"Niemand muss sich vor uns fürchten"

19. Juni 2014, 19:37
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Türkischer Premier sprach vor 7.000 Fans - Polizei reagiert auf "kurzes Gerangel" bei Demonstration

Erdogan in Wien: derStandard.at berichtete mit regelmäßigen Updates vom Besuch des türkischen Premiers und den Demonstrationen dagegen. Hier gibt es außerdem eine Ansichtssache.


18:30 Uhr: Details der Rede

Die Austria Presse Agentur hat die wichtigsten Passagen aus der Rede Erdogans zusammengefasst.  Der türkische Premier hat in Wien in der Albert-Schultz-Halle die wirtschaftliche und politische Stärke der Türkei gepriesen. Für Europa sei die Türkei eine Chance, die man nicht auslassen dürfe, so Erdogan, der am Ende ausdrücklich an die Präsidentenwahl im August erinnerte und hofft, dass der noch zu nominierende AKP-Kandidat aus Wien viele Stimmen erhält.

"Ich habe Grüße von 77 Millionen Bürgern der Türkei im Gepäck", so Erdogan zum Auftakt seiner Rede zu den 7.000 Austro-Türken in der Halle und laut Veranstaltern 10.000 davor. Die Polizei sprach von 6.000 Menschen vor der Halle. "Als Volk waren wir immer stolz auf euch. Als es euch gut ging, ging es uns auch gut. Als ihr traurig wart, waren wir auch traurig". Die Türken in Europa seien "die Enkel des Sultans Süleyman der Prächtige". Aber die Türken in Europa seien gekommen, um die Herzen der Wiener zu gewinnen. "Niemand muss sich vor uns fürchten", so Erdogan. Für Europa sei die Türkei aber "eine wichtige Alternative, ein Ausweg" und "die einzige solide Pforte nach Osten".

Erdogan widmete einen breiten Teil seiner Rede dem wirtschaftlichen Aufschwung seines Landes. Von der sinkenden Verschuldung und Inflation über den Ausbau der Eisenbahn und den geplanten Großprojekten in Istanbul mit dem Großflughafen und Brücke über den Bosporus bis hin zu drei Mrd. Bäumen, die gepflanzt worden seien. Früher habe man auf Schokolade aus Europa gewartet, aber heute "gibt es von allem, was es in Europa gibt, noch mehr in der Türkei". Sogar der erste eigene Hubschrauber sei gebaut und ausgeliefert worden.

Kritik gab es von Erdogan auch an den anderen Parteien in der Türkei und insbesondere an früheren Regierungen, die kopftuchtragende Frauen diskriminiert und islamische Menschen benachteiligt hätten.

Die Türkei war in ihrer Geschichte immer nach Westen ausgerichtet, betonte Erdogan. Wobei der türkische Premier eine erweiterte Europa-Definition anbot: "Europa endet nicht dort, wo die Donau ins Schwarze Meer fließt, sondern beginnt, wo Euphrat und Tigris ihre Quellen haben". Die Türkei mische sich niemals in die Innenpolitik anderer Länder ein. Nur wenn Rassismus oder Islamophobie aufkommen, dann schütze man die Rechte seiner Bürger. "Die Türkei ist nicht die alte Türkei" versicherte Erdogan.

Aber die Ausrichtung nach Westen heiße nicht, dass man die Verbindung zu den Brüdern im Osten abreißen lassen werde. "Auch wenn unser Gesicht nach Westen gerichtet ist, wenden wir dem Osten nicht unseren Rücken zu", so Erdogan.

Den Austro-Türken in Wien, potenzielle Wähler bei der Präsidentschaftswahl im August wo Erdogan voraussichtlich antreten wird, gab Erdogan mit: "Ihr könnt auf diese Türkei stolz sein". Sie sollten sich in die Gesellschaft integrieren, gut deutsch lernen, aber nicht assimilieren, sagte Erdogan, ähnlich wie schon bei seiner Rede in Köln.


18.00 Uhr: Kurz erneuert Kritik

Außenminister Sebastian Kurz hat sich laut APA erneut kritisch zum Besuch des türkischen Premiers Recep Tayyip Erdogan in Wien geäußert. Während der  Rede meinte er vor Journalisten, man könne vorläufig nur die Bilder beurteilen: "Die zeigen ganz klar, dass der türkische Premier den Wahlkampf in unser Land getragen hat und dadurch auch für Unruhe gesorgt hat."

"Das lehnen wir ab", fügte der Außenminister hinzu. "Und ich kann nur sagen, Respekt vor dem Gastland schaut eindeutig anders aus."

Ob das für Freitagvormittag geplante Treffen zwischen Kurz und Erdogan zustande kommen wird, darauf wollte sich der Minister weiterhin nicht festlegen. Wie dieses verlaufen werde, könne er jedoch vorher schon ein Stück weit sagen: Ziel sei es, klarzumachen, "dass es alles andere als gut für uns ist, wenn der Wahlkampf nach Österreich getragen wird." Denn Integration sei ein mühsamer Prozess und der "braucht keine Reden, die uns zurückwerfen und uns den Integrationsprozess schwieriger machen als er ohnehin schon ist," so der Außenminister.


