäraktion mache nur Sinn, wenn es parallel dazu politische Versöhnungssignale gebe, meint David Petraeus, einst der höchste US-Kommandeur im Irak, ein gewiefter Stratege, der einen Pakt mit sunnitischen Stammesführern schloss, um dem Aufstand die Spitze zu nehmen. Lasse die Regierung Nuri al-Malikis keinen Willen zur Machtteilung erkennen, wäre die Air Force de facto die Luftwaffe schiitischer Milizen - eine Rolle, die sie natürlich nicht spielen dürfe.

Präsident Barack Obama sieht es nicht anders, schon deshalb erhöht er den Druck auf Maliki. Nachdem sein Vize Joe Biden in der Nacht zum Donnerstag mit dem irakischen Premier telefoniert hatte, fasste das Weiße Haus die Quintessenz in einem unverblümten Zweizeiler zusammen: Sicherheitsmaßnahmen, habe Biden klargestellt, müssten eingebettet sein in eine breitere, eine politische Strategie.

Spitzentreffen

Der Präsident unterdessen traf sich mit den Spitzen des Kongresses, den Republikanern Mitch McConnell und John Boehner sowie den Demokraten Harry Reid und Nancy Pelosi. Einerseits verdeutlicht die Geste den Ernst der Lage: In akuten internationalen Krisen, lautet ein ungeschriebenes Gesetz Washingtons, endet innenpolitischer Streit "am Rande des Wassers" , sollte er nicht hinausgetragen werden über Atlantik- und Pazifikküste.

Andererseits gibt es Beobachter, die sehen in den Beratungen ein ausgeklügeltes Manöver, ähnlich wie im August, als Obama Raketenschläge gegen Syrien abblies, nachdem er sich im Parlament keine Mehrheit fand. Im Falle Iraks, betont McConnell vor diesem Hintergrund, gehe es um Schritte, die der Staatschef anordnen könne, ohne die Legislative um grünes Licht zu bitten.

Wann Obama handelt, und ob überhaupt, kann niemand auch nur mit Gewissheit sagen. Der Ex-Senator, der mit seiner Opposition zum Irakkrieg erst Profil gewann, verdankt seinen ersten Wahlsieg nicht zuletzt dem Versprechen, die Boys in Uniform nach Hause zu holen, Amerika zu befreien aus nahöstlichen Fesseln.

Angst vor dem Strudel des Bürgerkriegs

Dass es auch diesmal im Strudel eines "Civil War" endet, das bezweifeln die meisten Demokraten nicht, ebenso wenig der rechte, libertäre Flügel der Konservativen. "Es handelt sich um einen irakischen Bürgerkrieg, es ist an den Irakern, das selber zu regeln", sagt Harry Reid, Mehrheitsführer des Senats, und geht hart ins Gericht mit Dick Cheney, George W. Bushs Vizepräsidenten.

Der warf Obama jüngst vor, den Irak im Stich gelassen, Amerikas Sieg dort in eine Niederlage verwandelt und damit eine akute Terrorgefahr in Kauf genommen zu haben. Was man am wenigsten brauche, seien Ratschläge eines Dick Cheney, erwidert Reid voller Zorn. "Wir sind Ihrem Rat schon einmal gefolgt, und es war der schwerste außenpolitische Fehler in der Geschichte dieses Landes." (DER STANDARD, 19.06.2014)

  • Armee-Freiwillige bei einer Parade in der heiligen schiitischen Stadt  Najaf. Der Iran will die Stätten notfalls schützen. Die USA sind ratlos,  wie sie auf den Isis-Vormarsch reagieren sollen.
    foto: ap

    Armee-Freiwillige bei einer Parade in der heiligen schiitischen Stadt Najaf. Der Iran will die Stätten notfalls schützen. Die USA sind ratlos, wie sie auf den Isis-Vormarsch reagieren sollen.

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