Die Könige haben abgedankt

19. Juni 2014, 13:53
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Nach der Auftaktpleite gegen die Niederlande besiegelte schlussendlich Chile das Ende einer Ära - Für Titelverteidiger Spanien ist die WM bereits nach der Vorrunde Geschichte

Vielleicht ist das berühmte Maracana der ideale Ort gewesen, um eine Ära zu begraben. Ein letztes Mal wurden Erinnerungen wach, schließlich hatte Spanien den Weltfußball sechs Jahre lang geprägt. Europameister 2008, Weltmeister 2010, Europameister 2012.

Abschiede haben etwas Sentimentales, Rührendes, Trauriges. Es war einmal, und es war schön. Dieses wunderbare Tiki-Taka, das perfekte Kurzpassspiel, der nahezu endlose Ballbesitz, die technischen Feinheiten. Den Gegnern ist meist nichts anderes übrig geblieben, als orientierungslos übers Feld zu laufen. Suchs Balli, hieß das Spiel der Spanier, sie fanden es witzig, die Welt staunte. Vorbei. Auf das 1:5 gegen die Niederlande, Optimisten hofften auf einen Betriebsunfall, folgte im Maracana ein hochverdientes 0:2 gegen Chile.

Zweimal Zufall ist eben einer zu viel. Somit muss Spanien als Titelverteidiger die WM nach der Vorrunde verlassen. Die letzte, völlig irrelevante Partie gegen die ebenfalls gescheiterten Australier, wird selbstverständlich stattfinden. Das gleiche Schicksal ereilte bereits Italien (1950 und 2010), Brasilien (1966) und Frankreich (2002). Aber so deutlich hat es noch keinen erwischt.

Schüchtern

Spaniens Teamchef Vicente del Bosque ist ein Sir mit Schnauzbart. Der 63-Jährige  hat Charisma, er ist kein Dampfplauderer. So sitzt die personifizierte Würde nach einer Bruchlandung bei der Presskonferenz. Sein Name bedeutet übersetzt "vom Wald." Er gratulierte Chile. "Wir waren in beiden Spielen nicht besser als der Gegner, deshalb fahren wir nach Hause. Natürlich sind wir sehr traurig. In der ersten Halbzeit waren wir sehr schüchtern, nicht tapfer genug. Chile konnte uns unter Druck setzen, wir kamen nicht zur Entfaltung, hatten keine Freiheiten. Ich hätte nie gedacht, dass wir die WM so früh verlassen müssen. Wir leiden, es ist ein schwarzer Tag für uns alle.“

"Wir müssen nachdenken"

Selbstverständlich werde es, so del Bosque, Konsequenzen geben. "Es muss welche geben. Wir müssen nachdenken und die besten Entscheidungen für den spanischen Fußball treffen. Das trifft auch auf mein Position zu." Deutlicher wurde ein Rücktritt selten nicht angekündigt.

Der Umbruch hat unmittelbar nach dem Spiel begonnen. Kapitän Iker Casillas, 33 Jahre alt und am zweiten Gegentreffer überhaupt nicht schuldlos (gegen die Niederlande fing er zweimal Fliegen), schwelgte in all seiner Verzweiflung bereits in Erinnerungen. "Es war großartig, was wir erreicht haben. Aber alles geht vorbei. Es ist Zeit für eine neue Generation." Fernando Torres und Andres Iniesta, beide 30, stimmten dem Tormann zu.

Beispiel Bayern

Xavi hatte vor dem Match gegen Chile angekündigt, es gebe keine Alternative zum Tiki-Taka. "So spielen wir, so sterben wir." Der 34-jährige saß regungslos auf der Ersatzbank. Vielleicht hat sich die "Furia Roja“ zu Tode gesiegt. Sicher ist, dass alle Leistungsträger ihren Zenit überschritten haben. Und die andern fanden Antworten auf die spanischen Fragen. Ein sehr aktuelles Beispiel lieferte Real Madrid, als in der Campions League die von Pep Guardiola auf Tiki-Taka umgemodelten Bayern mit 4:0 ausgekontert wurden. Dass es sich just um einen spanischen Klub gehandelt hat, ist eine Ironie des Fußballs.

Südamerikas Belgier

Die Chilenen gelten übrigens als Geheimfavorit. Die Südamerikaner konnten ihre Qualitäten in Testspielen nicht verheimlichen. Im November wurde England im Wembely 2:0 geschlagen, im März setzte es in Deutschland ein an Ungerechtigkeit kaum überbietbares 0:1. Trainer ist Jorge Sampaoli, ein 53-jähriger Argentinier. Er kann mit famosen Kickern arbeiten, sie heißen Arturo Vidal, Eduardo Vergas, Alexis Sanchez, um nur einige zu nennen.

Glatzkopf Sampaoli führte Gründe für das 2:0 an: "Wir waren kreativ, aggressiv, bissig, laufstark, verhinderten, dass der Ball das spanische Mittelfeld erreicht. Ich bin stolz. Wir spielen als Team, deshalb sind wir so gefährlich.“ Gefragt, ob der Erfolg gegen Spanien der größte in der Landesgeschichte gewesen sei, sagte er: "Der beste Sieg ist immer der nächste.“ Am Montag geht es gegen die Niederlande um den Gruppensieg. Der ist insofern von Bedeutung, als sich der Erstplatzierte im Achtelfinale vermutlich Brasilien erspart.  Sampaoli hielt, weil er darum gebeten wurde, einen Nachruf auf die Spanier: "Sie hatten eine wundervolle Performance. Aber im Fußball ändert sich alles, das ist normal. Erfolge sind nichts für die Ewigkeit.“

Sturm aufs Pressezentrum

Ein Stunde vor der Partie hatten rund 100 kartenlose chilenische Fans sämtliche Sicherheitsvorkehrungen überwunden, sie sind ins Pressezentrum gestürmt, wollten von dort aus auf die Tribüne gelangen. Sessel, Tische, eine Scheibe, gingen zu Bruch, Trennwände fielen um. Wobei die Gefahr in erster Linie von den Fotografen ausgegangen ist, diese Horde riskierte für ein paar Bilder einiges, sie rempelte, drängelte. Die ortsunkundigen Chilenen liefen in eine Sackgasse, sie wurden von Ordnern und Polizisten umzingelt, mussten sich hinsetzen. Die Hände über dem Kopf haltend, wurden sie im Gänsemarsch abgeführt. 88 Personen müssen Brasilien binnen 72 Stunden verlassen.

Abgedankt

Zur Symbolik hätten besser spanische Fans gepasst, aber die tun das nicht. Eine halbe Stunde nach Abpfiff hat es in Rio heftig zu regnen begonnen, das Flutlicht im Maracana wurde abgedreht. Am selben Tag, also am 18. Juni, hat König Juan Carlos in Madrid abgedankt. Diese Symbolik ist einfach ein Traum. (Christian Hackl aus Rio, DER STANDARD, 20.6.2014)

  • Enttäuschter Vicente Del Bosque.
    foto: ap/ manu fernandez

    Enttäuschter Vicente Del Bosque.

  • Erledigter Sergio Ramos.
    foto: epa/oliver weiken

    Erledigter Sergio Ramos.

  • Fassungslose Fans.
    foto: ap/ andres kudacki

    Fassungslose Fans.

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