16:40 Uhr: Die Polizei zum "Gerangel"

Grund für das "kurze Gerangel" war laut Polizeisprecher Roman Hahslinger eine Flasche, die aus einem Lokal in der Lasallestraße auf dem Demonstrationszug geworfen wurde. Hahslinger bestätigte gegenüber der APA zudem den Einsatz der Polizei-Sondereinheit WEGA. Mittlerweile habe sich die Situation jedoch wieder beruhigt.

Der von verschiedenen linksgerichteten Organisationen veranstaltete Demonstrationszug war kurz nach 15.00 Uhr vom Praterstern in Richtung Donauzentrum gestartet. Nach Angaben der Polizei beteiligten sich rund 6.000 Menschen an dem Protest. Veranstalter sprachen auf Twitter von 10.000 Teilnehmern.


16:20 Uhr: Erster Teil der Rede

Erdogan sprach die Anwesenden als die "Enkel Kara Mustafas“, des an den Toren Wiens gescheiterten osmanischen Feldherrn an. Für diesen Satz sah sich der STANDARD-Reporter übrigens heftiger Kritik von auf dem Laptop-Bildschirm mitlesenden Veranstaltungsbesuchern ausgesetzt: das Kara-Mustafa-Zitat sei wohl so gefallen, aber den erklärenden Nebensatz hätte Erdogsan nie gesagt.

Wenig später betonte der Premierminister, sich keinesfalls in innenpolitische Angelegenheiten einmischen zu wollen, "mein einziges Ziel seid ihr!“

Zu den mit Polizeigewalt aufgelösten Protesten gegen die Neugestaltung des Istanbuler Gezi-Parks merkte er an, das Problem seien nicht die Bäume,  sondern Demonstranten, die der Türkei schaden wollten. Wer etwas verändern wolle, solle nicht auf die Straße gehen, sondern mit den Verantwortlichen einen konstruktiven Dialog betreiben."

"Wien wird ab dem 19. Juni nicht mehr Wien sein“, verkündete zuvor der Vorsitzende der Europäisch-Türkischen Demokraten, "weil uns unser Premier besuchen gekommen ist, er macht das vernachlässigte  und unterdrückte Volk stark!“


16:00 Uhr: Erdogan eingetroffen. Auseinandersetzungen bei Demo.

Der türkische Premierminister ist eingetroffen. Als Erdogan mit eineinhalbstündiger Verspätung die Bühne betrat, brauste ein Begeisterungssturm durch die Halle: weil im hinteren Teil des Saales nicht genug Türkei-Flaggen geschwenkt wurden, hatten die Veranstalter angeordnet das die Gäste aus dem vorderen Teil welche hinbringen sollten, damit es keine Lücken im roten Fahnenmeer gebe.

foto: derstandard.at/berthold eder
Erdogan bei seiner Rede in der Wiener Eishalle

Bei der Demonstration gibt es erste Auseinandersetzungen unter Erdogan-Befürwortern und -Gegnern. Die Polizei griff mit Pfefferspray ein, wie dieses Foto zeigt:

foto: apa/herbert p. oczeret


15:45 Uhr: Demonstrationszug

foto: apa/herbert p. oczeret
Klare Botschaft der Gegner in Richtung Erdogan

Der Demonstrationszug macht sich auf dem Weg vom Praterstern Richtung Kagran. In der Halle verzögert sich die angekündigte Erdogan-Rede. Um 14:30 hätte der Premierminister laut Programm seine Rede beginnen sollen. Statt  dessen erklang Tanzmusik, dazwischen mehrmals eine eigens komponierte "Recep Tayyin Erdogan“-Hymne, die das Publikum  zu Begeisterungsstürmen hinriss.


15:15 Uhr: Stimmungsvideo aus der Halle

eder
Ein kurzer Schwenk durch die Eishalle mit den Erdogan-Fans (Video: derStandard.at/Berthold Eder).


15:00 Uhr: Fahnenvergleich

foto: standard/christian fischer
Die Gegner
foto: standard/christian fischer
Die Befürworter


14:45 Uhr: Freikarten für Fans aus Deutschland

Von über 40.000 potentiellen Besuchern hatten die Veranstalter des Wien-Auftritts des türkischen Premierministers Recep Tayyip Erdogan vor der Veranstaltung in der Wiener Albert-Schultz-Eishalle gesprochen. Tatsächlich war die Organisation dann vor Besucheransturm überfordert: VIPs und Pressevertreter drängten sich in der glühenden Mittagshitze vor der Absperrung, keiner der jungen Securities konnte Auskunft geben.

Gegenüber den österreichischen Journalisten zeigten viele Gäste, aber auch die Veranstalter, eine gewisses Skepsis. Mehrere Besucher beschwerten sich über die Ihrer Meinung nach verzerrte Erdogan-Berichterstattung. „Er hat doch Frieden gebracht, warum schreibt ihr das nicht“, fragte eine eigens aus Deutschland angereiste Anhängerin des AKP-Politikers.

So habe sie in ihrer Jugend immer wieder gehört, die kurdische Minderheit sei  „böse“ , aber das  sei jetzt dank Erdogan vorbei“. Etliche Besucher waren aus Deutschland angereist, um ihrem Idol zu lauschen. Für Inhaber eines deutschen Reisepasses gab es zu Mittag spontan Freikarten, obwohl offiziell schon alle Tickets vergeben waren.

Die Bühne in der Halle war mit einem Erdogan-Konterfei, den Fahnen der Türkei, der EU und Österreichs und dem Logo der Veranstalter, der „Union of European Turkish Democrats“ geschmückt, über die Videowand flimmerte Werbung diverser Döner-Fabrikanten und Livebilder vom Parkplatz vor der Halle, während sich das Publikum mit Sprechchören auf den Erdogan-Auftritt einstimmte.

foto: christian fischer
Einpeitscher und Fans vor der Eishalle


14:30 Uhr: Spindelegger über Erdogans Besuch

Vizekanzler Michael Spindelegger hat sich am Rande des Finanzministertreffens in Luxemburg zu Erdogans Besuch in Österreich geäußert. Er hoffe, dass der türkische Premier bei seinem Besuch am Donnerstag in Wien "nur wahlkampfbedingte Aussagen" mache, wo es "nicht darum geht, die Bevölkerung gegeneinander aufzuwiegeln". Erdogan habe ihn im Vorfeld gefragt, ob er ihn treffen könne, "aber ich bin hier und kann daher nicht", so Spindelegger in Luxemburg.


14:20 Uhr: Erste Zahlen der Polizei

Laut Polizei nehmen an der Demonstration in der Wiener Innenstadt derzeit 400 Menschen teil, 2.000 am Praterstern. 7.000 Befürworter des Premiers befinden sich bei der Eishalle. Bisher gab es keine Zwischenfälle.


14:00 Uhr: Die Halle füllt sich

Die Eishalle ist bereits halb voll mit Anhängern von Erdogan, auch derStandard.at ist bereits drinnen. Erdogan-Sprechchöre werden nach der Melodie eines ottomanischen Kampfliedes skandiert. Auf der Video-Leinwand werden die Fans des Premiers richtiggehend eingepeitscht: "In Köln hat man die Leute bis Berlin gehört, warum ist es in Wien so leise?" Auf den Sesseln liegen türkische Fahnen bereit. Bis die Halle ganz gefüllt ist, könnte es noch dauern, da beim Eingang ein starkes Gedränge herrscht. Manchen Journalisten soll der Einlass trotz Akkreditierung verwehrt worden sein, ob dieses Gerücht stimmt, war im Trubel jedoch nicht zu verifizieren.

foto: derstandard.at/berthold eder
Erdogan-Fans in Kagran


13:00 Uhr: Befürworter und Gegner sammeln sich

Vor der Eishalle haben sich schon Hunderte Menschen versammelt. Die Türen wurden bereits geöffnet. In der Venediger Au unweit des Wiener Pratersterns, wo ab 14 Uhr die größere der beiden Demonstrationen beginnt, haben sich schon viele Gegner des türkischen Premiers eingefunden. "Youtube, Twitter und Facebook versuchst du zu sperren, aber unsere Gedanken kannst du uns nicht nehmen", steht auf einem Plakat.

foto: apa/herbert p. oczeret
Erdogan-Gegner in Wien


12:00 Uhr: Was passiert?

Der türkische Premier Recep Tayyip Erdogan hält heute Donnerstag in der Albert-Schultz-Eishalle in Wien eine Rede. Der offiziell als privater Besuch beim Verein UETD bezeichnete Auftritt wird allgemein als Kampf um Stimmen der Auslandstürken bei der türkischen Präsidentschaftswahl im August gewertet. In der Halle werden 7.000, davor 10.000 Anhänger erwartet.

Mehrere österreichische Regierungspolitiker haben im Vorfeld den Besuch kritisch bewertet. Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) hat Erdogan zu einer vorsichtigen Wortwahl aufgerufen, um die türkische Community in Österreich nicht zu spalten. Kurz behält sich auch ein Gespräch mit Erdogan vor. Gegen den Auftritt sind zwei Demonstrationen angemeldet. Bei einer werden 10.000, bei der anderen 1.000 Teilnehmer erwartet. Die Polizei hat umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen vorbereitet.

derStandard.at liefert regelmäßige Updates rund um den Auftritt von Erdogan und den Demos.  (mvu/bed/ras/rwh, derStandard.at, 19.6.2014)

  • Erste Erdogan-Fans vor der Albert-Schultz-Eishalle in Wien. Hier werden bis zu 10.000 Anhänger zum Public Viewing erwartet.
    foto: maria von usslar

    Erste Erdogan-Fans vor der Albert-Schultz-Eishalle in Wien. Hier werden bis zu 10.000 Anhänger zum Public Viewing erwartet.

  • Erdogan-Gegner beim Praterstern
    foto: sinisa puktalovic

    Erdogan-Gegner beim Praterstern

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